Nicaraguanische Literatur

Modernismus

Rubén Darío (Félix Rubén García Sarmiento)

Nicaraguanischer Dichter, geboren 1867 in Metapa, jetzt Ciudad Darío, und gestorben 1916 in León. Er ist eine der großen Stimmen Amerikas, und sein Einfluss auf die spanische zeitgenössische Poesie war groß. Sein Werk wird von der Erneuerung der poetischen Sprache und der Metrik, den thematischen Neuerungen, seinem Ästhetizismus und seiner Fremdartigkeit charakterisiert.

Nach seinen ersten Büchern, reinen Stilübungen, veröffentlichte er "Azul", ein Werk, das den hispanoamerikanischen Modernismus begründet. 1896 erschienen die Gedichte "Prosas Profanas", ein Eckstein der modernen Schule, und der Prosatext "Los Raros", in dem er die Biografien einiger Schriftsteller des ausgehenden Jahrhunderts nachzeichnet. "Cantos de vida y esperanza" (1905) ist sein reifstes Werk. Spätere Texte sind "El canto errante" (1907), der die schöne "Epístola a la señora de Leopoldo Legones" enthält, "Poema del otoño", geschrieben 1910, das als sein feinstes Werk angesehen wird, und "Canto a la Argentina y otros Poemas" (1914).

Rubén Darío repräsentiert die absolute Spitze der nicaraguanischen Poesie. Sein umfangreiches Werk schuf den Raum für eine große, modernistische Poesiebewegung in Nicaragua und revolutionierte die Sprache und den Poesiestil des Landes. Noch heute möchte jede_r Nicaraguaner_in als Dichter_in betrachtet werden, es sei denn, man beweist ihr / ihm das Gegenteil.

Avantgarde

José Coronel Urtecho

Geboren 1906 in Granada. Seine Poesie, neu vereint in "Pol-la D'Ananta", Cantata, paranta" mit "Imitaciones y traducciones" (1970), führte in den späten 1920er Jahren nach USA-Aufenthalten die Avantgarde in seinem Land ein. Sein berühmtestes Gedicht ist die "Oda a Rubén Darío". Er schrieb auch Romane, Essays und Dramen ("Chinfonía burguesa", 1939, gemeinsam mit Joaquín Pasos). Obwohl er ursprünglich die Partei des Diktator Somozas unterstützte und in ihr hohe Funktionen einnahm, unterstützte er ab 1977 aktiv die Frente Sandinista de Liberación Nacional. Er starb 1994 in Managua.

Joaquín Pasos Argüello

Gebroren 1914 in Granada. Bereits mit 16 Jahren trat er der Schriftstellergruppe "Movimiento de Vanguardia" (Avantgardebewegung) bei, der u. a. auch José Coronel Urtecho und Pablo Antonio Cuadra angehörten. Wegen seiner Satiren gegen die Somoza-Diktatur wurde er mehrfach inhaftiert. Er stach durch seine avantgardistische Poesie hervor. Pasos starb 1947 in Managua an den Folgen seiner Alkoholkrankheit, ohne ein zusammenhängendes Buch veröffentlicht zu haben. Erst auf Initiative von Ernesto Cardenal wurden 1962 unter dem Titel "Poemas de un jóven" seine Gedichte veröffentlicht.

Pablo Antonio Cuadra Cardenal

Berühmter Dichter und Dramaturg, geboren 1912 in Managua, nannte sich selbst nach seinen Anfangsbuchstaben "PAC". Er muss als eine fundamentale Figur der zeitgenössischen nicaraguanischen Dichtkunst betrachtet werden. Er leitete auch wichtige Zeitschriften wie die "Vanguardia". Seine wichtigsten Werke sind "Poemas Nicaragüenses", 1934, "El Jaguar y la Luna", 1959, "América o El Purgatorio" und "Esos Rostros que asoman entre la Multitud", 1976). PAC war Präsident der Nicaraguanischen Akademie für Sprache. 1991 erhielt er den Interamerikanischen Kulturpreis "Gabriela Mistral". Er starb im Jahr 2002 in Managua.

Generatión von 1940

Ernesto Cardenal

Geboren 1925 in Granada. Der Befreiungstheologie verbundener Dichter, Autor revolutionärer Poesie epischer Breite ("Salmos", 1964; "Oración por Marilyn Monroe y otros poemas", 1965; "El estrecho dudoso", 1966, und "Homenaje a los indios americanos", 1970). Viele seiner Werke sind auch ins Deutsche übersetzt. Bekannt wurde er auch durch sein Wirken als Priester auf der Inselgruppe Solentiname im südlichen Nicaraguasee, wo er mit den dort lebenden Menschen noch während der Somoza-Diktatur Kooperativen gründete und ihre kulturellen Neigungen, vor allem in ausgezeichneter naiver Malerei, und über diese Arbeit ihr gesellschaftliches Engagement (auch im Befreiungskrieg gegen die Diktatur) förderte. Hier enstand auch sein berühmtes Werk "El Evangelio de Solentiname".

Nach dem Sieg der Revolution war Cardenal bis zur Auflösung des Ministeriums 1987 Kulturminister. Wegen seines Engagements für die Revolution und seine marxistisch-humanistische Grundhaltung wurde Cardenal von Papst Johannes Paul II. heftig gerügt. In den 1990er Jahren trennte er sich von der FSLN.

