"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 42 / Herbst 2000
 
 
Freihandelszonen – Goldgruben ausländischer Konzerne
Kaum Verbesserung für die Situation der Maquila-ArbeiterInnen in Sicht

In den Freihandelszonen („Maquilas“) Nicaraguas arbeiten 16 % aller IndustriearbeiterInnen des Landes. 1998 betrug das Exportvolumen der dort ansässigen Firmen 182 Mio. US-$ (zum Vergleich: 1992 nur 3 Mio. US-$). 80 % der Beschäftigten verdienen, inklusive Überstundenzuschläge, monatlich zwischen 55 und 80 US-$. Dieser Lohn ist der geringste in den Freihandelszonen Zentralamerikas.

Am härtesten sind Frauen betroffen
Besonders hart treffen die miserablen Zustände in den Fabriken die Frauen, die 80 % aller in den Freihandelszonen Beschäftigten stellen. Dies belegt eine Studie der Frauenbewegung „María Elena Cuadra“. Interviews mit 2.562 Frauen, ca. 10 % aller weiblichen Beschäftigen in den Freihandelszonen, bilden das Datenmaterial dieser Studie. 85 % der Frauen sind unter 26 Jahre alt und 70 % alleinerziehende Mütter mit durchschnittlich vier Kindern.
Die Ergebnisse der Studie sind u.a.:
  • 63 % sagen, dass im Falle eines Arztbesuches ihr Gehalt gekürzt wird und sie die leistungsabhängigen Zuschläge verlieren;
  • 57 % beklagen, dass sie keine Atemschutzmasken bekämen, die sie vor Flusenstaub schützen würden, der regelmäßig zu Atemwegs- und Lungenbeschwerden sowie Allergien führt;
  • 35 % müssen um Erlaubnis fragen, um die Toilette benutzen zu dürfen. Diese Zeit wird dann gestoppt und im Falle, dass sie den Vorgesetzten zu lang erscheint, werden die Frauen beschimpft und sogar an den Haaren gezogen. Außerdem darf jede Frau maximal 2-4 mal pro Tag zur Toilette gehen;
  • In der Zone „Las Mercedes“, in der 20.000 ArbeiterInnen beschäftigt sind, gibt es nur eine Kindertagesstätte mit Platz für 80 Kinder. In den meisten Fällen bleiben die Kinder sich selbst überlassen, weil die Mütter sich keinen Babysitter leisten können;
  • Ein Arbeitstag ist durchschnittlich 12 Stunden lang, „freiwillige“ Überstunden, zu denen die Arbeiterinnen gezwungen werden, eingeschlossen. Pro Woche betragen diese Überstunden nicht selten 24 Stunden, manchmal auch mehr. Für Frauen stellt sich dabei das größte Problem der Kinderbetreuung;
  • Vorgesetzte können schwangeren Frauen umgehend kündigen. So führt Mutterschaft zu Not und Verzweiflung;
  • 50 der interviewten Frauen geben zu, verbal oder physisch von Vorgesetzten misshandelt worden zu sein, während 31 sexuell belästigt oder sogar missbraucht wurden. Die Dunkelziffer mag viel höher sein, denn bekannt ist auch, dass die Opfer zum Schweigen gezwungen werden. Alle Interviewten beklagen die verbreitete Praxis, sich vor Vorgesetzten entkleiden zu müssen, um sicherzustellen, dass sie kein Firmeneigentum aus der Fabrik schmuggeln.

Gewerkschaften praktisch verboten
Setzen sich nun ArbeiterInnen für ihre Rechte ein, droht ihnen unmittelbar Entlassung. Hiervon sind insbesondere gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnen betroffen; in ihnen sehen die Firmen potentielle UnruhestifterInnen.

Pedro Ortega, Präsident der Vereinigung der Textil- und BekleidungsarbeiterInnen, forderte wiederholt die Leitungen der Firmen CHENTEX und MIL COLORES auf, ihre Klagen gegen gewerkschaftlich organisierte und entlassene ArbeiterInnen zurückzuziehen. Sollte dies nicht geschehen, droht er ihnen mit Kampagnen und dem Druck internationaler Arbeitsrechtsorganisationen, die zum Boykott ihrer Produkte aufrufen werden, wie dies bereits mit Erfolg in Mexiko und Südafrika geschehen ist.

Beide Firmen liegen in der Freihandelszone „Las Mercedes“ im Distrikt Managua. CHENTEX, mit ca. 1.900 ArbeiterInnen, gehört zum Taiwanesischen Konsortium Nien Hsing, das noch drei weitere Fabriken in nicaraguanischen Freihandelszonen besitzt. Zusammen produzieren diese vier Firmen rund 70 % der gesamten Exporte aus Nicaraguas Freihandelszonen. MIL COLORES ist eine kleinere U.S.-amerikanische Firma.


