Ein Tag im Leben eines Brigadisten

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Noch vor dem Morgengrauen beginnen die Vögel, einen penetrant fröhlichen Lärm zu veranstalten. Kurz danach schweigen sie wieder.
Sie tun das nur, um mich zu wecken, und hauen sich dann noch mal wieder aufs Ohr. Gemein!

Gegen vier Uhr dreißig wird es langsam hell. Weit entfernt kräht, etwas heiser noch, ein Hahn. Der unsere antwortet markerschütternd. Ihre Konversation wird, mit kleinen Unterbrechungen, den ganzen Tag andauern.

Doña Elvira ist schon lange auf. Kaffee duftet durch die Hütte. Ab und an bekomme ich den beißenden Rauch des offenen Herdfeuers in die Augen und in die Lunge. Ich huste.
Tocktocktock, tocktock, tocktock, tocktocktocktock.
Doña Elvira klopft rhythmisch den Maisteig zwischen ihren kräftigen Händen zu kreisrunden Tortillas. Durch den Schlitz im Tuch, das meine Pritsche vom übrigen Raum trennt, sehe ich, wie sie die Tortillas auf das flache Herdblech wirft. Sie nimmt eine neue Handvoll Teig und das Geklopfe geht wieder los.

Es ist noch kühl, höchstens etwas über zwanzig Grad. Ich streife das dünne Tuch ab, mit dem ich mich nachts zudecke. Nicht wegen der Nachtkühle, vielmehr gegen den Staub, der durch die Ritzen der Bretterwände eindringt. Ein paar neue Flohstiche. Ich huste wieder, als der Wind eine dicke Schwade Rauch zu mir herübertreibt.
¿Ya te despertastes?
Doña Elviras Stimme ist hell und klar:
Bist du schon wach?
Sí, sí, cómo no.
Es ist sowieso Zeit aufzustehen. Ab sechs wollen wir arbeiten. Eisenknüppern bis mittags, dann Siesta, am Nachmittag noch mal zwei Stunden Sand schippen, Wasser schleppen, Zement anrühren. Ferien sind das nicht gerade.
Rein in die Arbeitsklamotten. Skorpione in den Schuhen? Alles voller Staub.

Doña Elvira schickt Jorge, ihren Zweitkleinsten, los. Er soll „leña“ holen. Ich staune immer, wieviel Feuerholz der Junge mit seinen sieben Jahren auf dem Rücken buckeln kann. Er holt es oben am Berg. Mit der Machete ist er schon sehr geschickt.
Fürs Wasserholen sind die Mädchen zuständig. Sie haben es noch schwerer. Der Brunnen neben der Hütte hat schon seit vielen Jahren kein Wasser mehr. Sie holen es vom Fluß. Sie brauchen ein halbe Stunde bis dahin und zurück noch länger, bergauf und mit dem schweren Eimer auf dem Kopf.
Einmal habe ich geholfen. Ein Liter Wasser wiegt ein Kilo, weiß ich noch aus der Schule. Der Eimer fasst zwanzig Liter. Sie haben mich ausgelacht, weil ich ihn gar nicht erst bis auf den Kopf bekam. Ich wollte ihn mit der Hand schleppen, aber der Henkel riss aus. Also haben sie ihn mir auf den Kopf gehievt. An dem Morgen brauchte ich keine Dusche mehr. Aber ich habe mich sehr an den Physikunterricht erinnert: Arbeit ist Kraft mal Weg.
Ich begrüße Doña Elvira und die Kinder, die vor dem Haus im Staub spielen. Acht hat sie insgesamt. Sie erzieht sie allein. Ich habe sie sehr lieb. Sind gar nicht quengelig, viel selbständiger als die meisten bei uns. Spielzeug haben sie nicht, nur den Ball, den ich mitgebracht habe. Aber den hat Sonia, die Älteste, unter Verschluss und rückt ihn nur unter Kontrolle raus.

Wenigstens regnet es heute nicht, sonst haben wir knöcheltiefen Schlamm auf der Baustelle. Schön, die kleine Schule wachsen zu sehen! Zwei Klassenräume bauen wir an. Vorher teilten sich über sechzig Kinder nur einen einzigen.
Mein Plastikteller steht schon neben dem qualmenden Herd. Reis und Bohnen, dazu die Tortillas. Vielleicht gibt`s heute mal eine Scheibe Tomate dazu, es wäre ein Fest.
In der Tonne hinter der Hütte ist kein Wasser mehr.
¡A la gran puta! Kein Waschen, kein Zähneputzen. Kein Wasser, um die Tortilla runterzuspülen. Doña Elvira zuckt gleichmütig mit den Schultern.
Vielleicht, meint sie, kriegen wir bald auch eine Wasserleitung?
Und sie sieht mich aus den Augenwinkeln von der Seite an, als könnte ich das entscheiden.
Ich nehme mir fest vor, das im Verein anzusprechen, wenn ich wieder in Berlin bin. Und wenn’s nur für sie ist. Eine tolle Frau, herzensgut, intelligent, auch wenn sie wenig mehr Bildung hat, als ausreicht, um ihren Namen schreiben und ihre paar Córdobas zählen zu können. Wahnsinn, wie sie das alles packt!
Müsste auch meine Wäsche mal wieder durch den Fluss ziehen. Die Frauen staunen nicht schlecht hier, wenn ich als Mann meine Wäsche selber wasche. Männer und Wäsche waschen? Ha!

