Feste und Bräuche

Nicaragua mit seinen rund 6 Millionen Einwohner_innen ist eines der an Volkskultur reichsten Länder Mittelamerikas. Der Kalender ist übervoll von Patronatsfesten: Feiern, die ein ganzes Ritual mit Symbolen und religiösen Zeichen umfassen, in denen indigene Ursprünge fortblühen, nie aufgeschriebene und von den Vorfahren durch mündliche Überlieferung überkommene Bräuche. Diese Bräuche sind sehr lebendig und tauchen an den religiösen Feiertagen immer wieder auf.
 

Neben der Marienverehrung schätzen die Menschen die Blumenopfer. Die Versprechungen "bezahlt" es mit kleinen Dingen aus Gold oder Silber und mit Sträußen aus Früchten, die an einen Ast gehängt werden. Dieser besondere Brauch stammt aus der meseta de los pueblos (Hochebene der Völker) zwischen Masaya und Nandaime.

Reiterumzug beim Patronatsfest in San Rafael del SurMänner, Frauen, Kinder und alte Menschen sind die Protagonist_innen der Feste bei Tanz, Gesang und Gebet. Essen und Musik sind unverzichtbare Elemente der Feste. Außerdem gehören Reiterumzüge, das Stierreiten und schrille Schellen und Böller dazu.

Die Mehrheit dieser Feste hat seine Komitees. In der Regel werden diese Exekutivkomitees aus anerkannten Persönlichkeiten zusammengesetzt, die sehr gläubig sind und über ein gewisses Vermögen verfügen. Sie sind beauftragt, alle Aspekte des Festes zu organisieren. In Masaya werden diese Komitees Bruderschaften genannt, aus deren Reihen ein "Mayordomo" (Vorsitzender) gewählt wird. Die Mayordomos von Masaya haben während der häufig über mehrere Tage andauernden Feste ihre Häuser offen zu halten und Besucher zu bewirten.

Jedes Fest hat seine eigenen Charakteristika, wobei es aber auch Ähnlichkeiten und Varianten gibt. Es gibt kein Fest, das an nur einem Tag gefeiert wird. Das Minimum sind drei Tage, das Maximum drei Monate. In der Pazifikregion werden die traditionellen Feste von verkleideten und maskierten Tänzern begleitet, wobei häufig Männer als Frauen auftreten. Die Mehrheit der Feste werden durch Musikkapellen verschönt, die populäre und sakrale Blasmusik spielen.

Alle Feste werden mit einer Heiligen Messe begangen, die der örtliche Priester oder der Bischof der Diözese abhält.

In der Musik der Patronatsfeste herrscht das Stierbrüllen vor, mit einigen Ausnahmen, die die besonderen Charakteristika jedes einzelnen Festes ausmachen. Das Lied "1a, Nr.4" wird ausschließlich bei den Festen in Masaya gespielt, während in Boaco das Lied "El Guaro Blanco" (Der weiße Schnaps) das Lieblingslied der Gläubigen ist. In El Viejo im Departement Chinandega kennzeichnet das Lied "La Cuchara Panda" (Der gebogene Löffel) die Feierlichkeiten, in San Roque und San Pascual "El San Pascual Bailón" (Der unermüdliche Tänzer San Pascual). Zwar ist die Marimba Kulturerbe von Masaya, Jinotepe und Diriamba, also der Meseta de los Pueblos, aber die Blasmusik dominiert die festliche Szene.

Die Tänze, die auf den Straßen ausgeführt werden und das folkloristisch-theatralische Erbe Nicaraguas repräsentieren, stammen aus Diriamba, Boaco, Nindirí und León.

In Diriamba schätzt man die Pracht und Farbigkeit der Herren des "Toro Huaco", den Spott des "Güegüense" und das epische Drama von "El Gigante". Sie dienen der Verehrung des Heiligen Sebastian. In Nindirí werden die kriegerischen Szenen der Heiligen Anna gewidmet. In Boaco ehrt die Tanzkomödie von den Muslimen und den Christen mit Dialogen in altem Spanisch den Heiligen Santiago. In León treten Beflügelte mit Tänzen und Gesängen zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe auf.

Die Patronatsfeste sind das Gesicht und das Herz Nicaraguas, denn in ihnen spiegelt sich der Charakter des gastfreundlichen, spöttischen, zuvorkommenden, mutigen und auf seine Traditionen stolzen nicaraguanischen Menschen. Sie orientieren sich an den Namenstagen der Stadt- und Kirchenheiligen.

Wichtige, nicht religiös bedingte Festtage mit Musik, Tanz und Straßenumzügen sind der 17. und 19. Juli. Am 17. Juli 1979 floh der Diktator Anastasio Somoza vor der Sandinistischen Volksrevolution nach Miami. Dieses Ereignis wird seither mit einem Carnaval gefeiert. Der 19. Juli ist der offizielle Feiertag des Sieges der Revolution von 1979.

Der 15. September ist der nationale Feiertag der Unabhängigkeit von Spanien (1821). Er wird auch in den anderen vier ursprünglichen zentralamerikanischen Staaten (Guatemala, Honduras, El Salvador und Costa Rica) begangen.