Projekte auf dem Weg zu einer integrierten Armutsbekämpfung

Nach über 14 Jahren erfolgreicher Projektarbeit mit dem Schwerpunkt auf Infrastrukturmaßnahmen in den Bereichen Trinkwasser, Gesundheit und Bildung lenkte der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Ende der 90er Jahre sein Augenmerk verstärkt auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung im ländlichen Raum der Partnerregion San Rafael del Sur. Viele Menschen leben hier in größter Armut. Ihnen stand und steht im Durchschnitt täglich nur 1 US-$ für den Lebensunterhalt zur Verfügung.

Von 1997 bis zum Jahr 2000 wurden über verschiedene Kleinprojekte auf dem Gebiet der integrierten Armutsbekämpfung erste Erfahrungen gewonnen, die dann ab 2001 in größere Projekte in diesem Bereich mündeten. 1995 hatte sich das Zentrum für ländliche Entwicklung Centro de Desarrollo Rural (CEDRU) als örtliche Nichtregierungsorganisation aus verschiedenen Selbsthilfekomitees der ländlichen Bevölkerung gegründet. Seitdem werden alle Projekte gemeinsam mit CEDRU durchgeführt. Nach und nach entstand ein Netzwerk lokaler Akteure, das gemeinsam mit der Bevölkerung und dem Verein an einer umfassenden Verbesserung der Lebensverhältnisse in der Region San Rafael del Sur arbeitet.

Wiederaufforstung am Río Jesús

Harte Arbeit in einer KalkbrennereiIn Nicaragua werden 95% des privaten und immerhin auch 25% des industriellen Brennstoffbedarfs mit Holz gedeckt. Auch Brandrodung ist noch immer verbreitet. Köhler verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung und dem Verkauf von Holzkohle. Im Gebiet von San Rafael del Sur arbeitet eine Kalkbrennerei, die ihren sehr hohen Energiebedarf ebenfalls mit Holz deckt. Wie in ganz Nicaragua werden daher auch in San Rafael del Sur die Wälder immer weiter zurückgedrängt - mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Wasserhaushalt und die Erosion der Böden, die überwiegend vulkanischen Ursprungs und somit sehr porös sind.

Mitarbeit bei Aufforstungsaktion1997 wurden in einem Pilotprojekt auf landwirtschaftlich nicht genutzten Flächen im Einzugsbereich des Río Jesús (ca. 40 Hektar) zahlreiche Baumschulen angelegt und bis Mitte 1998 mehr als 150.000 Setzlinge ausgepflanzt (u.a. Nutzholzarten und Obstbäume). Innerhalb dieses Projektes wurden neben den notwendigen Fachleuten in besonderem Maße auch Frauen beschäftigt, die für 26 Córdoba (damals etwa 2 US-$) pro Tag für die Pflege und Ausbringung der Pflanzen verantwortlich waren. Aber auch ganze Schulklassen (Öko-Brigaden) halfen dabei. Sie hatten sich zum freiwilligen Einsatz für 60 Arbeitsstunden pro Schüler_in verpflichtet. Mitte 1998 nahm außerdem eine Brigade der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD) an diesen Arbeiten teil.

Das gesamte Einzugsgebiet des Río Jesús wurde von der Gemeindeverwaltung als kommunales Wasserschutzgebiet ausgewiesen. In der Folge förderte auch INIFOM (Instituto de Fomento Municipal, Institut zur Förderung der Landkreise) erstmalig Entwicklungsprojekte im Umweltbereich in San Rafael del Sur. Auch im Rahmen späterer Projekte wurden immer wieder Aufforstungsmaßnahmen umgesetzt.

Revolvierende Fonds

Frau mit Pelibuey-Schafen aus dem revolvierenden FondsKleintierzucht

In San Rafael del Sur gab es schon immer Kleinbauernfamilien, die für den eigenen Bedarf Hühner oder auch Schweine hielten. Allerdings fehlte es ihnen regelmäßig an den Mitteln, eine größere Menge Tiere zu erwerben und zu halten, um diese für den Verkauf zu züchten.Impung eines Huhns aus dem Fonds Im Jahr 2000 konnte zahlreichen Familien durch die Zusammenarbeit mit CEDRU über das nicaraguanische Förderprogramm PROCESUR ein "Startkapital" an Zuchttieren im Rahmen eines revolvierenden Fonds zur Verfügung gestellt werden, so dass sie sich eine neue Erwerbsgrundlage aufbauen konnten. Dieses "Startkapital" wurde bei ausreichendem Nachwuchs inklusive "Zinsen" (ein zusätzliches Tier) in den Fonds zurückgegeben und an weitere Interessent_innen verteilt.

Diese Maßnahme wurde von Fortbildungskursen begleitet, die sich mit der Aufzucht und Pflege sowie der Vermarktung der Tiere beschäftigten und gleichzeitig eine neue Anlaufstelle zum Informationsaustausch und zur Zusammenarbeit bildeten.

