"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 44 / Sommer 2001
 
 
Mehr Bildung durch Fortbildung
Wie kann die Qualität des Unterrichts verbessert werden?

Ein wenig versteckt in der Menge der aktuell in San Rafael von unserem Büro und CEDRU durchgeführten oder vorbereiteten Projekte findet sich im Bereich der Entwicklung des Bildungssektors das Projekt "Fortbildung für Lehrer(innen)". Noch befindet es sich in der Entwicklungsphase und weder in Berlin noch in San Rafael gab es bislang konkrete Vorstellungen der Umsetzung. Deshalb bedeutete der Deutschland- und Berlinaufenthalt José Antonio Zepedas, des Generalsekretärs der nicaraguanischen Lehrerer(innen)gewerkschaft ANDEN, für uns eine gute Gelegenheit, ihm unsere Projektidee der "capacitación" (Fortbildung) vorzustellen und ihn in einer Vorstandssitzung um Rat zu fragen: Welche Formen der capacitación gibt es im nicaraguanischen Schulwesen, welchen Bedarf und welche Möglichkeiten der Realisierung sieht er für San Rafael.

Niemand könnte behaupten, erklärte José Antonio Zepeda, dass es in Nicaragua keine Fortbildung für Lehrer(innen) gäbe. Sie ist verbindlich, sie heißt capacitación, sie findet jedes Jahr einmal statt und dauert: gerade einmal eine Woche. Sie ist Teil der in den vergangenen Jahren erfolgten Schulreform mit ihren neuen Rahmenrichtlinien und neuer Methodik wie der Abschaffung des Frontalunterrichts. Doch diese Schulreform wurde "von oben" aufoktroyiert, nicht wie z. B. in El Salvador gemeinsam mit den betroffenen Lehrer(innen) und Schüler(innen) entwickelt. Die verfügte Reform mit den neuen Inhalten soll den Lehrer(innen) nun im Schnellkurs jeweils zu Schuljahresbeginn vermittelt werden. Natürlich ist eine Woche dafür absolut unzureichend, darüber hinaus ergeben sich jedoch in der alltäglichen Praxis drei weitere wesentliche Problembereiche:

  • Es erfolgt praktisch keinerlei methodische capacitación (wie vermittele ich auf interessierende Weise meinen Schüler(innen) beispielsweise "Alte Geschichte"?)
  • Die wohlgemeinten und begründeten Methoden funktionieren nicht angesichts überfüllter Klassenräume mit bis zu 60 Schüler(innen)
  • Selbst engagierte Lehrer(innen) finden für ihr Selbststudium keine begleitende Unterstützung durch schnell verfügbare Nachschlagewerke in kleinen Handbüchereien.

Fazit: die so genannte capacitación ist nicht mehr als ein Schlagwort, von der Regierung lediglich dazu benutzt, ihre Reforminhalte an die Schulen zu übermitteln, hat aber nichts gemein mit den allgemeinen Vorstellungen von Fortbildung.

Weitere Angebote von Seiten des Bildungsministeriums gibt es zumindest für den uns interessierenden Bereich der primaria (Grundschule) nicht. Die an den Universitäten angebotene Form der capacitación führt zum postgrado, richtet sich also nicht an das praktizierende Lehrpersonal der Grundschule. Darüber hinaus findet man über das Land verstreut nur einzelne ambitionierte Projekte verschiedener Nichtregierungsorganisationen. Auch ANDEN selbst führt capacitaciones lediglich in versprengten Projekten in einzelnen Regionen durch, hat aber kein für das ganze Land gültiges Gesamtkonzept entwickelt, für dessen Durchsetzung sie kämpfen könnte. Zu differenziert sind die unterschiedlichen Defizite und Erfordernisse, z.B. im städtischen und ländlichen Sektor. Wenn ANDEN aber ein Projekt durchführt oder unterstützt, so stellt sich als grundsätzliches Problem regelmäßig die Auseinandersetzung mit den ministeriellen Supervisor(innen), deren einziges Kriterium eines erfolgreichen Unterrichts allzu häufig die Erfüllung des Rahmenplans ist. Wesentliche Probleme in den bestehenden Projekten sind deshalb

  • Einführung angepassten Lernens unter Berücksichtigung der Vorgaben des Rahmenplans
  • Schwierigkeiten der Umsetzung moderner Methoden der Vermittlung, wie z. B gegenseitiges Lehren und Lernen von Kind zu Kind, wenn die Klassen unerträglich überfüllt sind
  • Der allseitige Materialmangel, um kreativ die neuen Methoden umsetzen zu können

Auch für unser Projekt ist Unterstützung durch ANDEN denkbar. Immerhin 40 % der Lehrer(innen) in der Region San Rafael sind in dieser Gewerkschaft organisiert, und die Kontakte der ANDEN-Zentrale in Managua zum Ministerium für Bildung, Sport und Kultur (MEDC) und zu MEDC/San Rafael sind grundsätzlich gut und von sachlicher Auseinandersetzung geprägt. Ausgangspunkt der gemeinsamen Überlegungen würden unsere bisherigen Prämissen sein:

