"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 46 / Winter 2001/2002
 
  Das Theater des Guten und des Bösen
Aufsatz des Schriftstellers Eduardo Galeano aus Uruguay ("Die offenen Adern Lateinamerikas", "Erinnerungen an das Feuer"), entnommen "El Nuevo Diario", 24. September 2001

Im Kampf des Guten gegen das Böse ist es immer das Volk, das die Toten stellt.

Die Terroristen haben in New York und Washington Angestellte aus fünfzig Ländern getötet – im Namen des Guten gegen das Böse. Und im Namen des Guten gegen das Böse schwört Präsident Bush Rache: "Wir werden das Böse dieser Welt eliminieren", kündigt er an. Das Böse eliminieren? Was wird aus dem Guten ohne das Böse?

Nicht nur die religiösen Fanatiker brauchen Feinde, um ihren Wahnsinn zu rechtfertigen. Auch die Rüstungsindustrie und der gigantische Militärapparat der Vereinigten Staaten brauchen Feinde, um ihre Existenz zu rechtfertigen.

Gute und Böse, Böse und Gute: Die Schauspieler wechseln die Masken, die Helden werden zu Monstern und die Monster zu Helden, so wie es diejenigen verlangen, die die Dramen schreiben.

Daran ist nicht Neues. Der deutsche Wissenschaftler Werner von Braun war der Böse, als er die V2-Raketen erfand, die Hitler auf London schoss, aber er wurde zum Guten, sobald er sein Talent in den Dienst der Vereinigten Staaten stellte.

Stalin war der Gute während des Zweiten Weltkriegs und der Böse, als er begann, das Reich des Bösen zu regieren. In den Jahren des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: "Vielleicht braucht die ganze Welt Russen. Ich wette, auch in Russland braucht man Russen. Vielleicht nennen sie sie Amerikaner." Später wurden die Russen gut. Jetzt sagt auch Putin: "Das Böse muss bestraft werden."

Sadam Hussein war gut und gut waren die Chemiewaffen, die er gegen die Iraner und Kurden einsetzte. Später wurde er schlecht. Er hieß schon Satan Hussein, als die USA, die gerade in Panama eingefallen waren, in den Irak eindrangen, weil der Irak in Kuweit eingedrungen war. Bush Vater trug die Verantwortung für diesen Krieg gegen das Böse. Im humanitären und mitfühlenden Geist, der seine Familie charakterisiert, tötete er mehr als einhunderttausend Irakis, in ihrer Mehrheit Zivilisten. Satan Hussein bleibt weiterhin, wo er war, aber dieser Feind Nummer Eins der Menschheit stieg ab auf Rang Feind Nummer Zwei.

Die Geißel der Menschheit heißt jetzt Osama Bin Laden. Die "Central Intelligence Agency" (CIA) hatte ihn alles gelehrt, was er von der Materie Terrorismus weiß: Bin Laden, geliebt und bewaffnet von den Vereinigten Staaten, war einer der wichtigsten "Freiheitskrieger" gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush Vater war Vizepräsident, als Präsident Reagan sagte, dass diese Helden "das moralische Äquivalent der Gründungsväter Amerikas" seien.

Hollywood stimmte mit dem Weißen Haus überein. In dieser Zeit wurde "Rambo III" gedreht: Die afghanischen Muslime waren die Guten. Jetzt, zur Zeit von Bush Sohn, dreizehn Jahre später, sind sie die bösesten Bösen.

Henry Kissinger war einer der Ersten, die auf die gerade geschehene Tragödie reagierten: "Ebenso schuldig wie die Terroristen sind diejenigen, die ihnen Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung bieten", urteilte er mit Worten, die Präsident Bush wenige Stunden später wiederholte. Wenn das so ist, müsste man damit anfangen, Kissinger zu bombardieren. Er ist vieler Verbrechen mehr schuldig, als Bin Laden und alle Terroristen, die es auf der Welt gibt, verübten. Und in viel mehr Ländern: In Diensten verschiedener US-Regierungen bot er dem Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh und in den südamerikanischen Ländern, die den schmutzigen Krieg des Plan Condor erlitten, "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung". Am 11. September 1973, genau achtundzwanzig Jahre vor den Feuern von heute, hatte der Präsidentenpalast in Chile gebrannt. Kissinger nahm die Grabinschrift Salvador Allendes und der chilenischen Demokratie vorweg, als er das Ergebnis der Wahlen kommentierte: "Wir haben keinen Grund zu akzeptieren, dass ein Land durch die Unverantwortlichkeit seines Volkes marxistisch wird."