Im Jahr 1980 erhielt Cardenal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2009 den Iberoamerikanischen Poesiepreis Pablo Neruda, 2012 den Preis der Königin Sofia für iberoamerikanische Poesie. Seit 2010 ist er korrespondierendes Mitglied der Mexikanischen Akademie für Sprache.

Zu seinen wichtigsten Werken gehört der "Cántico cósmico" (Der kosmische Gesang), 1989 verfasst und im Jahr 2012 neu herausgebracht.

Ernesto Mejía Sánchez

1923 in Masaya geboren, gehörte er zur Poetengeneration der 1940er Jahre ("Recolección a mediodía", 1980), veröffentlichte Aufsätze über R. Darío und Editionen von A. Nervo, Montalvo, Unamuno und José Martí. In seinen Gedichten befasste er sich in kraftvoller Sprache mit den großen Themen des Lebens, des Guten und des Bösen, der Liebe und der Schönheit der Poesie. Er war eng mit Ernesto Cardenal befreundet. Er starb 1985 in Mérida, Mexiko.

Prosa

Lisandro Chávez Alfaro

Geboren 1929 in Bluefields, gilt er als "Vater" des nicaraguanischen Romans. Schon in jungen Jahren ging er nach Mexiko. Mit der revolutionären Bewegung verbunden, werden seine Erzählungen ("Los monos de San Telmo", 1963) und Romane ("Trágame tierra", 1969) von der politischen Realität des Landes inspiriert. Lisandro Chávez war der erste Nicaraguaner, der den renommierten Preis der cubanischen "Casa de las Américas" erhielt (1963). Ab 1990 leitete er die Zeitschrift “Universidad” der Universidad Nacional Autónoma de Nicaragua (Autonome National-Universität, UNAN-Managua). Er starb im April 2006 in Managua.

Sergio Ramírez Mercado

Geboren 1942 in Masatepe. Jurist und Autor von Kurzgeschichten und Romanen über das nicaraguanische Ambiente ("Tiempo del fulgor", 1969, "Castigo divino", 1988, "Adios, Muchachos", 2001, und viele andere mehr). Er studierte 1973 - 1975 in Berlin (West), von wo aus er zunächst nach Costa Rica ging, um den revolutionären Kampf gegen das Somoza-Regime zu unterstützen, und gründete dort die "Gruppe der Zwölf", ein oppositionelles Bündnis von Intellektuellen und Unternehmern, das 1979 nach Nicaragua zurückkehrte, "um die Diktatur zu beerdigen". Ramírez war zunächst Mitglied der Junta, die nach dem Sieg der Revolution regierte. Ab 1985 bis 1990 war er nicaraguanischer Vizepräsident der sandinistischen Regierung. 1995 war er Mitbegründer der Movimiento de Renovación Sandinista (Bewegung zur Sandinistischen Erneuerung, MRS), deren Mitglieder den aus ihrer Sicht autoritäten Stil der FSLN und Daniel Ortegas ablehnten.

Viele seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt. 1985 erhielt er den österreichischen "Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte", 1990 den "Premio Hammett" für "Castigo divino" und 1998 den spanischen Preis Alfaguara de Novela für seinen Roman "Margarita, está linda lar mar".

Gioconda Belli

Geboren 1948 in Managua. Seit 1970 gehörte sie der FSLN an und ging 1975 ins Exil nach Mexiko, später nach Costa Rica. Zunächst wurde sie vor allem (und im katholisch-strengen Nicaragua als "skandalöse") Liebes-Lyrikerin ("Sobre la Gama", 1974, "Línea de Fuego", 1978, "Truenos y Arcoiris", 1982, "Amor insurrecto", 1985, "De la Costilla de Eva", 1987) bekannt. 1988 machte ihr Roman "La Mujer Habitada" (Deutsch: Bewohnte Frau) über die Sandinistische Volksrevolution, erschienen 1988, Furore. Ihm folgten der Roman "Sofia de los Presagios" (1990, Deutsch: Tochter des Vulkans) und weitere Romane (u. a. "Waslala", 2007, und "Die Republik der Frauen",2012) und Gedichtbände. Mitte der 1990er Jahre brach sie, wie Sergio Ramírez, mit der FSLN. In den Erinnerungen "Die Verteidigung des Glücks" (2002) beschreibt sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen der Revolutions- bzw. Exilzeit. Heute lebt sie in Los Angelos und Managua.

Für den Gedichtband "Línea de fuego" erhielt sie 1978 den Literaturpreis der cubanischen Casa de las Américas, 1989 den Preis "Das politische Buch" der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ebenfalls 1989 erhielt siew die Preise für den besten politischen Roman des Jahres ("Bewohnte Frau") und den Anna-Seghers-Preis der Berliner Akademie der Künste.

Die neue Generation

Helena Ramos

Geboren 1960 in Jaroslaw, UdSSR, wo sie im damaligen Leningrad den Master of Arts für Journalismus erhielt, lebt sie seit 1987 in Nicaragua. Sie ist Lyrikerin, Erzählerin, Journalistin und Literaturkritikerin, Mitglied des Nicaraguanischen Schriftstellerzentrums, des nicaraguanischen PEN und Mitbegründerin des Nicaraguanischen Schriftstellerverbandes (2000). Sie hat bisher zwei eigene Gedichtbände veröffentlicht.