Wie werden Kommunen zum Schrittmacher für eine global nachhaltige Entwicklung?

Workshop 2: „Wie werden Kommunen zum Schrittmacher
für eine global nachhaltige Entwicklung?“

im Rahmen der Konferenz "Transformative Bildung für eine zukunftsfähige Entwicklung" vom 19.09.2014 - 20.09.2014 in der Kalkscheune, Berlin

 

 

 

Programm der Veranstaltung

 

Ein Kurzbericht von Helena Jansen, Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Kreuzberg-San Rafael del Sur, Berlin

Die Mobilisierung von Bildung und Lernen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung verlangt verstärktes Handeln auf lokaler Ebene. Die Verankerung einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist daher eine der Schlüsselaufgaben verschiedener kommunaler Institutionen. Besonders die Jugend-, Bildungs- und Kulturarbeit scheinen hierfür geeignete Bereiche darzustellen und zu den Schrittmachern eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels zu gehören. Ausgehend von der Auseinandersetzung der NRO mit den kommunalen Verwaltungsstrukturen und den politisch relevanten Debatten und Aktivitäten in diesen Handlungsfeldern sind daher Anknüpfungspunkte für die inhaltliche und strukturelle Einbettung der BNE in die Kommunen zu identifizieren und konkrete Projektideen zu entwickeln. Doch wie sieht das praktisch aus?

Vorbereitung und Inputs:

  • Helena Jansen, Fachpromotorin für Kommunale Entwicklungspolitik, Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Kreuzberg-San Rafael del Sur, Berlin
  • Nicole Gifhorn, Fachpromotorin für Globales Lernen, Bündnis Eine Welt, Schleswig-Holstein
  • Oliver Schruoffeneger, Abt. Jugend, Gesundheit, Umwelt und Tiefbau im Bezirksamt Berlin Steglitz-Zehlendorf
  • Michael Schrick, Mitglied der AG Städtepartnerschaft Treptow-Köpenick – Cajamarca
  • Eva Leipprand, Mitglied derKulturpolitischen Gesellschaft e.V.
  • Bianca Fischer,  Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V.

Workshop "Wie werden Kommunen zum Schrittmacher einer global nachhaltigen Entwicklung"

Oliver Schruoffeneger beschrieb den Weg, der in Steglitz-Zehlendorf eingeschlagen wurde, um BNE in kommunalen Strukturen zu stärken: Jugend- und Freizeiteinrichtungen sowie Schulstationen und Schüler/innenclubs wurden dazu eingeladen, internationale und/oder entwicklungspolitische Projekte im Rahmen der allgemeinen Jugendarbeit durchzuführen. Im Vordergrund steht dabei die Integration globaler Perspektiven in den Alltag der Jugendlichen, beispielsweise durch die Verknüpfung entwicklungspolitischer Fragestellungen mit einem internationalen Jugendaustausch. Im Bezirk werden alle BNE-Aktivitäten durch eine neu eingerichtete Stelle "entwicklungspolitische Koordination" professionell begleitet, die eng mit NRO und Fachpromotor/innen zusammenarbeitet.

Michael Schrick beschrieb die Erfahrungen des ASA - Kommunal - Projekts "Bürgerhaushalte leben von der Beteiligung", das im Rahmen der Partnerschaft zwischen Treptow-Köpenick und Cajamarca durchgeführt wurde. Ziel sei es unter anderem gewesen, Bürgerbeteiligung und Bürgerhaushalt in Treptow-Köpenick und Cajamarca zu vergleichen, voneinander zu lernen und gleichzeitig die Partnerschaft zu stärken. Allerdings wurden durch das Projekt kaum Bürger und Bürgerinnen aus dem Bezirk und auch kaum Akteure aus Kommunalpolitik und -verwaltung erreicht. Das Verhältnis zwischen personellem/finanziellem Aufwand und Nutzen sei daher kritisch zu sehen. Für die Verankerung von BNE auf kommunaler Ebene gilt es also, weitere Strategien zu entwickeln.

Eva Leipprand und Bianca Fischer betonten, dass das Aufzeigen kultureller Kodierungen und der Geschichtlichkeit des eigenen Standpunkts dazu beitrage, gesellschaftliche Werte neu zu diskutieren und die eigene Norm infrage zu stellen. Der Prozess der Relativierung der eigenen Perspektive sowie die Förderung der Empathiefähigkeit und der damit verbundene Einfluss auf normative und mentale Kodierungen wurden als wesentliche Potenziale der Kunst und Kulturpolitik identifiziert.

  • Im Hinblick auf die Übertragbarkeit der vorgestellten Praxis-Beispiele wurde festgestellt, dass lokale Ausgangsvoraussetzungen je nach vorhandenen zivilgesellschaftlichen Konstellationen und politischen Mehrheiten sowie gegebenen Schwerpunktsetzungen in einzelnen Ressorts sehr unterschiedlich sind. Es existiert also kein verallgemeinerbares Rezept, wie eine Kommune BNE voranbringen und im Gemeinwesen verankern kann.
  • Es wurde herausgestellt, dass sich die Unterschiedlichkeit von Kommunen in staatlichen Förderprogrammen nicht wiederspiegelt und damit dem Engagement erhebliche Grenzen gesetzt werden. Fortbildungen und Förderprogramme müssten künftig mehr als bisher die strukturellen Gegebenheiten von Kommunen widerspiegeln, fach-und ressortübergreifende Themen und Anforderungen aufgreifen und entsprechende Kompetenzen zu ihrer Bearbeitung vermitteln.
  • Es bestand Einvernehmen darüber, dass die (pädagogischen) Ziele kultureller Bildung weitgehend mit jenen der BNE übereinstimmen (Erwerb von Schlüsselkompetenzen, Perspektivenwechsel, Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Persönlichkeitsentwicklung) und kulturelle Bildung sowohl im informellen als auch im außerschulischen und schulischen Bereich große Bedeutung besitzt. Sie kann neue Lernformen eröffnen, die „Lust machen“ und rein kognitive Zugänge durch emotionale und affektive Lernformen bereichern. Um dieses Potential in der Praxis zu nutzen, müssen Themen und Schwerpunkte gesetzt werden, die wertbesetzte Diskussionen und Aktivitäten anregen. So kann zum Beispiel ein Museum durch die Infragestellung postkolonialer Ausstellungspraktiken gesellschaftliche Wertediskussionen abbilden und dazu beitragen, Stereotype und Vorurteile abzubauen.

    Weil "unsere gegenwärtige Sicht der Dinge nicht die einzig mögliche ist und das Aufbrechen alter Denkmuster Kerngeschäft von Kunst und Kultur ist" (Eva Leipprand) wiesen die Teilnehmenden der Kulturpolitik die Aufgabe zu, den Glauben an immerwährendes Wachstum und die Kultur des Konsumismus als gesellschaftliche Mythen zu entlarven und alternative Optionen zu entwickeln.
  • Abschließend wurde konstatiert, dass der Ausbau von Netzwerken und die Begleitung von Aktivitäten zur Stärkung der BNE professionelle Betreuung brauchen. Hierzu bedarf es ressortübergreifender, in der Kommune verankerter, Koordinatorinnen und Koordinatoren, die als "Change Agents" in enger Kooperation mit den Promotorinnen und Promotoren die strukturelle Verankerung von BNE in den Kommunen stärken.