Der Somoza-Clan - Nicaraguas Diktatoren

Anastasio Somoza García

Anastasio (Spitzname „Tacho“ = Mülleimer) Somoza García wird 1896 in San Marcos geboren. Sein Vater ist ein kleiner Kaffeefarmer, der ihn nach Granada, in die Hochburg der Konservativen, zur Schule schickt. Aus Opposition zu dem vom Vater eingesetzten, erzkonservativen Vormund schlägt der junge Somoza sich jedoch auf die Seite der Liberalen.

Später schickt die Familie den jungen Mann in die USA auf die „Pierce School of Business Administration“, doch zeigt Somoza wenig Neigung zum Studium, sondern mehr Interesse für das Glücksspiel, das er aus seinen Gewinnen als Gebrauchtwagenhändler finanziert. Er heiratet Salvadora Debayle, eine Nichte des späteren Präsidenten Sacasa, die ihn überredet, nach Nicaragua zurückzukehren. Sein Vater richtet ihm in San Marcos einen Gemischtwarenladen ein, mit dem er bald Pleite macht.

Im Dienste der „Rockefeller Foundation“ betätigt er sich als Latrineninspektor und bei der Bekämpfung von Moskitoplagen. 1921 wird ein Verfahren gegen ihn wegen Falschmünzerei nur durch die massive Einflussnahme der mächtigen Familie seiner Frau niedergeschlagen.

Dank seiner Englischkenntnisse arbeitet er als Dolmetscher für die US-Truppen in Nicaragua und biedert sich dem liberalen Präsidenten Moncada an, so dass dieser ihn später zum Unterstaatssekretär macht. Als die Frau des US-amerikanischen Schlichters zwischen den nicaraguanischen Bürgerkriegsparteien, Mrs. Hanna Stimson, ihn zu ihrem Liebhaber kürt, ist Somoza ein gemachter Mann.

Nach dem Wahlsieg seines Schwiegervaters Sacasa Ende 1932 übernimmt Somoza das Oberkommando über die 1927 gegründete Guardia Nacional (Nationalgarde, GN) und lässt sie unter den Anhängern des gegen die US-Okkupationen kämpfenden "Generals der freien Menschen" Augusto C. Sandinos wüten. Seine Kooperativen werden überfallen, Menschen wahllos ermordet oder in Konzentrationslager verschleppt.

Als sich Präsident Sacasa im Februar 1934 mit Sandino auf eine friedliche Koexistenz einigt, beschließt Somoza die Ermordung Sandinos. Er befiehlt alle nicht in das Komplott verwickelten Nationalgardisten, zur ersten und einzigen Dichterlesung, die die GN je veranstaltet hat, in eine Kaserne Managuas. Nachdem die Morde geschehen sind, lässt er diese Gardisten nicht gehen, bevor sie nicht eine Anerkennung des „Todesurteils“ gegen Sandino unterschrieben und sich damit Somoza bedingungslos verpflichtet haben.

Sein Schwiegervater kontert zwar mit einer erneuten Vereidigung der GN auf das Präsidentenamt, doch Somoza schwächt ihn durch die Behauptung, er habe die Erschießung Sandinos zur „Rettung des Vaterlandes“ und im Einverständnis mit der US-Administration angeordnet. Bald erreicht er eine Amnestie für sich und die anderen an der Tat Beteiligten.

Sacasas Position ist dadurch geschwächt, während Somoza ab 1935 im ganzen Land Unruhen anzetteln lässt, in denen er sich als Krisenmanager bewähren kann, indem er sie durch die GN blutig niederschlagen lässt. Er stellt die jeweiligen Regionalregierungen unter seine Militärgewalt, bis er schließlich, abgesehen von der Hochburg der Liberalen, León, das gesamte Land unter seiner Kontrolle hat. Als die GN-Garnison von León unter dem Befehl eines Cousins des Präsidenten sich weigert, seine Truppen gegen Somoza ergebene Soldaten zu ersetzen, lässt Somoza diese „Revolte“ blutig niederschlagen. Präsident Sacasa flieht nach El Salvador.

