Der CONTRA-KRIEG 1981 - 1990

Die Rolle der USA

Während Jimmy Carter als US-Präsident der sandinistischen Revolution abwartend gegenüberstand, die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen aufrecht erhielt und die Gegner der Revolution nur halbherzig unterstützte, galt mit der Amtsübergabe an Ronald Reagan 1981 jeglicher Versuch von Sozialreform als Kommunismus und außerdem als Anzeichen für eine direkte Einmischung der Sowjetunion. Im Sinne der Dominostrategie – die Entstehung eines kommunistischen Staates führt zwangsläufig dazu, dass auch die übrigen Länder der Region kommunistisch werden – erschien Nicaragua für die Reaganadministration als der Keim für einen sozialistischen Umsturz in den übrigen Ländern Zentralamerikas, das die USA immer noch als ihren „Hinterhof“ betrachteten. Durch die Revolution dort sah Reagan die USA selbst direkt durch den Kommunismus bedroht. Reagan stellte die (US-amerikanische) Sicherheit über die Einhaltung der Menschenrechte und erklärte, dass die Region noch nicht reif für die Demokratie sei. Direkte Gegenmaßnahmen waren die Weiterführung und Aufstockung der Militärhilfen an die übrigen, diktatorisch regierten, zentralamerikanischen Staaten – vor allem an El Salvador und Guatemala, die in blutigen Bürgerkriegen versanken.

Außerdem ließ Reagan durch die CIA Pläne zum Sturz der sandinistischen Regierung ausarbeiten, was auch nach US-Recht ein illegaler Akt war. Die Rechtfertigung war die angebliche Unterstützung der sandinistischen Regierung für die Guerillaorganisation Frente Farabundo Martí de Liberación Nacional (Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí, FMLN) in El Salvador. Diese Unterstützung gab die sandinistische Regierung später zu und verwies auf die Notwendigkeit, der FMLN zum Erfolg zu verhelfen, um die eigene Revolution sicherer zu machen.

Der contra-Krieg

Die Unterstützung der contras begann bereits unter US-Präsident Carter und wurde unter Reagan forciert. Dazu wurden Militärbasen in Honduras errichtet, in denen die ehemaligen Nationalgardisten (insgesamt ca. 15.000) ausgebildet wurden und von denen aus sie nicaraguanisches Territorium überfielen. Die Finanzierung der Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen die Revolution war auch in den USA umstritten und wurde vom US-Kongress mehrmals beschränkt, bevor sie 1985 verboten wurde. Gleichzeitig verhängten die USA ein Handelsembargo gegen Nicaragua, das von verschiedenen westlichen Staaten befolgt wurde. Die Reagan-Administration (in Gestalt der CIA und des National Security Council) suchten daraufhin nach illegaler Finanzierung durch Spenden von „befreundeten Regierungen“, Privatleuten und Unternehmern und vor allem durch überteuerte Waffenverkäufe an den Iran, eine Praxis, die in der sogenannten Iran-contra-Affäre öffentlich wurde und zu Gerichtsverfahren gegen mehrere Beteiligte in den USA führte. Die contras selbst finanzierten ihren Kampf außerdem durch Drogenhandel. Da die contras der Reagan-Regierung als ineffizient in ihrem Vorgehen galten, verminte die CIA zudem nicaraguanische Häfen, wogegen Nicaragua 1984 vor dem Internationalen Gerichtshof klagte und 1986 Recht bekam. Die USA weigerten sich das Urteil anzuerkennen. Eventuelle Schadensersatzansprüche in Milliardenhöhe wurden durch das spätere Zurückziehen der Anklage durch die Regierung Violeta Chamorro unmöglich.

Wichtigstes Instrument für die USA waren die contrarrevolucionarios, kurz „contras“ genannt. Diese bildeten eine heterogene Gruppe, deren einzige Gemeinsamkeit die Gegnerschaft zur sandinistischen Regierung war.