Verbessertes Saatgut

Ein revolvierender Fonds konnte auch für Saatgut angelegt werden. Dabei wurde darauf geachtet, biologisch - nicht genmanipuliert - verbessertes Saatgut zu verwenden. Durch den Einsatz bestimmter Sorten, die sowohl gegenüber starker Trockenheit als auch extremer Nässe sowie gegenüber vielen Schädlingen eine höhere Resistenz aufweisen, konnten die Chancen der KleinbäuerInnen, eine oder sogar mehrere Ernten pro Jahr zu erzielen, verbessert werden. Außerdem kamen Sorten zum Einsatz, die einen höheren Nährwert aufweisen, so dass auch die Qualität der Erzeugnisse verbessert werden konnte. Saatgutfonds wurden für Bohnen, Mais und Hirse aufgebaut.

Gemüseanbau

Frau bei der Gartenarbeit Die Landwirte der Region San Rafael del Sur sind häufig Dürreperioden oder Phasen heftiger Regenfälle ausgesetzt. Die Anlage eines Gemüsegartens direkt am Haus kann in Dürreperioden Ernteverluste lindern, da dieser leicht täglich mit Brauchwasser bewässert werden kann. Darüber hinaus liefert ein Gemüsegarten die Grundlage für eine vielseitige und ausgewogene Ernährung, die in den ländlichen Regionen Nicaraguas selten ist. Die Nahrungsaufnahme beschränkt sich meist auf Reis und Bohnen mit Tortillas morgens, mittags und abends. Insbesondere Kinder leiden unter Vitaminmangel und haben als Folge einseitiger Ernährung häufig Entwicklungsdefizite.

Eine neue Vermarktungsstrategie

Erntezeit in San Rafael del Sur: Jedes Jahr ist das gleiche Phänomen zu beobachten. Wegen des Überangebotes an landwirtschaftlichen Produkten sinken deren Preise schlagartig im ganzen Land. Doch schon wenige Wochen später steigen die Preise wieder.

Entnahme von Mais aus dem Silo der Demo-Finca

Das Problem: Vor allem die Kleinbäuer_innen sind zum sofortigen Verkauf ihrer Waren gezwungen, da sie aufgenommene Kredite für Saatgut zurückzahlen und Kosten des täglichen Bedarfs dringend decken müssen. Außerdem sind ihre Lagerkapazitäten gering und qualitativ minderwertig. So konnten die Produzent_innen des Grundnahrungsmittels Bohnen in San Rafael del Sur ihre Erträge bisher nur im eigenen Haus oder in einfachen Schuppen lagern. Durch Mäuse, Ratten und andere Kleintiere, aber auch durch die dort herrschenden Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen ging oft ein Großteil der Ernte verloren.

1998 konnte CEDRU mit Födermitteln der UESA (Unidad Estrategica de Seguridad Alimentaria, Strategische Vereinigung zur Sicherung der Ernährung) die ersten 27 Silos bauen, in denen die Kleinbäuer_innen ihre über den Eigenbedarf hinausgehenden Erträge fachgerecht einlagern können. Sie erhalten zunächst eine Abschlagszahlung auf den zu erwartenden Verkaufserlös, um nicht zu lange auf die ersehnten Einnahmen warten zu müssen. Fachleute beobachten die Marktpreise und bestimmen den potenziell günstigsten Termin, an dem die Bohnen verkauft werden. Die Produzent_innen können jedoch auch weiterhin selbst bestimmen, wann und zu welchem Preis ihr Anteil der Einlagerungen verkauft werden soll.

Auf diese Weise werden Lagerungsverluste für die Erzeuger_innen erheblich reduziert und der Erlös pro Kilogramm Bohnen gleichzeitig deutlich gesteigert.

Demonstrations-Finca

Sexualkunde-Workshop auf der Demo-FincaIm Jahr 2000 gelang es CEDRU, unserer Partnerorganisation, ein Gelände zu erwerben, auf dem eine Demonstrations-Finca errichtet werden konnte. Hier werden verbesserte Anbaumethoden und Sorten getestet und die gewonnenen Erkenntnisse an die Bäuer_innen weitergegeben. Alternative Dünge- und Pflanzenschutzmittel wurden hier für den biologischen Landbau in San Rafael del Sur entwickelt. Die erzeugten Produkte wie Humus oder Pflanzenjauchen sind nicht nur gesünder für Mensch und Natur, sondern auch preiswerter als herkömmliche Chemieprodukte. Alphabetisierungskurse finden auf dem Gelände ebenso statt wie Workshops zu Themen wie Tierhaltung, verbesserte Anbauverfahren und natürliche Schädlingsbekämpfung und campamentos für Jugendliche, die hier zeltend ein Wochenende für Fortbildungen zu bestimmten Themen verbringen.