"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 48 / Herbst 2002
 
 

Kaffeekrise

Verfall der internationalen Kaffeepreise fordert die ersten Todesopfer - Während Kaffee immer günstiger zu haben ist, gefährdet der Preisverfall die Existenz der KaffeebäuerInnen weltweit

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit bahnt sich im mittelamerikanischen Nicaragua eine Hungertragödie an. Als Ursache gilt an erster Stelle der Verfall der internationalen Kaffeepreise, der Tausende Landarbeiter arbeitslos macht. Rund 6000 Menschen allein in Matagalpa, einem Munizip im Nordnicaragua, sind auf die Straße gezogen; mehrere hundert Bauern sind am 10. September zu einem Protestmarsch Richtung Nicaraguas Hauptstadt aufgebrochen; und die Regierung selbst räumt ein, dass es landesweit 21.000 Betroffenen gibt.

Beim drastischen weltweiten Verfall der Kaffeepreise lohnt das Geschäft sich nicht mehr: die Produktionskosten liegen bei 90 Dollar pro Quintal (49 Kilogramm), der Preis des Kaffees liegt jedoch bei nur 60 Dollar. Während die Kaffeekonzerne dennoch steigende Gewinne verzeichnen, haben 90% der nicaraguanischen LandarbeiterInnen, die auf den Kaffeefincas arbeiten, ihre Wohnung und Existenzgrundlage verloren. Da immer mehr Plantagen in den Besitz der Kreditinstitute übergehen, machen sich die Kaffeebarone nicht länger die Mühe, die Plantagen in Stand zu halten, berichtet Francisco Lanzas, Vorsitzender der Vereinigung der Kaffeearbeiter von Matagalpa. „Die Menschen in der Region wissen sich nicht anders zu helfen, als Autofahrer anzuhalten und sie um ihre Hilfe zu bitten,“ erzählt Lanzas weiter.

Verschärft wird die Ernährungskrise durch die seit Monaten anhaltende Dürre. Besonders hart betroffen seien die Kleinkinder, deren Organe schlecht entwickelt seien, was ein Überleben schwierig mache, erklärt der Arzt Rene Duarte. Nach dem Hungertod von 20 Menschen, darunter 11 Kinder, wurde ein historischer Vertrag zwischen der Regierung, den Kaffeefabrikanten, gesellschaftlichen Organisationen und den Kaffeeanbauern selbst am 13. September unterzeichnet. In ihm hat die Bolaños-Regierung den Arbeitern Nahrung, Gesundheitsfürsorge, Arbeit und Land versprochen. Darüber hinaus sollten die Arbeiter kurzfristige Kredite bekommen und den Kaffeebaronen wurde eine Umschuldung ermöglicht. Trotz einer gewissen Skepsis - da die letzten Versprechen nicht gehalten wurden - zogen die tausend Leute, die auf der Straße kampierten, nach Hause. Dennoch wurde die Nationale Kaffee-Kommission gegründet, um sicherzustellen, dass die vertraglich festgesetzten Forderungen in die Tat umgesetzt werden. Medienberichten zufolge kündigte die Kommission am 25. September eine Reihe von Protesten an, da die Kreditinstitute trotz des Vertrags weitere Fincas beschlagnahmen.

Am 18. September startete die Nichtregierungsorganisation Oxfam eine weltweite Kampagne, um auf eine Lösung der Krise zu drängen. Die fünf großen Kaffeekonzerne sollten dazu gezwungen werden, den KaffeebäuerInnen einen gerechten Preis zu zahlen. "Sie wissen genau, dass ihre Gewinne von großem menschlichem Leid begleitet werden, doch sie tun so gut wie nichts dagegen. Es ist Zeit, dies anzuprangern und eine Änderung herbeizuführen", sagt Paul Bendix, Direktor von Oxfam Deutschland. "Es ist ein Skandal, dass es keine aktive Suche nach Lösungen, geschweige denn Antworten und Hilfe gibt."

Die Oxfam-Studie "Bitter! Armut in der Kaffeetasse" warnt, dass bis zu 25 Millionen KaffeebäuerIinnen vor dem Ruin stehen. Oxfam startet seine Kampagne zu einer Zeit, da immer mehr Menschen unzufrieden darüber sind, dass vor allem die reichen Länder von der Globalisierung profitieren und die armen immer ärmer werden. "Wie die Regierungen und Konzerne auf diese Krise reagieren, dass wird eine Art Nagelprobe sein, ob Globalisierung so gestaltet werden kann, dass sie auch den Armen nützt", sagt Paul Bendix. "Uns wurde gesagt, wir sollten Geduld haben, der freie Markt würde am Ende funktionieren. Während wir weiter warten, werden die Reichen immer reicher und auch ideenreicher im Erfinden neuer Ausreden. Aber nun ist es genug. Die KaffeebäuerIinnen brauchen jetzt dringend Hilfe."

Die Studie "Bitter! Armut in der Kaffeetasse" können Sie von www.oxfam.de herunterladen bzw. in allen Oxfam Shops und über die Geschäftsstelle von Oxfam Deutschland erhalten. Oxfam Deutschland e.V., Greifswalder Str. 33a, 10405 Berlin, Tel.: 030-42850621. Für weitere Informationen: Jörn Kalinski, Tel: 030-42850621, jkalinski@oxfam.de

Die Alternative Kaffee-Importorganisation MITKA berichten zusammen mit SOPPEXCCA, eine nicaraguanische Kooperative, über die Hintergründe und Auswirkungen der weltweiten Kaffeekrise: Mittwoch, 9. Okt. 2002 um 19:30 Uhr. Ort: KATO, unter der U-Bahn Schlesisches Tor.