Internationaler Druck auf Firmen wächst und trägt erste Früchte
Die Firmenleitungen geraten aufgrund von Flugblattaktionen vor amerikanischen TARGET und KOHL’S – Geschäften, die in den Freihandelszonen gefertigte Kleidungsstücke verkaufen, zunehmend unter Druck.

Craig Miller, Besitzer der MIL COLORES-Fabrik, zog daraufhin die Klagen gegen 63 der 68 in Gewerkschaften organisierten ArbeiterInnen zurück. Diese Klagen resultierten aus legitimen Streiks zu Beginn dieses Jahres, nachdem Verhandlungen um Gehaltserhöhungen, gegen hohe Sozialversicherungsabzüge und ungerechte Behandlung der ArbeiterInnen, für Überstundenbezahlung und sonstige Arbeitsrechte scheiterten. Die GewerkschafterInnen waren wegen Verstoßes gegen die Freiheit des Handels und wegen Unruhestiftung angeklagt.

CHENTEX zeigt sich weiterhin unnachgiebig, doch dank des zunehmenden (internationalen) Drucks auf die Firmen kam es im September zu einem Treffen zwischen Nien Hsing-Vertretern, Delegierten der internationalen Textil- und Bekleidungsgewerkschaft sowie nicaraguanischen Gewerkschaftern. Man einigte sich zunächst darauf, Verhandlungen bezüglich der Wiedereinstellung von Gewerkschaftsmitgliedern aufzunehmen.

Dies kann ein Hoffnungsschimmer sein, aber von einem Sieg der Gewerkschaften zu sprechen, wäre mehr als verfrüht. Denn noch Tage vor dem geplanten Treffen ließ das CHENTEX-Management verlauten, dass es seine Fabriken eher schließen wolle, als mit den Gewerkschaften zu verhandeln.


U.S.-amerikanische Beobachter des Landes verwiesen
In der Vergangenheit lehnten es die Fabrikbesitzer ab, mit der Presse zu sprechen, und verweigerten einer offiziellen Delegation des Arbeitsministeriums (MITRAB) und des Nicaraguanischen Zentrums für Menschenrechte (CENIDH) konsequent den Zutritt zu ihren Firmen.

Als Mitte August eine von Charles Kernaghan, dem Direktor der nationalen Arbeitervereinigung der USA, organisierte und von Bischof Thomas Gumbleton aus Detroit geleitete Delegation führender KirchenvertreterInnen sich ein eigenes Bild von der desaströsen Lage der ArbeiterInnen in den Firmen der Freihandelszone „Las Mercedes“ verschaffen wollten, wurde ihnen verboten, einen Gottesdienst innerhalb der Zone abzuhalten. Statt dessen fand dieser dann vor den Zäunen statt und hunderte von ArbeiterInnen nahmen teil. Darauf hin erhielt die Delegation am nächsten Tag eine Aufforderung des Migrationsministeriums, umgehend dort zu erscheinen und Rechenschaft über ihr Reisemotiv abzulegen. Den KirchenvertreterInnen wurde vorgeworfen, ihren Status als Touristen missbraucht zu haben, weil sie sich aktiv politisch beteiligt hätten. Die Regierung forderte sie nun „freundlich“ auf, nicht länger im Land zu bleiben. Weiterhin wurde ihnen eine Rückkehr ins Land untersagt. Die Reisegruppe verließ am folgenden Tag (planmäßig) nicaraguanischen Boden.

Einen Monat später machte sich Kernaghan selbst mit einer Delegation auf den Weg nach Nicaragua. Doch dort kam er nie an, denn bei einem Zwischenstopp in San Salvador wurde er von Salvadorianischen Offiziellen auf Ersuchen der Alemán-Regierung aus dem Flugzeug geholt. Bei ihrer Ankunft in Managua protestierte der Rest der Delegation gegen die Festnahme Kernaghans. Einige Delegierte übergaben außerdem Plastiktüten, die je 8 US-Cents enthielt, gespendet von amerikanischen KäuferInnen für nicaraguanische ArbeiterInnen, um deren Forderung nach einer Lohnerhöhung von 8 Cent für jedes fertige Paar Jeans Nachdruck zu verleihen. Nicaraguas Innenminister Rene Herrera rechtfertigte diese willkürliche Festnahme:

„Wir unternahmen diesen Schritt, um Herrn Kernaghan davon abzuhalten, unsere Arbeitswelt zu destabilisieren; das ist das exklusive Recht der nicaraguanischen Arbeiterschaft.“

Zynisch ließ er Kernaghan ausrichten: „Wenn er sagt, dass die 20.000 Arbeiter in den Freihandelszonen hier misshandelt werden, gut, lass ihn 20.000 Visa beschaffen und lass sie in die U.S.A. reisen, um dort für bessere Gehälter zu kämpfen. Sagen Sie ihm, dass ich das gesagt habe.“

Dieser Ausspruch blieb in den U.S.A. nicht unbemerkt. 28 Kongressmitglieder schrieben umgehend an den nicaraguanischen Botschafter in den USA, Oliver Garza, und beschwerten sich über diese unbedachten Ausführungen. U.S. Firmen kündigten ihre Verträge mit der Fabrik MIL COLORES oder setzten sie befristet aus und Nicaragua selbst droht ein Ausschluss aus der US-Karibischen Handelsinitiative.

