Wirtschaft Nicaraguas

Allgemein

Nicaragua gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Durch die US-gesteuerte Diffamierung der sandinistischen Ideen, welche darin bestanden, einen dritten Weg neben existierendem Sozialismus und Kapitalismus zu gehen, und die daraus resultierende Wirtschaftsblockade der Reagan-Administration kam es zwischen 1987 und 1990 zu einem fast vollständigen wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Die Infrastruktur im ländlichen Raum ist häufig sehr schlecht

Nach dem politischen Machtwechsel zu Beginn der 90er Jahre verfolgten die neoliberalen Regierungen Nicaraguas die Wiedereingliederung in den Weltmarkt und die Intensivierung der Handelsbeziehungen mit der westlichen Welt. Erfolge der neoliberalen Wirtschaftspolitik stellten sich nicht ein. Im Gegenteil führte die exportorientierte Wirtschaftsstrategie wegen der stagnierenden Weltwirtschaft und der Schwankungen der internationalen Kaffeepreise zu einer Verschärfung der prekären Lage.

Hinzu kommt, dass Nicaragua extrem anfällig für Naturkatastrophen ist, die die wirtschaftliche Entwicklung bremsten und das Land oft um Jahre zurückwarfen. Bekanntestes Beispiel ist der Hurrikan Mitch, der 1998 große Schäden anrichtete. Die massive internationale Hilfe zur Überwindung der Folgen hätte die Wirtschaft massiv beleben und Fortschritte in der Entwicklung der Infrastruktur sowie in den sozialen Bereichen bewirken können. Mangelnde Regierungsfähigkeit der Parteien und die hohe Korruption machten diese Chance jedoch zunichte.

Das Bruttoinlandsprodukt beträgt im Jahr 2012 umgerechnet rund 3.200 US-Dollar pro Kopf (The CIA-Factbook). Noch immer leben 44,1% der Nicaraguaner_innen in Armut, haben also pro Kopf und Tag weniger als 2 US-Dollar zur Verfügung (fideg-Studie 2012). Seitdem die FSLN wieder in Regierungsverantwortung steht (2007), gibt es zahlreiche soziale Programme, die sowohl der städtischen wie der ländlichen Bevölkerung neue Perspektiven eröffnen. Gefördert werden u. a. die Existenzgründungen von Frauen in den Städten und die landwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten für Frauen auf dem Land.

Einen wichtigen Faktor des nationalen Einkommens bilden die so genannten „remesas“, Zahlungen von im Ausland (vor allem den USA) lebenden Nicaraguaner_innen an ihre Familien.

Landwirtschaft

Ein Bauer in seinem Maisfeld

Die Landwirtschaft als wichtiger Wirtschaftszweig ist stark von Klima und Weltmarkt abhängig. Neben Exportprodukten wie Kaffee, Gold, Rindfleisch, Zitrusfrüchten und Zucker werden Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis und Bohnen erzeugt, die der Versorgung der Bevölkerung dienen. Weiterhin ist der Fischfang von Bedeutung. Seit einigen Jahren wird auch die Milchproduktion zu einem wichtigen Faktor. In der Landwirtschaft wird eine Diversifizierung der Produktion gefördert.

Die Agrarwirtschaft stellt 40% aller Beschäftigungsverhältnisse in Nicaragua.

Industrie

Nicaragua verfügt über keine nennenswerte Industrie, die die landeseigenen Ressourcen zu Endprodukten verarbeitet. In den steuerbegünstigten Freihandelszonen werden unter Führung ausländischer Konzerne vor allem Textilprodukte für den Export hergestellt.

Das im Vorfeld vielfach kritisierte Freihandelsabkommen CAFTA-DR hat Nicaraguas Exporte stark begünstigt. Nicaragua exportiert vor allem Kaffee bester Qualität, Rindfleisch, Milchprodukte, Gold und Meeresfrüchte. Die Exporterlöse betragen allerdings nur rund die Hälfte der Importe.

Tourismus

Granada, die touristischste Stadt Nicaraguas

Die Entwicklung des Tourismus spielt eine immer wichtigere Rolle. In diesem Bereich sind zahlreiche, neue Arbeitsplätze entstanden. Viele Kreuzfahrtschiffe laufen seit einigen Jahren Nicaragua an, deren Passagiere aber meist nur kurze Landausflüge unternehmen.

Die einzelnen Regionen des Landes bieten Führungen zu speziellen Themen oder durch die zahlreichen Naturreservate an. Überall im Land sind kleine Hotels entstanden. Immer mehr Backpacker entdecken Nicaragua für sich.

 

Verschuldung

Anfang 2004 wurde Nicaragua im Rahmen der HIPC-Initiative (Heavily Indebted Poor Countries) von IWF und Weltbank ein umfassender Erlass seiner Auslandsschulden in Höhe von insgesamt 4,5 Mrd. US-$ (ca. 75% seiner Auslandsschulden) gewährt. Voran gegangen waren seit 1999 wirtschaftspolitische Strukturanpassungsprogramme und parallel dazu die Entwicklung einer nicaraguanischen Strategie zur Linderung der Armut. Der Anteil des Schuldendienstes vom Staatseinkommen wurde dadurch langfristig von 20% auf 9% reduziert.

Die dadurch frei werdenden Gelder sollten in nationale Programme der Armutsbekämpfung investiert werden, wurden aber nicht effektiv eingesetzt.

Wirtschaftliche Entwicklung

Seit 2006 ist Nicaragua Mitglied in der Zentralamerikanischen Freihandelszone CAFTA-DR und konnte dadurch seine Exporterlöse dramatisch steigern. Hauptexportland sind die USA. Ein wichtiger Handelspartner ist im Rahmen des ALBA-Bündnisses Venezuela.

Seit Antritt der sandinistischen Regierung 2007 wurde der Schuldendienst auf 4% reduziert. Nach einem starken Wirtschaftseinbruch im Jahr 2009 als Folge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftkrise erzielt Nicaragua Wachstumsraten von 4 – 5% jährlich. Die Inflationsrate wird für 2012 auf 6,4% geschätzt.

Aufgrund vorbildlicher Projektabwicklungen erhält Nicaragua leichten Zugang zu Förderprogrammen des IWF, der Weltbank und anderen internationalen Geldgebern. Betrugsvorwürfe bei den Kommunalwahlen von 2008 nahmen einzelne Mitgliedsstaaten der Eu zum Anlass, ihre entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Nicaragua auslaufen zu lassen bzw. zu beenden, darunter Deutschland.

Im Oktober 2012 ratifizierte das nicaraguanische Parlament als erstes der beteiligten sechs zentralamerikanischen Länder das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union (Asociación de Acuerdo, AdA), das den freien Handel begünstigten soll. Kritiker befürchten, dass AdA vor allem europäischen Investoren und Großkonzernen zugute kommen wird.

Energiepolitik

Der Ausbau der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen geht erstaunlich schnell voran. Bereits 2012 kommt fast die Hälfte des benötigten Stroms aus Windkraft, Wasserkraft, geothermischen Anlagen und Photovoltaik. Im Jahr 2017 will man bei rund 90% liegen.

Mit venezolanischer Unterstützung wird in Nicaragua derzeit (2012) eine große Erdöl-Raffinerie gebaut, so dass Nicaragua später auch Treibstoffe exportieren kann.

Das vor allem auf dem Land übliche Kochen mit Brennholz, das durch die Rauchentwicklung in den Häusern sehr gesundheitsschädigend ist, wird nach und nach durch den Einsatz von Herden auf Butangas-Basis ersetzt.