  • Keine Unterstützung der von der Regierung durchgeführten capacitación
  • Keine Vermittlung fachlicher Inhalte
    Stattdessen die Schwerpunkte:
  • Methodik
  • Bereitstellung von kreativem didaktischem Material
  • Einbeziehung von Elternarbeit
  • Bereitstellung elementarer Bibliotheken für jede Schule
  • (Einbeziehung des Umweltgedankens, Integration der Projekte einkommensfördernder Maßnahmen, Aufbau einer "Parallelschule", Ausbildung und Einsatz speziell ausgebildeter Lehrer(innen), die kulturelle Techniken vermitteln könnten usw.)

Für den Vorstand war das Gespräch mit José Antonia Zepeda sehr informativ. Ergebnisse konnten nicht gleich erwartet werden, aber alle haben jetzt eine genauere Vorstellung davon, wie und welche Alternativen der capacitación wir den Lehrer(innen) in San Rafael anbieten könnten. Zur weiteren Konkretisierung des Projekts haben wir eine Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit von ANDEN/Managua, unserem Büro und spezialisierten Professor(innen) der UNAN (Nationale Autonome Universität) eingeleitet, die den Versuch machen sollen, ein auf die Situation in San Rafael abgestimmtes Konzept der capacitación zu entwickeln, das wir dann ab 2002 realisieren können.

Interessant für den Verein und die erschienenen Gäste waren auch José Antonio Zepedas Ausführungen bei unserem Mai-Plenum im Haus der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die 27.770 Lehrer(innen) Nicaraguas sind zu 70 % in Gewerkschaften organisiert. 80 % der Lehrerschaft sind Frauen, die Hälfte von ihnen allein erziehende, was sich gegebenenfalls durchaus negativ auf ihre Streikbereitschaft auswirken kann. Es gibt heute 16 verschiedene Lehrer(innen)gewerkschaften, die nicht unbedingt miteinander kooperieren, weil etliche von ihnen von der Regierung geschaffen wurden. Mit 12.680 Mitgliedern, entsprechend 52 % der organisierten und 40 % der gesamten Lehrerschaft ist ANDEN die größte Gewerkschaft im Bildungsbereich. Der Organisationsgrad in San Rafael entspricht also genau dem Landesdurchschnitt.

Zur Zeit wendet die nicaraguanische Regierung 4,2 % des Staatshaushalts für Bildung auf, obwohl die UNESCO 6 % als notwendiges Minimum fordert. Die Einführung der so genannten Schulautonomie bedeutet in erster Linie, dass sich die Schulen erhebliche Teile ihres Budgets selbst beschaffen müssen und vielfach Schüler(innen) und Eltern über die üblichen Gebühren und "freiwilligen Leistungen" hinaus ( auch gegen Vergabe guter Noten) dafür einspannen. Vom Ministerium erhalten die Schulen pro eingeschriebene(n) Schüler(in) lediglich einen Zuschuss von 20 Córdobas (nicht einmal 4 DM) pro Monat.

Die Eltern zahlen etwa 25 Córdobas pro Kind, das sie zur Schule schicken, hinzu kommen die Kosten für die Schuluniform, für Hefte, Stifte und so weiter, aber auch für "Extras" wie das Ausstellen der Zeugnisse. Der so genannte Warenkorb für eine sechsköpfige Familie wird heute mit einem Gegenwert von 200 US-$ pro Monat beziffert, ein Betrag, den kaum eine nicaraguanische Familie erreicht. Wenn man zusätzlich bedenkt, wie kinderreich nicaraguanische Familien gewöhnlich sind, ist verständlich, dass beispielsweise 1995 von rund 2 Millionen schulpflichtigen Kindern nur 1,2 Millionen tatsächlich für den Schulbesuch eingeschrieben wurden und dass es heute sicherlich noch viel mehr sind, denn pro Jahr werden in Nicaragua etwa 20.000 Kinder geboren.

Die Analphabetenquote ist landesweit daher auch wieder stark gestiegen. Während die Regierung von einem Anteil der Analphabeten in der Gesamtbevölkerung von 23 % ausgeht, liegt sie nach anderen Quellen bei über 35 %. Außerhalb der großen Städte ist sie allerdings noch einmal deutlich höher: bei den über 15 Jahre alten Menschen 45 % und bei Frauen im ländlichen Norden sogar über 50 %. Daran ändert auch ein Programm der Regierung wenig: Bedürftige Familien können eine Beihilfe im Wert von rund 300 US-$, bestehend aus Ranzen, Schuluniform, Heften, Stiften usw. beantragen. Das mag zunächst verlockend klingen, wird dennoch kaum in Anspruch genommen: Ein Kind, das zur Schule geht, kann schließlich nicht durch seine Arbeit zum notwendigen Familieneinkommen beitragen.