Damit ist Somoza unumschränkter, aber nicht legitimierter Herrscher in Nicaragua. Er will ordentlich gewählter Präsident Nicaraguas werden. Um der Verfassung Genüge zu tun, legt er den Oberbefehl über die GN nieder, erscheint aber weiter in Zivil in seinem Büro und erteilt Befehle. Da er als Verwandter Sacasas nicht sofort Präsident werden kann, hievt er den ihm ergebenen Dr. Carlos Brenes als Interimspräsident ins Amt. Er nutzt die Zeit bis zu den nächsten Wahlen zur Spaltung sowohl der Liberalen wie der Konservativen Partei und lässt sich von beiden die Präsidentschaftskandidatur antragen.

Anastasio Somoza wird mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten Nicaraguas gewählt und am 1. Januar 1937 ins Amt eingesetzt, das er bis zum 1. Mai 1947 und dann noch einmal vom 21. Mai 1950 bis zu seiner Ermordung durch den Leoneser Dichter Rigoberto López Pérez am 29. Juni 1956 innehat. Zwischen diesen Amtszeiten Somozas regieren ihm hörige Marionettenpräsidenten das Land, um der Verfassung Genüge zu tun, die aufeinander folgende Amtszeiten desselben Präsidenten verbietet.

Die USA und Somoza

Das Time-Magazin veröffentlicht am 15. November 1948 ein Präsident Franklin D. Roosevelt zugeschriebenes Zitat über Anastasio Somoza: „Er mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn.“

Mit diesem Satz wird die Unterstützung der Diktatur durch die US-Regierungen „legitimiert“, die bis kurz vor Sturz der Diktatur 1979 anhält. Die USA befürchten in dieser Zeit des „Kalten Krieges“, dass Länder in ihrer Einflusssphäre sich aus der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA lösen und dem „Ostblock“ zuwenden könnten. Deshalb intervenieren sie mehrfach in Lateinamerika gegen demokratisch gewählte Präsidenten, die ihnen zu „links“ sind (z. B. 1954 in Guatemala gegen Präsident Jacobo Arbenz Guzmán und 1973 in Chile gegen Präsident Salvador Allende). Die Wirtschaftsblockade Cubas, das sich 1959 von der Bautista-Diktatur befreit hatte, besteht noch heute.

Die Unterstützung autoritärer Regime (nicht nur) in Lateinamerika ist der Theorie des „Domino-Effekts“ geschuldet: Fällt ein Staat der Region in die Hände des Kommunismus’, fallen die Nachbarn auch. Mit einem Erfolg der Sandinisten in Nicaragua wären die oppositionellen Guerillas in Nachbarstaaten wie El Salvador, Guatemala und Honduras gestärkt. Daher ziehen es die USA vor, die willfährigen Söhne „ihres Hurensohns“ zu hofieren.

Somozas Söhne Luis und Anastasio

Nach der Ermordung ihres Vaters üben seine Söhne mit Hilfe der GN blutige Rache an Oppositionellen. Die brutale Unterdrückung des Volkes, dem jegliche demokratischen Rechte fehlen, führt zur Gründung der FSLN-Guerrilla 1961 und zum bewaffneten Aufstand gegen die Diktatur.

Somozas Sohn Luis Somoza Debayle übernimmt das Präsidentenamt vom 29. September 1956 bis 30. April 1957 und noch einmal gleich anschließend vom 1. Mai 1957 bis zum 30. April 1963. Sein jüngerer Bruder Anastasio („Tachito“) ist nach dem frühen Tod seines Bruders Luis von 1967 bis 1972 und dann wieder von 1974 bis zum 17. Juli 1979 Präsident, als er unter Mitnahme großer Vermögenswerte und den Särgen seines Vaters und seines Bruders vor den siegreichen FSLN-Truppen nach Miami flieht. Er wird von Unbekannten am 17. September 1980 in Paraguay ermordet.

