"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 41 / Sommer 2000
 
 
Erstmalige Beteiligung am Karneval der Kulturen ein voller Erfolg

Dieses Jahr beteiligte sich der Verein zum ersten Mal am Karneval der Kulturen. Nach anfänglicher Skepsis, ob sich der große Organisationsaufwand und die finanziellen Investitionen auszahlen werden, machten sich die Interessierten schließlich voller Elan an die Vorbereitungen.

Zwei Tanzgruppen wurden gebildet, in denen NicaraguanerInnen und Deutsche sowie eine Spanierin versuchten, den gemeinsamen Rhythmus zu finden. Eine Gruppe studierte scheinbar reibungslos nicaraguanische Folkloretänze ein und organisierte die passende traditionelle Kleidung dazu. Der zweiten Tanzgruppe fiel es schwerer, gleich den Rhythmus zu finden. Unterschiedliche Herangehensweisen und mehrfache Änderungen der Choreographie führten kurzfristig zu Missverständnissen und Frustration. Durch das gemeinsame Interesse und die Bemühungen, einen Weg zu finden, konnten diese jedoch beseitigt werden. Nachdem unsere selbstgenähten orangefarbigen, hellblauen und grünen Kostüme fertig waren, konnten wir uns damit vertraut machen, in bauchfreien Tops und kurzen, wehenden Röcken zu tanzen, denn die Vorstellung, leicht bekleidet mit den aufreizenden Bewegungen des Palo de Mayo (Tanz der Atlantikküste) durch die Straßen zu schwingen, war uns dann doch etwas unbehaglich. Norma Rivera, die Hauptverantwortliche des Karnevalkomitees, die die Fäden trotz einiger Probleme zusammen hielt, hatte vom Naturschutz- und Grünflächenamt Kreuzberg einen Traktor mit Anhänger samt Fahrer (Rolf Dittmann) zur Verfügung gestellt bekommen. Rolf war vom Aufbau des Wagens bis zum Abtransport nach dem Umzug und noch am nächsten Tag mit Herz und Seele dabei und bereicherte die Atmosphäre.

Am Freitag, dem 9. Juni, begann das zum Karneval gehörende Straßenfest am Blücherplatz. In der Blücherstraße bauten wir einen liebevoll geschmückten Stand auf, an dem Caipirinha, Nica libre und Ron sowie alkoholfreie Getränke und Schokoriegel verkauft wurden. Es war ein Schichtdienst eingeteilt worden, der jeweils mit Handy ausgestattet war, um bei Versorgungsengpässen Nachschub zu organisieren. So wurde auch deutlich mehr verkauft als zunächst erwartet. Der Stand war Sammelpunkt für Mitglieder und Freunde des Vereins, die hier das bunte Treiben und die Stimmung z.T. trotz Regen genießen konnten.

Am Samstag, dem 10. Juni wurde im Hof des Kreuzberger Rathauses der Wagen geschmückt. Alles, was zur Verfügung stand und preiswert zu haben war, wurde herbeigeschafft. Unter einem Strohmattendach wurde die Musikanlage aufgebaut, Vereins und Sponsorenschilder befestigt und das Ganze schließlich mit echten Gurken, Chili, Karotten, Zitronen, Orangen und Bananen, sowie selbstkreierten Papierblumen und Girlanden geschmückt. Zu guter Letzt banden wir noch kleine Bäume an den Hänger, so dass er wirklich nicaraguanisch-wild aussah.

Die Hamburger Städtepartnerschaft mit Leon stellte ihre Gigantona, eine 2,5 m große Tanzpuppe, zur Verfügung, der wir als Schärpe unsere Wagennummer „5“ umhängten. Sie und eigens angereiste Nicaraguaner aus Hamburg und Oldenburg sowie aus Berlin, meistens mit Bierdose in der Hand, stellten die dritte Tanzgruppe unseres Wagens, so dass unserem Motto „Wir bringen Nicaragua auf Kreuzbergs Straßen“ vollends Rechnung getragen wurde.

Schließlich kam der große Tag des Umzugs, Pfingstsonntag. Wir zogen unsere Kostüme an und schminkten uns gegenseitig, legten letzte Handgriffe an die Dekoration und liefen um zwölf in Gespanntheit und leichter Nervosität zum Aufbau des Zuges in der Urban- Ecke Körtestraße. Wir schlenderten einmal an den anderen 110 Wagen vorbei und versuchten schließlich eine letzte Probe der Tänze, doch bevor etwas Sicherheit entstehen konnte, setzte sich der gesamte Zug unerwartet pünktlich um 13 Uhr in Bewegung. So blieb keine Zeit zur Aufregung, es musste einfach getanzt werden, was der Körper eben gerade hergab.

Dank hervorragender Leitung und Kreativität der ersten Reihe und unter dem Rausch der jubelnden Menge sowie der Hitze waren alle anfänglichen Hemmungen vergessen und der Zug rollte voran. Die Gente de la seguridad bahnten uns den Weg durch die Menge und versorgten uns mit Wasser, Bananen und Pflaster gegen die wachsenden Blasen an den Füßen. Die drei Tanzgruppen wechselten sich je nach gespielter Musik ab. Doch trotz der Erholungspausen wurden die Beine immer schwerer und zäher, so dass eine Bewegungspause in Bewegungslosigkeit hätte enden können.

Doch die Jury lag noch vor uns. Nach ca. 2/3 der Strecke hatte sich das Preisgericht in einem erhöht stehenden Wagen positioniert. Kurz vorher noch völlig erschöpft, durch die mittanzende, fotografierende, filmende und jubelnde Menge jedoch wieder aufgeheizt, gaben alle ihr Bestes und hatten so viel Schwung und Kraft, dass unser Wagen und unsere Performance schließlich mit dem 4. Platz ausgezeichnet wurden. Ein zusätzliches Preisgeld ging uns damit nur knapp durch die Lappen, was für die erste Teilnahme an dieser z.T. mittlerweile professionalisierten Veranstaltung als voller Erfolg gewertet werden kann.

Wir tanzten aus, bis wir schließlich k.o. aber überglücklich und noch vor dem ansetzenden Regen um 18 Uhr im Ziel waren. Nach einer Verschnaufpause trafen wir uns anschließend zum Anstoßen am Stand des Straßenfestes, welches Pfingstmontag zu Ende ging.

Mit 6.000 DM Gewinn und einer Menge Motivation zur Vereinsarbeit, nicht zuletzt durch gegenseitiges Kennenlernen der Mitglieder und Freunde des Vereins oder Intensivierung der bereits bestehenden Beziehungen und der Möglichkeit, sich jederzeit sinnvoll einbringen und zum Erfolg der Aktion beitragen zu können, konnte der hohe Organisationsaufwand und die Investitionskosten wohl vollends ausgeglichen und die Beteiligung am Karneval als großer Erfolg gefeiert werden.