CENIDH-Mitglied Boyardo Izaba konstatiert, dass die Entscheidung, Kernaghan auszuschließen “extrem dumm” war, ist er doch in den USA bekannt für seine Kampagnen, die wichtige Menschen- und Arbeitsrechte ins Rollen gebracht haben. Ein weiteres Nachspiel auf höherer politischer Ebene bleibt also abzuwarten, während die Proteste der Basis bereits zunehmen. So finden derzeit zahlreiche Solidaritäts-Aktionen vor KOHL’S- und TARGET-Läden in 69 Städten der USA statt, die von zwei der wegen Gewerkschaftsangehörigkeit gekündigten CHENTEX-Arbeiterinnen unterstützt werden.


Maquilas gewähren erste Einblicke
Anfang Oktober war es dann so weit. Die MIL COLORES Produktionsfirma öffnete ihre Tore für Nelson Artola, Vertreter des Komitees für Menschenrechte der Nationalversammlung, und Benjamin Perez, Ombudsmann für Menschenrechte in der Regierung.

Sie sprachen mit ArbeiterInnen und warteten auf den Schichtwechsel, um sie auch außerhalb der Tore interviewen zu können, weil sie dort wesentlich freier reden können. Beide werteten ihren Besuch in der Fabrik als einen Meilenstein in den Verhandlungen mit dem Firmenbesitzer Craig Miller. Dieser bestätigte, dass nunmehr 24 der entlassenen ArbeiterInnen auf bestem Wege seien, wieder eingestellt zu werden, ein Kernpunkt der Streitigkeiten zwischen den Vertretern beider Parteien.

Nelson Artola bestätigte, dass er an einem Papier arbeite, das die Probleme in den Produktionsstätten der Freihandelszonen beschreibt. Seiner Meinung nach muss die Regierung strenger gegen die Investoren vorgehen, die nicaraguanische Arbeitsrechte missachten. Beschwerden, die er von den ArbeiterInnen entgegennahm, bezogen sich z.B. auf unhaltbare hygienische Zustände auf den Toiletten, unerträgliche Hitze, verkürzte Mittagspausen, fehlende soziale Absicherung bei Krankheit trotz entsprechender Lohnabzüge, sowie das willkürliche Hochsetzen von Produktionszielen, damit keine Bonuszahlung an die ArbeiterInnen erfolgen muss.

Beide Gutachter sind sich jedoch einig, dass ihr Besuch nur ein Anfang war und dass sie ihre Besuche in Zukunft fortsetzten werden. Sie wollen ferner erreichen, auch in der CHENTEX-Fabrik Zugang zu bekommen. Aber um die Erlaubnis dazu zu erhalten, so sind sich beide sicher, ist weiterer internationaler Druck auf das Firmenkonsortium notwendig. Um so mehr, als ihre Machenschaften immer krimineller werden, wenn sie sich der wehrhaften ArbeiterInnen entledigen wollen:

So erzählt ein Sicherheitsbeauftragter dieser Firma, dass er mit Kündigungsandrohungen dazu gebracht wurde, in den Rucksäcken von GewerkschaftssympathisantInnen Jeanshosen zu verstecken, damit sie bei Verlassen des Geländes auf „frischer Tat ertappt“ werden können. Viele Wächter stünden unter vergleichbarem Druck. Sie sollen KollegInnen ausspionieren oder sie bei irgendetwas erwischen, was zu ihrer unmittelbaren Entlassung führen soll.

Schon häufig hat José Angel Solano, ein weiterer Sicherheitsbeauftragter, beobachten können, wie sich Inspektoren des Arbeitsministeriums ihre Autotanks auf firmeneigenen Tankstellen füllen ließen oder mit neuen Kleidungsstücken beschenkt wurden, damit sie weiterhin schweigen.


Ihr Kampf braucht unsere Solidarität
Trotz all der Einschüchterungsversuche seitens der Firmen setzten sich immer mehr ArbeiterInnen für ihre Rechte ein und bitten um internationale Unterstützung ihres Kampfes. Ein Sieg in Nicaragua wird sich positiv auf ganz Zentralamerika auswirken, während eine Niederlage die organisierte Gewerkschaftsarbeit noch viele harte Jahre kosten wird.
Wer die ArbeiterInnen in den Freihandelszonen unterstützen möchte, schreibt (bitte in Englisch!) an die e-mail-Adresse: CLR@IGC.ORG.

(Quelle: Nicanet 08.2000 bis 11.2000)