"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 42 / Herbst 2000
 
 
Steigender Dollarkurs contra Sicherstellung der Basisgesundheitsversorgung
Aktuelle Probleme eines Mehrjahresprojektes

1998 erfuhren wir, dass für 13.000 Bewohner(innen) unserer Partnergemeinde die Aufrechterhaltung eines kostenlosen Zugangs zur Gesundheitsversorgung gefährdet war. Damals wurden wir von der Bevölkerung aus 13 Gemeinden im Einzugsbereich des Küstenortes Masachapa darauf angesprochen, dass das bisherige Gesundheitszentrum „Julio Buitrago“ in der dortigen Zuckerfabrik geschlossen werden würde. Durch die Erhebungen eines Berliner Arztes wussten wir auch, dass sich das bisherige Zentrum von der Größe und der baulichen Situation her sowie in den Bereichen Strom- und Wasserversorgung in einem nicht nur nach hiesigen Maßstäben unhaltbaren Zustand befindet. Nach einer Schließung des vorhanden Zentrums würden das ärztliche Personal abgezogen werden und die 13.000 Einwohner(innen) unversorgt bleiben. Das zweite vorhandene Gesundheitszentrum in San Rafael del Sur könnte eine Mitversorgung in einer solchen Größenordnung nicht übernehmen.
Daher beschloss der Verein, noch im selben Jahr bei der Europäischen Union und bei der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Berliner Senats einen Antrag auf Kofinanzierung für den Neubau eines Gesundheitszentrums in Masachapa zu stellen. Wir kalkulierten damals mit einem Dollarkurs von 1,90 DM.

Der erste Rückschlag war, dass aufgrund von Umstrukturierungen in der EU Neuanträge vorübergehend nicht mehr angenommen wurden. Um dieses Projekt dennoch zu realisieren, fanden zahlreiche Gespräche auf Berliner Ebene statt, und mit großen Anstrengungen konnten wir erreichen, dass Aussicht bestand, durch zusätzliche Mittel des Bezirkes und Spenden des Vereins das Projekt dennoch zu finanzieren.

Der Hurrican „Mitch“ und die durch die tropischen Unwetter entstandene Notstandssituation Ende 1999 führten zu Bauverzögerungen, da u.a. erst einmal Nothilfe in anderen Bereichen geleistet werden musste.

Mittlerweile steht jedoch der Rohbau und es wurde mit dem Innenausbau begonnen. Auf über 1.2000 qm entstehen 59 Räume, einschließlich stationärer Bereiche, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig zu verbessern. Patienten müssen dann bei ernsthaften Erkrankungen oder Unfällen nicht mehr sofort nach Managua transportiert werden, was mit entsprechenden Risiken verbunden ist. Auch eine klare Trennung zwischen Vorsorge, ambulantem Bereich und der Sektion für Infektionserkrankungen erfolgt.

Gleichzeitig erhält das neue Zentrum eine gesicherte Trinkwasserversorgung, eine Notstromversorgung auf Photovoltaikbasis sowie eine kleine biologische Kläranlage. Es wird das drittgrößte Einzelgebäude im Gebiet unserer Partnerstadt sein, das auf dem gespendeten 10.000 qm großen Grundstück auch zukünftig sogar erweiterbar ist.

Ein so großes technisches Bauprojekt kann, anders als bei Trinwasserprojekten oder Schulbauten, nicht mehr überwiegend durch die kostenlose Bevölkerungsmitarbeit realisiert werden. Aus diesem Grunde sind wir seit über 12 Monaten auch einer der größten Arbeitgeber in der Region, da zeitweilig fast 50 Fachkräfte und Anzulernende auf dem Bau beschäftigt werden. Wir schaffen damit zusätzliches Einkommen für die Landbevölkerung. Die meisten der Maurer kommen aus den Dörfern unserer Partnergemeinde. Hier haben wir erstmalig auch konsequent die Ausbildung von Jugendlichen mit integriert, um diesen später neue Erwerbsmöglichkeiten zu ermöglichen. Alle Arbeitskräfte arbeiten im übrigen für den Mindestlohn, da sie die finanzielle Situation des Gesamtprojektes kennen.

In Berlin haben sich wieder Freiwillige gefunden, die auf eigene Kosten als Fachkräfte nach Nicaragua gegangen sind, um dort die gesamte Stromanlage zu installieren oder sich als Tischler zu engagieren. Trotz all dieser Maßnahmen stehen wir immer noch vor dem Problem, dass die Schwäche des Euros die geplanten Baukosten erhöht. Fast 40 Pfennig müssen pro Dollar heute gegenüber unserer Kalkulation mehr bezahlt werden, was sich bei einer Bausumme von ursprünglich fast 200.000 Dollar extrem bemerkbar macht. Glücklicherweise haben wir noch Ende 1999 im großen Umfang Baumaterialien im Voraus eingekauft, so dass die Auswirkungen des gestiegenen Dollarkurses abgemildert wurden, aber immer noch existieren.

Während hier bei uns über gestiegene Benzinpreise lamentiert wird, hängt in Nicaragua die Aufrechterhaltung einer kostenlosen Basisgesundheitsversorgung für die Ärmsten der Bevölkerung davon ab, möglichst schnell durch zusätzliche Spenden dieses Finanzierungsproblem zu lösen. Die reiche Bevölkerung wird auch ohne ein Gesundheitszentrum in Masachapa weiterhin Privatärzte gegen entsprechende Bezahlung konsultieren können.

Da wir, wie in dieser Ausgabe an anderen Stellen berichtet, auch Spendengelder für Nothilfe, Kleinbauernförderung und die Unterstützung des Bildungsbereiches einsetzen mussten, um positive Entwicklungen nicht zu beenden, müssen wir leider weiterhin um die Abschlussfinanzierung für das Gesundheitszentrum kämpfen. Wir hoffen dabei auf Unterstützung, um das Zentrum wie geplant rechtzeitig fertig zu stellen. Der weitere Baufortschritt wird nur noch davon abhängen.