"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 46 / Winter 2001/2002
 
  Der Marathon-Mann aus San Rafael del Sur
Unser neuer Bürgermeister José Noel Cerda Méndez zu Gast in Berlin

Dienstag, 6. November, Sitzung des erweiterten Vorstands im Büro: Da saß nun der Bürgermeister von San Rafael del Sur, Noel Cerda, im Büro des Vereins, im kurzärmeligen, weit geöffneten Hemd, als wäre in Berlin der Hochsommer ausgebrochen, und dennoch nicht frierend, wie er behauptete, wenn man ihn danach fragte. Man konnte aber auch nicht erwarten, dass unser Compañero mit einem dicken Wollpullover und Schal am 52. Breitengrad auftauchen würde, zumal sein Koffer sowieso erst zwei Tage später in Berlin ankam.

Leider hatte Noel den ersten Tag der Konferenz aller Städtepartnerschaften mit Berlin, zu der ihn das Land Berlin und die Carl-Duisberg-Gesellschaft eingeladen hatte, verpasst, da er der Wahlen in Nicaragua wegen erst am 5. November aus Managua abfliegen konnte. Es gab aber an den folgenden beiden Konferenztagen noch gute Gelegenheiten, die Aktivitäten des neuen Bürgermeisteramts und der städtepartnerschaftlichen Kooperation vorzustellen (siehe Artikel "Berlin lokal - international"). Nach Noels Worten war die 3 Tage dauernde internationale Konferenz "Städtepartnerschaften im Kontext der Lokalen Agenda 21" für ihn sehr lehrreich. Besonders von seinen Kollegen aus Perú und México konnte er viele neue Anregungen zur der Umsetzung der Ziele der Agenda 21 mit nach Hause nehmen.

In den ersten Tagen wohnte Noel im Gästehaus der Carl-Duisberg-Gesellschaft. Die restliche Zeit konnte er dann der Wohnung unseres Vereinsmitglieds Markus Gleißner mit Franz zusammen residieren (Markus herzlichen Dank für seine Großzügigkeit!). Diese Möglichkeit kam Noel und Franz sehr gelegen, denn so war es ihnen möglich, endlich einmal ungestört verschiedene gemeinsame Projekte in aller Ruhe durchzuquatschen.

Nach der CDG-Konferenz, die am Donnerstag endete, ging der Sitzungsmarathon für uns alle gleich weiter. Noch am selben Abend hatten wir die Podiumsdiskussion im Haus der Demokratie mit dem Titel "Kommunale Nord-Süd-Partnerschaften – Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe?" zu bestreiten. Hier nahm auch der peruanische Vertreter der Städtepartnerschaft Köpenick-Cajamarca, Juan Bardales, teil, was die Diskussion sehr befruchtete. Danach Abendessen in einer Pizzeria, woran sich eine Spritztour durch Berlin anschloss, die nach Besichtigung aller Sehenwürdigkeiten von Mitte in der Diskothek "El Barrio" endete, wo ein paar Cervezas den Durst löschten und das Tanzbein geschwungen wurde.

Am Freitag ging nach einer Besichtigung des Berliner Doms und des Pergamon-Altars die Diskussionsstaffel weiter. Im Rahmen des Sonderplenums mit Franz (siehe Artikel "Don Franz hat viel zu erzählen") erstattete auch Noel Bericht für die Vereinsmitglieder, die erfreulicherweise recht zahlreich erschienen waren.

Am Samstag gab es eine Feier der Berliner Nicas zur Erinnerung an Carlos Fonseca Amador, den Anfang November 1977 in Nicaraguas Bergen im Befreiungskrieg gefallenen Mitbegründer und geistigen Vater der Frente Sandinista de Liberación Nacional (Sandinistische Front zur Nationalen Befreiung, FSLN). Ursprünglich war vorgesehen, gleichzeitig den Wahlsieg der FSLN zu feiern, aber... (siehe Artikel "Daniel Ortega scheitert erneut").

Am Sonntag trafen wir uns dann im Haus unseres Vorsitzenden, Dieter Radde. Dieses Mal ging es bei einem gemütlichen Essen um Perspektiven des Vereins, neue Projekte, die derzeitigen Vorhaben der Alcaldía und ähnliche Themen. Hierbei betonte Noel Cerda noch einmal, wie wichtig die Unterstützung des Vereins zur Realisierung ihres regionalen Entwicklungsprogramms sei. Er nannte allein zwei weitere Trinkwasserprojekte, zwei Abwasserprojekte im städtischen Bereich, ein Wohnungsbauprogramm, den Aufbau lokaler Fabriken zur Latrinenherstellung und den Bereich Müllverwertung als dringendste Vorhaben, für die sie und die lokale Bevölkerung ausländische Hilfe benötigen. Dieses lockere Beisammensein trug sicher stark dazu bei, die freundschaftlichen Beziehungen zu vertiefen.