Die Missachtung des Volkswillens ist eine der vielen Übereinstimmungen zwischen privatem und Staatsterrorismus. Um ein Beispiel zu geben: Die ETA, die im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes Menschen tötet, sagt durch einen ihrer Sprecher: "Rechte haben nichts mit Mehrheiten oder Minderheiten zu tun."

Der handgemachte Terrorismus und der Terrorismus auf hohem technischen Niveau ähneln einander sehr, der der religiösen Fundamentalisten und der der Fundamentalisten des Marktes, der der Verzweifelten und der der Mächtigen, der der verrückten Einzeltäter und der der Profis in Uniform. Alle teilen die Missachtung des menschlichen Lebens: Die Mörder der fünftausendfünfhundert Menschen, die unter den Trümmern der Zwillingstürme zermalmt wurden, die einstürzten wie ausgetrocknete Sandburgen, und die Mörder der zweihunderttausend Guatemalteken, mehrheitlich Indígenas, die ausgelöscht wurden, ohne dass je das Fernsehen oder die Zeitungen der Welt ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Sie, die Guatemalteken, wurden von keinem fanatischen Muslim geopfert, sondern von terroristischen Militärs, die "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" durch die einander ablösenden Regierungen der Vereinigten Staaten erhielten.

All die Todesverliebten stimmen auch in ihrer Besessenheit überein, die sozialen, kulturellen und nationalen Widersprüche auf militärische Begriffe zu reduzieren. Im Namen des Guten gegen das Böse, im Namen der Alleinigen Wahrheit, lösen sie alle alles, indem sie zuerst töten und dann fragen. Und auf diesem Weg gelangen sie dahin, den Feind zu stärken, den sie bekämpfen. Es waren in großem Maße die Gräuel des Leuchtenden Pfads, die Präsident Fujimori hervorbrachten, der mit beachtlicher Unterstützung des Volkes ein Terrorregime errichtete und Perú für ´n Appel und ´n Ei verkaufte. Es waren in großem Maße die Gräuel der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten, die den heiligen Terrorkrieg im Namen Allahs hervorbrachten.

Auch wenn jetzt der Führer der Zivilisation zu einem neuen Kreuzzug aufruft, ist Allah unschuldig an den Verbrechen, die in seinem Namen verübt werden. Schließlich hat nicht Gott den Holocaust der Nazis an den Getreuen Jehovas befohlen und es war nicht Jehova, der das Blutbad von Shabra und Chatila anordnete, noch derjenige, der befahl, die Palästinenser von ihrem Land zu vertreiben. Sind Jehova, Allah und Gott nicht vielleicht drei Namen ein und derselben Gottheit? Eine Tragödie der Missverständnisse: Man weiß nicht mehr, wer wer ist.

Der Rauch der Explosionen ist Teil eines viel größeren Rauchvorhangs, der uns am Sehen hindert. Die Terrorismen zwingen uns, von Rache zu Rache zu taumeln. Ich habe ein Foto gesehen, dass kürzlich publiziert wurde. Auf eine Wand in New York hatte irgendeine Hand geschrieben: "Auge um Auge lässt die Welt erblinden".

Die Gewaltspirale bringt Gewalt, aber auch Verwirrung hervor: Schmerz, Angst, Intoleranz, Hass, Wahnsinn. In Porto Alegre sagte der Algerier Ahmed Ben Bella (beim Welt-Sozial-Forum, d.R.): "Dieses System, das schon die Rinder wahnsinnig machte, treibt auch die Menschen in den Wahnsinn." Und die Wahnsinnigen, wahnsinnig vor Hass, handeln genau wie die Macht, die sie hervorbringt.

Ein dreijähriges Kind namens Luca sagte in diesen Tagen: "Die Welt weiß nicht, wo sie zu Hause ist." Es sah dabei eine Landkarte an. Es hätte auch gerade die Nachrichten sehen können.