"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 42 / Herbst 2000
 
 
Integrierte Armutsbekämpfung – unser Ansatz zur Hilfe

Wer in Nicaragua, dem zweitärmsten Staat Lateinamerikas, arbeitet, wird tagtäglich mit dem Problem der wachsenden Armut konfrontiert. An jeder Straßenecke Managuas findet man mehr und mehr fliegende Händler. Die Zahl der Straßenkinder steigt stetig – Armut ist Alltag. Fast die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen – der Preis einer Dose Coca Cola. Die Preise für eine ausreichende Ernährung sind für den Großteil der Bevölkerung fast unerschwinglich geworden. Das Elend und die Hoffnungslosigkeit, die sich dahinter verbergen, werden durch Zahlen der UNO oder Weltbank eher verschleiert, wenn dort steht, dass die Kalorienversorgung nur 73% des Notwendigen beträgt.

Wer hier Hilfe leisten will, muss sich regional konzentrieren, wie wir es im Rahmen der Städtepartnerschaft mit San Rafael del Sur seit vielen Jahren praktizieren, und muss auch Armut als umfassendes Problem begreifen. Armut bedeutet nicht nur geringes Einkommen und unzureichende Ernährung, sondern auch fehlender Zugang zu medizinischen Basisversorgung, unzureichende Bildungsmöglichkeiten, mangelhafte Versorgung mit Trinkwasser, geringe Produktivität in der Landwirtschaft aufgrund fehlenden Geldes, Zerstörung der natürlichen Ressourcen, um zu überleben, niedrige Lebenserwartung, hohe Kindersterblichkeit, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten und enorme Anfälligkeit gegenüber wirtschaftlichen oder klimatischen Katastrophen, um nur einige Aspekte zu nennen.


Gerade die jährliche Abfolge von Naturkatastrophen in Nicaragua und dem Gebiet unserer Partnergemeinde haben gezeigt, wie jedes Mal die Existenz der armen Bevölkerung extrem gefährdet wird. Nur zur Erinnerung:
  • 1996 und 1997 extreme Dürren aufgrund des El-Niño-Effektes mit Ernteverlusten von bis zu 80%
  • 1998 die Zerstörungen durch den Hurrican „Mitch“ mit erneutem Verlust der zweiten Aussaat
  • 1999 die Dürre nach der ersten Aussaat sowie die Zerstörungen aufgrund mehrerer tropischer Tiefausläufer, die zur Ausrufung des Notstandes auch und besonders in San Rafael del Sur führten
  • im Jahre 2000 wiederum Zerstörungen durch tropische Tiefausläufer mit Starkregen im Oktober – vgl. Bilder in dieser Ausgabe.

Die Tatsache, dass es trotz dieser Unwetterkatastrophen in unserer Partnergemeinde nicht zum Ausbruch größerer Epidemien mit Hunderten von Toten kam, ist ein Erfolg unserer bisherigen Arbeit. Mittlerweile haben fast 70% aller Gemeinden Zugang zu sauberem Trinkwasser und müssen sich nicht mehr aus belasteten Oberflächenquellen versorgen. Aber auch die systematische Unterstützung des Gesundheitssektors in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass trotz der radikalen Kürzungsmaßnahmen auf nationaler Ebene die Basisgesundheitsversorgung in unserer Partnerregion noch einigermaßen funktioniert und schnelle Hilfe geleistet werden konnte. Nicht umsonst hat der Verein u.a. beschlossen, mit erheblichen finanziellen Mitteln den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung für 13.000 Menschen in unserer Partnerstadt durch den Neubau eines Gesundheitszentrums zu verhindern (vgl. dazu den Bericht über den Stand der Arbeiten in dieser Ausgabe).

Aber auch die Aufrechterhaltung des Grundrechtes auf Bildung durch die kontinuierliche Unterstützung des Bildungssektors, insbesondere auf Dörfern, ist seit 1986 Bestandteil unserer Projekte. Gemeinsam mit den Elternkomitees werden Schulen repariert, erweitert oder neu gebaut, Lehrer(innen) bezahlt und Schulmaterialien für die Ärmsten zur Verfügung gestellt. Aufgrund der Zunahme des Analphabetismusses bei den Erwachsenen wollen wir in den kommenden Jahren auch verstärkt deren (Re-)Alphabetisierung unterstützen.

Seit 1996 gehört zu unserem Konzept der Armutsbekämpfung zunehmend aber auch die Förderung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch die Schaffung verbesserter Einkommensmöglichkeiten. Gerade alleinerziehende Frauen werden hier unterstützt, um ihnen neue und stabile Einkommensquellen zu erschließen. Wir haben mittlerweile für fast 500 Begünstigte Möglichkeiten zur Kleintierhaltung in Form revolvierender Fonds geschaffen. Im Rahmen dieses Programms erhalten die Familien Hühner, Schafe oder Schweine und zahlen diesen Naturalkredit zurück, indem sie einen Teil des Tiernachwuchses zurückgeben. Dieser fließt dann wieder in den Fonds ein und wird erneut verteilt.

Trotz aller finanziellen Probleme aufgrund zu geringer Mittel haben wir auch im Jahre 2000 mit Erfolg dieses Projekt fortgesetzt und für die Folgejahre eine Unterstützung durch die europäische Kommission beantragt. Dann soll auch die Einführung nichttraditioneller Anbauprodukte, der Aufbau von Hausgärten, die Realisierung kleinerer Bewässerungsmaßnahmen, die verstärkte Nutzung organischen Düngers und organischer Pestizide, Erosionsbekämpfung, Einführung verbesserten Saatgutes sowie die Förderung einer eigenständigen Lagerhaltung und Vermarktung ausgeweitet werden. Erste Maßnahmen auf diesem Gebiet, die alle mit einer Ausbildung der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen verbunden waren, haben klare Erfolge gezeigt. Die Begünstigten konnten ihre Einnahmesituation nachhaltig verbessern.

Aber auch Maßnahmen im Bereich Ressourcenschutz, insbesondere Wiederaufforstungsmaßnahmen unter verstärkter Einführung von Obstbäumen, werden realisiert und müssen gesteigert werden.
Damit bedeutet jede Spendenmark für Projekte in San Rafael del Sur nicht die Unterstützung einer Einzelperson oder Einzelmaßnahme, sondern die nachhaltige Förderung eines Konzeptes, das Armut auf allen Feldern bekämpfen will und darüber hinaus den Betroffenen eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben eröffnen will. Weiterhin fließen alle Spendengelder zu 100% in die Projekte vor Ort, da die Verwaltungskosten hier durch Mittel des Bezirkes Kreuzberg sowie durch Mitgliedsbeiträge und Verwaltungskostenpauschalen der EU gedeckt werden.

Jede Spendenmark wird zudem in ihrer Wirkung vervielfacht, da wir bisher erfolgreich jeweils Kofinanzierungen durch öffentlicher Stellen oder von Stiftungen erlangen konnten. Alle Projekte werden immer gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt, die, soweit möglich, ihre Arbeitsleistung als kostenlose Eigenleistung einbringen.


Zum Abschluss eine Bitte an unsere Leserinnen und Leser: Unterstützen Sie unser Konzept und werben Sie in Ihrer Umgebung für die Unterstützung der Bevölkerung von San Rafael del Sur. Informationsmaterial kann in unserem Büro (siehe Editorial) angefordert werden.
Integrierte Armutsbekämpfung – unser Ansatz zur Hilfe