Seine diktatorische Macht übt Anastasio Somoza Debayle mit großer Brutalität aus, die in dem Maße zunimmt, in dem die FSLN Erfolge erzielen kann. So kommt es u. a. am 22. Januar 1967 zu einem Massaker mitten in Managua. Die Tageszeitung „La Prensa“ und oppositionelle Radiosender hatten zu einer Demonstration aufgerufen. Auf der Nord-Süd-Magistrale der Hauptstadt, der Avenida Roosevelt, wird die Demonstration durch die Guardia Nacional aufgehalten. Ein Leutnant, der ein Löschfahrzeug als Wasserwerfer einsetzt, wird aus der Menge heraus erschossen. Daraufhin eröffnen die Guardias das Feuer, rund 200 Menschen werden getötet.

Die Repression ist im ländlichen Raum und in den Provinzstädten wie León, Estelí, Matagalpa und Masaya besonders hart. Mitglieder verbotener Gewerkschaften werden ebenso verfolgt wie Campesin@s, die in Verdacht stehen, den Gueriller@s Unterstützung zu bieten. Immer wieder kommt es zu willkürlichen Verhaftungen; häufig werden die Verhafteten ohne Anklage lange eingesperrt, gefoltert und sogar ermordet. Die Willkür verstärkt aber nur den Widerstand gegen die Diktatur. Aufstände wie in Monimbó (Masaya) 1978 werden brutal niedergeschlagen; León und Estelí werden von der somozistischen Luftwaffe bombardiert.

Als Schergen des Regimes am 10. Januar 1978 den Herausgeber der Tageszeitung „La Prensa“, Pedro Joaquín Chamorro, auf offener Straße in Managua ermorden, folgen Massendemonstrationen, wie sie das Land zuvor noch nicht gesehen hat. Viele Intellektuelle und Bürgerliche wenden sich nun endgültig vom Regime ab.

Ein Land in Familienbesitz

Schon der erste Diktator, Anastasio Somoza García, hatte in den 10 Jahren seiner Präsidentschaft das Vermögen der Familie phänomenal vergrößert. Neben ausgedehnten Liegenschaften und zahlreichen Firmen hinterließ er seinen Söhnen ein Barvermögen von gut 100 Millionen US-Dollar. Seine Söhne wissen es zu mehren. Schon 1967 gehört dem Clan fast ein Viertel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Nicaraguas. Selbst das verheerende Erdbeben, das zu Weihnachten 1972 Managua erneut zerstört, nutzt die Familie zu ungehemmter Selbstbereicherung durch Veruntreuung internationaler Hilfsgelder und gezielte Bodenspekulation, wenn sie sich dadurch auch den Unmut der Bourgeoisie zuzieht, die fortan in milder Opposition zur Diktatur steht, die brutale Repression gegen das aufständische Volk („Verdächtig ist jeder“) zunächst aber weiter duldet.

Als Anastasio „Tachito“ Somoza Debayle 1976 eine Art Kassensturz macht, wird das Familienimperium in etwa sichtbar:

Ihr gehören offiziell 346 Firmen und Gesellschaften. Die Produkte und Aktivitäten umfassen:

Kaffee, Zucker, Baumwolle, Landwirtschaft und Handel generell, Textilien, Schifffahrt, Zollbüros, Reisebüros, Fischerei, Fleisch, Fleischkonserven, Viehzucht, Lagerhäuser, ein Hafen, Lufttransport, Bauindustrie, Aluminiumprodukte, Tabak, Ölraffinerien, Streichholzfabrikation, Werbung, Erholungszentren, Bankgeschäfte, Immobilien, Zement, Consultingfirmen, Autohandel, Möbel, Elektrogeräte, Kinos, Milchprodukte, Schuhe, Schnapsbrennereien, Verlage, Radio, Fernsehen, geothermische Energie, Pipelines, Düngemittel, Reis, Schiffsbau, Bergbau, Schallplatten, Computer, Boutiquen, Waschmaschinen und sogar der Export von Blutkonserven und Blutplasma.

Diese Anhäufung wirtschaftlicher Macht in der Hand der Familie Somoza und die Bevorzugung von Offizieren der Guardia Nacional bei der Vergabe von wirtschaftlich vorteilhaften Geschäften bringt weite Teile der Bourgeoisie ebenfalls in Opposition zum Regime. Nicht wenige beginnen, den Befreiungskampf der FSLN aktiv zu unterstützen.

Nach dem Sieg der Sandinistischen Volksrevolution 1979 wird der gesamte Familienbesitz der Somozas enteignet.