Am Montag standen erste Begegnungen mit Friedrichshain-Kreuzberger Lokalpolitiker(inne)n auf dem Programm. Das erste Gespräch führten wir mit der PDS. Noel war in diesem Gespräch vor allem an der Funktionsweise des föderalen Prinzips interessiert, was ihm von der Gegenseite bereitwillig und ausgiebig erklärt wurde. Hier erfuhr Noel von der besonderen Situation, in der sich der fusionierte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg befindet: Es musste in den letzten zwei Jahren sehr viel umorganisiert werden, und da hatte man wenig Gelegenheit, sich intensiver mit den bestehenden Städtepartnerschaften zu befassen. Das soll sich aber im nächsten Jahr ändern. Noel seinerseits regte einen Gegenbesuch in San Rafael an, was von Seiten der PDS bereitwillig aufgenommen wurde.

Anschließend wurden wir von Bündnis 90/Die Grünen ebenfalls sehr freundlich empfangen. Hier waren Noel schon einige Gesichter bekannt, wie das des Ex-Bürgermeisters von Kreuzberg, Franz Schulz, und anderer Personen, die selbst schon vor vielen Jahren in Nicaragua Hand angelegt hatten und zum Teil Gründungsmitglieder unseres Vereins sind.

Am Dienstag waren wir bei der SPD eingeladen. Auch hier gab es einige Noel bekannte Gesichter (z.B. Jörg Becker). Die zahlreich vertretenen SPD-Mitglieder zeigten großes Interesse am Bürgermeister und stellten ihm viele Fragen, die natürlich nicht alle erschöpfend beantwortet werden konnten. Ein SPD-Mitglied erklärte sich spontan bereit, 1000,- DM für eine Markthalle in San Rafael del Sur zur Direktvermarktung der PRODISA-Produkte zu spendieren. Dafür herzlichen Dank!

Im Anschluss folgte das Gespräch mit der Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Dr. Bärbel Grygier, zu dem sie bei Häppchen und Getränken ins Café "LebensArt" geladen hatte. Unsere Bürgermeisterin sprach sich zwar sehr charmant für die Fortführung der Städtepartnerschaft aus und ist sehr interessiert, die Region San Rafael del Sur einmal persönlich kennen zu lernen, zu konkreten Angeboten ließ sie sich aber nicht hinreißen. Noel erneuerte selbstverständlich bei dieser Gelegenheit seine bereits im Februar ausgesprochene Einladung. Immerhin wurde angesprochen, dass es viele Möglichkeiten der Unterstützung der Städtepartnerschaft gibt, z.B. einen zeitweiligen Austausch von Angestellten zwischen beiden Rathäusern. Hier meldeten sich auch schon erste Interessent(inn)en, wie z.B. Frau Grygiers Referent, Dietrich Wulfert, oder Anke Stark, ebenfalls aus dem Büro der Bürgermeisterin. Noel Cerda kann sich einen derartigen Austausch sehr produktiv für beide Seiten vorstellen. Dies würde schließlich auch den Zielen einer wahren Städtepartnerschaft sehr nahe kommen und vielleicht das Verständnis für eine finanzielle Unterstützung fördern.

Zum Treffen mit der CDU im Rathaus kamen die Herren der Partei verspätet und es blieb beim Austausch unverbindlicher Freundlichkeiten. Nach dem Kurzbesuch bei der CDU hatte Noel noch in unserer Veranstaltung "Nicaragua nach den Wahlen" im BVV-Sitzungssaal zu referieren, denn die völlig unerwarteten, aber doch sehr klaren Ergebnisse werfen viele Fragen bezüglich der weiteren Entwicklung Nicaraguas, aber auch der FSLN auf, der Noel angehört. Entsprechend groß war das Interesse des Publikums.

Insgesamt haben sich alle in der Bezirksverordnetenversammlung vertretenen Parteien für die Fortführung der Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzbergs mit San Rafael del Sur ausgesprochen. Klar ist aber auch, dass angesichts der Finanzlage des Bezirks die finanzielle Unterstützung im bisherigen Maße nicht mehr weiterlaufen wird.

Alles in allem war der Besuch, trotz einiger touristischer Programmpunkte, für unseren Gast und Freund Noel Cerda doch mehr ein Arbeitsbesuch. In vielen Gesprächen konnte er die Geschichte und die Perspektiven der Städtepartnerschaft aus der Sicht der Alcaldía in San Rafael del Sur darstellen. Für uns war sein Besuch sehr wohltuend, sowohl von der Befriedigung unseres Wissensdurstes her, als auch durch das intensivere Kennenlernen Noels, der in den Diskussionen immer schnell und klar seine Standpunkte vertrat und ohne jegliche Müdigkeitserscheinungen jedes Treffen produktiv mitgestaltete.

Uns allen ist klar geworden, dass wir mit Noel Cerda, dem neuen Bürgermeister von San Rafael del Sur, einen starken Partner haben, mit dem wir grundsätzlich und in vielen Sachfragen konstruktiv und produktiv zusammenarbeiten können. Insofern scheint für die Partnerschaft eine gute Zeit anzubrechen.