Die wichtigsten Gruppierungen:

  • die Fuerzas Democráticas Nicaragüenses (Nicaraguanische Demokratische Kräfte, FDN), die sich aus ehemaligen Nationalgardisten rekrutierten und von Militärbasen auf honduranischem Territorium aus Überfälle in Nicaragua ausführten,
  • die Frente Revolucionario Sandino (Revolutionäre Front Sandino, FRS), eine Gruppe enttäuschter Sandinisten um Edén Pastora, die von Costa Rica aus operierten. Edén Pastora war comandante cero, der Anführer, bei der Besetzung des Nationalpalasts im August 1978 gewesen; seiner Gruppierung gingen die Reformen der sandinistischen Regierung nicht weit genug,
  • die indigenen Organisationen MISURASATA (ursprünglich: Miskitos, Sumu, Rama und Sandinisten vereint) und YATAMA (Yapti Tasba Masraka Nanih Aslatakanka = Kinder der Mutter Erde) wehrten sich gegen das Vordringen sandinistischer Sicherheitskräfte an der Atlantikküste, stellten aber 1987 mit dem Autonomiestatut für die Atlantikküste die Kämpfe ein,
  • die MILPAS, (milicias populares anti-sandinistas = antisandinistische Volksmilizen) waren bäuerliche Selbstverteidigungstruppen.

Mehrere dieser Gruppen versuchten mit unterschiedlichem Erfolg, die einzeln kämpfenden Gruppierungen zu größeren Einheiten zu vereinen: UDN-FARN (Unión Democrática Nicaragüense + Fuerzas Armadas Revolucionarias Nicaragüenses = Nicaraguanische Demokratische Union + Bewaffnete Nicaraguanische Revolutionäre Kräfte), ARDE (Alianza Revolucionaria Demorática = Revolutionäre Demokratische Allianz), FDN (Fuerzas Democráticas Nicaragüenses = Nicaraguanische Demokratische Kräfte) und RN (Resistencia Nicaragüense = Nicaraguanischer Widerstand). Wichtigste contra-Führer waren Alfonso Robelo, Enrique Bermúdez, Steadman Fagoth, Brooklyn Rivera und Adolfo Calero. Viele Kämpfer dieser Gruppen waren früher Militärs der Somoza-Diktatur. Der RN gehörte auch Pedro Joaquín Chamorro jr. an, Sohn des von der Somoza-Diktatur ermordeten Herausgebers der Tageszeitung „La Prensa“, die inzwischen in Opposition zur Sandinistischen Volksrevolution stand.

Graffiti mit Wortspiel: "Meine Herren Imperialisten: Im sandinistischen Nicaragua machen Ihre Flugzeuglein fuuus..."Gleichzeitig bauten die USA eigenes militärisches Drohpotenzial auf. Spionageflugzeuge überflogen Mitte der 1980er Jahre beinahe täglich nicaraguanisches Territorium, vor den Küsten des Landes patrouillierten US-Kriegsschiffe. Dadurch war ständig eine direkte Invasion des US-Militärs zu befürchten. 1986 gelang es den nicaraguanischen Streitkräften, ein Kleinflugzeug der contras abzuschießen. An Bord war u. a. der US-Bürger Eugene Hasenfus, der für die CIA arbeitete. Damit war erneut bewiesen, dass die USA direkt in den Krieg verwickelt waren. Hasenfus wurde Anfang 1987 aus der Haft entlassen und in die USA abgeschoben.

Die contras begingen in ihrem Kampf zahlreiche Menschenrechtsverletzungen. Viele Menschen der oft einsam gelegenen Gehöfte im Norden, die ihnen Unterstützung versagten, wurden gefoltert, verstümmelt und ermordet. Andere, darunter auch Kinder, wurden nach Honduras entführt und zur Arbeit für die contras gezwungen. Trotz der finanziellen und materiellen Unterstützung durch die USA konnten die contras allerdings nie ihr Ziel erreichen, dauerhaft nicaraguanisches Territorium erobern. Dies wäre nötig gewesen, um eine Gegenregierung ausrufen zu können, die offizielle Unterstützung hätte erhalten können.

Eingegrabener Panzerwagen in einer Straße Managuas, 1985Die sandinistische Regierung sah sich angesichts der Überfälle durch die contras und deren enorme Folgen im August 1983 gezwungen, den servicio militar patriótico (Patriotischen Militärdienst) einzuführen, eine zweijährige Wehrpflicht für Männer ab 18 Jahren. Gleichzeitig wurden zwölf Batallones de Lucha Irregular (Spezielle Bataillone gegen den irregulären Kampf) mit je 700 – 800 Mann gebildet, die direkt dem Innenminister Tomás Borge unterstellt waren. Die Wehrpflicht verstärkte den durch die Versorgungsmängel ohnehin wachsenden Unmut in der Bevölkerung.