Auf der Baustelle bin ich der erste. Ich setze mich in den Schatten. Ist schon gut warm. Die Sonne steigt in affenartiger Geschwindigkeit. Kein Lufthauch. Die anderen fünf Brigas, alles Frauen (typisch Berliner Brigade!), kommen mit Emilio.
Emilio, die Seele des Municipios. Ohne ihn läuft hier nix, glaube ich. Er hat seine Finger überall drin, aber saubere Finger! Da bleibt nichts dran kleben! So was gibt’s noch. Wo immer eine Schule gebaut, ein Graben gebuddelt, eine Wasserleitung verlegt, ein Stromkabel gezogen wird, Emilio ist da. Niemand kann das wie er, die Leute so zu motivieren, dass sie ordentlich reinhauen, egal, ob beim Gemüseanbauprogramm, bei den Ziegen oder bei der Aufforstung. Habe ihn eigentlich noch nie richtig sauer gesehen.
Emilio macht ein paar Scherze und haut ab. Für morgen hat er irgendwas ausgeheckt. Scheint eine kleine Fiesta zu geben in Los Rizos. Hab nicht alles verstanden, was er gesagt hat, dabei ist mein Spanisch gar nicht so schlecht. Ich glaube, er mag uns sehr, auch wenn wir viele doofe Fragen haben, die schon hunderte Brigadisten vor uns gestellt haben.
Nach einer Viertelstunde sind wir durchgeschwitzt. Wir reden nicht viel, nur einer der Nicas singt, gar nicht mal schlecht. Der arme Kerl arbeitet in der prallen Sonne, und mir ist schon im Schatten zu heiß. Eigentlich kann ich Hitze gut vertragen, aber das ist kein Urlaub hier. Wir sind hier nicht am Strand. Da ist nichts mit mal kurz ins Meer oder unter die Dusche.
Unter die Dusche! Das wär´s jetzt.

Zur Siesta bringt uns Sonia Reis, Bohnen, Tortillas – und eine Scheibe Tomate! Der lauwarme, süße Kaffee kann meinen Durst nicht löschen.
Immerhin Abwechslung. Wir schwatzen und lachen. Nach dem Essen werden alle müde, aber schlafen kann ich nicht. Ein Wind ist aufgekommen vom Pazifik her. Er wirbelt kleine Staubwolken über den Platz genau zu uns rüber.
Am Horizont tauchen im Westen Wolken auf. Vielleicht regnet’s doch noch? Für den Bau wär’s nicht gut.
Es regnet nicht. Um vier ist Feierabend. Leider keine Camioneta, um noch an den Strand nach Pochomil zu fahren. Das wär jetzt das Richtige: Hängematte, ein leckeres Fischgericht und faulenzen! Wir verabreden uns für den Abend in der Pulpería.
Auf dem Zahnfleisch nach Hause. Ich bin ganz schön groggy.

Die Mädchen haben Wasser geholt! Ich schöpfe es mit der Plastikschale aus der Tonne und lasse es mir genussvoll über den Kopf laufen. Man ist doch gleich ein ganz anderer Mensch mit geputzten Zähnen und gewaschenen Haaren!
Während die Sonne sich rasant und in einem spektakulären Schauspiel (Live und in Farbe!) hinter den Horizont verkrümelt, rede ich mit Sonia. Sie ist achtzehn, Militante der Juventud Sandinista. Interessant und rührend zugleich, ihre Wünsche und Erwartungen für die Zukunft: Wasser, Strom, mehr Bildungsmöglichkeiten, dass mal ein Arzt ins Dorf käme, so wie früher, und weniger Korruption im Land. Sie wünscht sich tausende Emilios, meint sie, dann käme das Land voran.
Wir sind schon die zweite Brigade, die sie kennenlernt. Sie mag uns „cheles“, sagt sie, aber für ein bisschen verrückt hält sie uns schon. Kommen her, arbeiten vier oder sechs Wochen unter diesen Bedingungen hier, wohnen primitiv, zahlen das alles auch noch selber und bekommen nicht einen Peso dafür.
Ich lache und denke: Mein Lohn ist, hier mit dir zu sitzen, diesen unglaublichen Sonnenuntergang zu sehen und dich in die Pulpería einladen zu dürfen.
Sonia zündet die Tranfunzel an. Strom gibt’s nicht. Kurz nach achtzehn Uhr wird’s zappenduster.
Sonia schüttelt den Kopf. Sie ist, lacht sie ein wenig verlegen, mit ihrem „novio“ verabredet.
Así es la vida, wie sie hier sagen, so ist das Leben.

Also stapfe ich allein in die Kneipe. Die anderen sind schon da. Müde ist niemand mehr. Wir trinken eiskaltes Bier und Coca aus schwitzenden Flaschen (der Laden hat einen Stromgenerator!) und lachen mit den Leuten. Sie sind unglaublich interessiert, wie wir so leben da in diesem Berlin, auf diesem fernen Kontinent. Wie ist Schnee, will einer wissen. Und wir fragen sie Löcher in den Bauch über ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Freuden. Machistische Rancheras plärren aus dem Radio. Es ist angenehm warm.
Als ich durch die Dunkelheit nach Hause stolpere, spüre ich meine Müdigkeit wieder. Noch zwei Wochen Arbeit, dann wird die Schule eingeweiht.