"Atabal de Nicaragua"
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Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 41 / Sommer 2000
 
 
Leserbrief einer Lehrerin an die „First Lady“ Nicaraguas

Wir haben in der Vergangenheit schon wiederholt auf die katastrophalen Verhältnisse in allen Bereichen des Bildungssektors hingewiesen. Einen besonders eindrucksvollen Einblick in die Arbeits- und Lernbedingungen an Nicaraguas Schulen bietet der folgende Leserbrief einer Lehrerin an die Tageszeitung El Nuevo Diario vom 15.04.2000. Sie reagiert auf einen wenige Tage zuvor erschienenen Artikel, in dem María Fernanda Flores de Alemán, die junge Frau des Präsidenten, selbst studierte Lehrerin und mit einem gut bezahlten Posten im Bildungsministerium bedacht, das Lehrpersonal Nicaraguas auffordert, angesichts der bildungspolitischen Probleme noch ein wenig Geduld aufzubringen.

Sehr verehrte María Fernanda,
im Nuevo Diario vom 11. April bitten Sie uns um Geduld. Vielen Dank für diesen guten Ratschlag. Sie dürfen uns weitere Ratschläge geben, nachdem ich Ihnen folgendes erzählt habe:
Ich fühlte mich krank und ging zu einem Arzt, von dem ich wusste, dass er mich kostenlos behandeln würde. Nach kurzer Untersuchung sagte er mir: Du bist nicht eigentlich krank. Du bist unterernährt. Beschaff dir eine Packung Mincartil und eine Packung Ensure, um dich ein wenig von deinem körperlichen Schwächezustand zu erholen.

Ich schickte eines meiner Kinder los, um zu erfahren, wie viel mich jedes dieser Medikamente kosten würde, und es stellte sich heraus, dass das eine C$ 567.00 und das andere C$ 82.00 kostet. Für beide zusammen müsste ich also C$ 649.00 ausgeben, fast die ganzen C$ 700.00, die ich pro Monat verdiene. Raten Sie mir bitte, was ich tun soll?

An manchen Tagen habe ich nicht die Kraft, arbeiten zu gehen. Was soll ich bitte tun? An anderen Tagen fühle ich mich im Klassenzimmer so schwach, dass ich nicht unterrichten kann, wie ich es immer gemacht habe, sondern die Kinder einfach etwas abschreiben oder lesen lasse. Dann hoffe ich, dass schon irgendetwas von dem, was sie kopieren und lesen, in ihren Köpfen hängen bleibt und also die Anstrengungen ihrer Eltern (ihnen ein wenig Bildung zu verschaffen) nicht ganz verloren sind.
Unglaublich, aber ich habe im Klassenzimmer nicht einmal einen eigenen Tisch, auf den ich meinen schmerzenden Kopf legen könnte, weil ich nicht einmal eine Tasse schwarzen Kaffee zum Frühstück hatte. Den gebe ich lieber meinen Kindern, wenn ich kann. Was soll ich also tun, Erste Dame? Vielleicht können Sie als Frau, werdende Mutter und Lehrerin sich an meine Stelle versetzen und auf Ihren Gatten einwirken, dass der Staat uns LehrerInnen nicht länger mit diesem schändlichen Elendsgehalt abspeist. Warum macht er sich nicht Gedanken über uns LehrerInnen, wie er sich Gedanken über die JournalistInnen gemacht hat?

Ich will aufrichtig sein und Ihnen eine traurige Anekdote meines derzeitigen Lebens erzählen: Eines Tages erwachte ich ohne einen einzigen Centavo, ohne ein Stück Brot im Haus, in größter Armut. Und ich verfiel auf die Idee, von jedem/r meiner SchülerInnen einen Córdoba zu verlangen, „um Zeugnisformulare zu kaufen“, wie ich ihnen sagte. Einige gaben mir diesen Córdoba gleich, so ging ich in der Pause sofort los, um etwas Essen für meine Jüngsten zu kaufen, die allein zu Hause bleiben. Diese Idee war ein Segen für meine Kinder, da sie ihnen schnelle Linderung ihres Hungers verschaffte. Andererseits weiß ich sehr wohl, dass ich die Kinder unterweisen muss, dass Diebstahl, und sei er noch so geringfügig, ein Vergehen ist, das man bekämpfen muss. Was halten Sie von dieser Geschichte? Ich verspüre eine große Scham. Vielleicht können Sie als Lehrerin und Frau irgendetwas unternehmen.

Es scheint, dass Sie unser Elend damit rechtfertigen, dass in den Vereinigten Staaten „der Lehrer zu den am schlechtesten bezahlten Berufen zählt“. Sie wissen, was ein Lehrer in den vereinigten Staaten verdient und wie er davon lebt. Vergleichen Sie bitte. Hier in Nicaragua sterben wir vor Hunger.

Gez.: Eine nicaraguanische Lehrerin*

*aus nachvollziehbaren Gründen kann ich meinen Namen nicht nennen.