Gleichzeitig siedelte die Regierung viele Menschen in den Kriegsgebieten des Nordens und Nordostens in ruhigere Zonen um, wo sie in neu errichteten Orten (asentamientos) lebten. Diese Umsiedlungen, vor allem von Miskito-Indígenas im Nordosten, geschahen auch unter Zwang. Außerdem wurden die Bauern im Norden Nicaraguas für ihre Selbstverteidigung bewaffnet. Adolfo Calero, ein contra-Führer, erklärte daraufhin: “Was sie eine Kooperative nennen, ist auch ein Truppenkonzentration voller Waffen. Wir töten keine Zivilisten. Wir kämpfen gegen bewaffnete Menschen und schießen zurück, wenn wir beschossen werden.“

Zur Strategie der contras gehörten gezielte Angriffe auf alle Errungenschaften der sandinistischen Revolution wie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, aber auch die Infrastruktur (Straßen und Brücken) sowie auf die wirtschaftlich wichtige Kaffeeproduktion, die die Haupteinnahmequelle an Devisen war. In der Folge kam es zu Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung und zu einer enormen Inflation.

Auch mit der Revolution solidarische Menschen, die in Nicaragua Ausbauhilfe leisteten, wurden von contras getötet. Zwei von ihnen waren Deutsche, die beide von der Städtepartnerschaft Freiburg – Wiwilí kamen: Der Arzt Albrecht „Tonio“ Pflaum wurde 1983 in Wiwilí ermordet, der Wasserleitungsbauer Bernt Koberstein 1986 nahe der Stadt Matagalpa hinterrücks erschossen.

Der contra-Krieg hinterließ eine hohe Inflation, eine zerstörte Infrastruktur, nach unterschiedlichen Quellen zwischen 30.000 und 70.000 Tote und 100.000 Flüchtlinge.

Der Friedensprozess

Bereits 1984 kam es zu einer ersten Friedensinitiative durch die Regierungen von Mexiko, Venezuela, Kolumbien und Panama (Contadora-Gruppe), die von den USA torpediert wurden und im darauf folgenden Jahr scheiterten. 1987 unternahm der costaricanische Präsident Óscar Arias einen neuen Anlauf, den die USA mit einer Kürzung der Wirtschaftshilfe beantwortete. Das dennoch 1987 unterzeichnete Abkommen (Esquipulas II) sah ein Verbot der Unterstützung von Aufständen, ein Verbot Aufständischen Rückzugsräume auf eigenem Territorium zu gewähren, Entwaffnung der contras und aller übrigen paramilitärischen Gruppierungen in Zentralamerika, Reduzierung der Truppenzahl der Armee und freie Wahlen in Nicaragua und den anderen Staaten vor. Die nicaraguanische Regierung erfüllte als einzige, am Friedensprozess beteiligte Partei alle Vereinbarungen und führte 1990 freie Wahlen durch. Die contras kamen ihrer Verpflichtung zur Entwaffnung nicht nach. Òscar Arias erhielt für sein Engagement für den Friedensprozess 1987 den Friedensnobelpreis.

Die um 10 Monate vorgezogenen Wahlen am 25. Februar 1990 verlor die FSLN völlig überraschend an die Unión Nacional Opositora (Nationale Oppositionsunion, U.N.O.) mit der Präsidentschaftskandidatin Violeta Barrios de Chamorro. Obwohl die contras militärisch nie nachhaltige Erfolge erringen konnten, hatte der Krieg letztlich zur Ermüdung der Bevölkerung geführt, die sich nach Frieden sehnte. Beinahe jede nicaraguanische Familie war direkt oder indirekt vom contra-Krieg betroffen. Nur mit einem Sieg der U.N.O. schien ein Ende des contra-Kriegs möglich, zumal die USA angekündigt hatten, nur im Fall der Niederlage der Sandinisten das Handelsembargo aufzuheben.

Den contras wurde von der neuen Regierung, wie den Entlassenen des zu verkleinernden nicaraguanischen Militärs auch, Land und Materialien zur Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft versprochen. Als diese Versprechen von der neuen Regierung nicht gehalten wurden, kam es zur Bildung von Gruppen, die sich „Re-Contras“ nannten und bewaffnet für die Erfüllung der Ankündigungen kämpften. Bald bildeten sich aus ehemaligen Militärangehörigen „Re-Compas“ (von compañero, Kamerad, der üblichen Anrede unter Sandinisten), die aus denselben Gründen zu den Waffen griffen. Schließlich tauchten gar „Revueltos“ (Gemischte) aus, Gruppen aus contras und compas, die erkannt hatten, dass sie für dieselbe Sache kämpfen.

Erst zwei Jahre später herrschte Ruhe in Nicaragua, auch wenn gelegentlich immer wieder sich politisch gebende, marodierende Banden auftauchten, die sich auf die contras beriefen.