"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 48 / Herbst 2002
 
  Karneval der Kulturen

"Alle fünf Kontinente auf dreieinhalb Kilometern: fast neun Stunden feierten rund 600 000 Menschen am Pfingstsonntag den Karneval der Kulturen - trotz Regen und kaltem Wind ließ sich Kreuzberg einmal mehr in einen Rausch von Farben, Musik und Tanz fallen."

Rückblende. Es ist ein Dienstag im Winter, draußen fällt nasser Schnee in die dunklen Straßen. Eine lange Vorstandssitzung ist mal wieder beendet, alle wichtigen Dinge sind abgehakt. Schon im Aufbruch, erinnert noch jemand an den Karneval der Kulturen: muss man sich nicht jetzt schon dafür anmelden? Es fällt irgendwie schwer, unvermittelt an Pfingsten zu denken, an Sonnenschein und übermütige Ausgelassenheit, heiße Tanzgruppen, kühle Caipirinhas. Wollen wir überhaupt wieder mitmachen? War ja irgendwie auch ziemlich stressig, hat N. erzählt, die in den vergangenen Jahren für die Organisation verantwortlich war. Ja, aber hat doch vor allem auch viel Spaß gemacht, hat sogar reichlich Geld in die Kassen gebracht, leicht verdientes Geld. Haben wir nicht gerade noch darüber gegrübelt, wie wir die Finanzierung für das neue Projekt auf die Beine stellen sollen? Und davon abgesehen: sollten ausgerechnet Nicaragua und die Stäpa in der langen bunten Karawane der vielen Völker, die diese Stadt beleben, nicht vertreten sein? Ach, und der Werbeeffekt, die ganze Welt sieht ja per Internet zu...

Also, wer kümmert sich?

Okay.

Eine Woche nach Ostern. Dienstag. Vorstandssitzung. Alles Wichtige ist schon besprochen worden, man bricht schon auf, als jemand fragt: was ist denn eigentlich aus dem Karneval geworden, läuft da alles? Grundsätzlich schon, Anmeldung hat damals noch geklappt, von der Tanzgruppe heißt es, sie übe schon regelmäßig. Jemand müsste sich mal langsam um Sponsoren kümmern. Und um den Traktor mit Anhänger. Hat jemand die Telefonnummer von dem Fahrer? Die Musikanlage. Die braucht ja auch noch einen Generator. Die Standbesetzung, wir brauchen für die drei Tage mindestens 40 Leute. Gibt es schon eine detaillierte Einkaufsliste? Hat überhaupt jemand den Stand angemeldet? Also Leute, so geht das nicht, wenn sich wieder niemand dafür verantwortlich zeigt, dann lassen wir das lieber....

Also, wer kümmert sich? Nochmal, wer kümmert sich??

Okay. Wir werden Dich ja auch alle nach Kräften unterstützen.

Also Urlaub nehmen und ran an die Arbeit. Erstmal Aufgaben delegieren, auf mehrere Schultern verteilen. Am besten auf das Büropersonal, das kann sich am wenigsten wehren. Schon treffen die ersten Erfolgsnachrichten ein. Musikanlage und Generator sind bestellt. Irgendjemand wird sie dann abholen müssen, das klären wir später. Sponsoren werden angesprochen, einige sagen ab, andere machen wieder mit. Welche Mühsal, ausreichend viele Leute für den Caipi-Stand zusammen zu bekommen. Ganze Tage am Telefon, die meiste Zeit vergeblich. Immer wieder Änderungen, Absagen, Verschiebungen. Täglich neue Fragen: Woher bekommen wir denn das Eis für die Getränke? Ach, und wir brauchen ja auch noch wieder einen Transporter. Gibt es für Pfingsten noch einen Transporter in der Stadt? (Ja, es gab sogar noch zwei!) Wie viele Limetten brauchen wir eigentlich, wenn wir drei Tage lang jede Menge Caipis verkaufen? Und wie viele brauchen wir, wenn es drei Tage lang regnet? Und, nebenbei, warum liegt eigentlich noch keine Bestätigung für die Standanmeldung vor? Ist in 10 Tagen wirklich schon Pfingsten??

Ran ans Telefon. Stilles Entsetzen. Dann die Nachricht erst im engsten Kreis verbreitet: irgendetwas ist im Faxverkehr schief gelaufen, wir haben keinen Stand. Also keine Einnahmen, aber schon reichlich Ausgaben. Die ersten Ansätze von Panik. Na gut, noch ein paar Tage warten, noch mal bei den OrganisatorInnen des Karnevals nachfragen. Man macht uns verhaltene Hoffnung, man bemühe sich wirklich, es sei ja so bedauerlich... Wie tröstlich.

Aber es klappt. Wir kriegen den Stand, in bester Lage. Ungläubige Blicke und euphorischer Jubel. In unseren eben noch glanzlosen Pupillen tanzen wieder die ¤-Zeichen. Jetzt aber los. Limetten kaufen im Großmarkt, da sind sie billiger. Unbedingt den Fahrer des Traktors erreichen, der muss ja langsam auch mal erfahren, dass er wieder mitmacht. Wer kümmert sich denn nun um die Aufbauten und die Dekoration des Wagens, wir wollten doch die Arbeit gleichmäßig auf alle Schultern verteilen. Ja, ich verstehe, dass Du arbeiten gehen musst. Okay, ich werde es also selbst machen.

Großmarkt, ganz früh um 10 Uhr. Limetten? Ausverkauft. Weiß auch nicht, was los ist. Die ganze Stadt wollte diese Woche Limetten. Ach, Karneval der Kulturen, jetzt versteh ich. Tut mir leid, junger Mann, nächstes Jahr wieder. Aber dann ein bisschen früher. Hier ist jetzt Feierabend.

In drei Tagen ist also Pfingsten, und in dieser Stadt gibt es keine Limetten mehr zu kaufen. Nach Hamburg fahren? Wir haben auch noch keinen Rum. Jetzt ruhig bleiben. Es gibt ja noch diesen türkischen Restaurantbesitzer, der hat doch Beziehungen. Na klar, er hilft gern. Also Großeinkauf am Tresen verhandelt, 120 Liter Rum, 30 Kisten Limetten. Morgen Abend 18 Uhr, mach Dir keine Sorgen, habibi, wenn ich sage, das klappt, dann klappt`s. Bring Bargeld mit. (Apropos Bargeld: War jemand bei der Bank und hat das Wechselgeld bestellt? Ja, muss nur noch jemand morgen früh abholen. Das klären wir noch) Na bitte, inzwischen hat auch jemand den Traktorfahrer erreicht, sein Chef hatte es ihm schon vor Wochen gesagt. Und die Tanzgruppe wird den Wagen dekorieren. Wissen die im Rathaus denn schon Bescheid, dass wir wieder auf den Hof müssen? Was noch? Was haben wir noch vergessen? Ach, mach Dir keine Sorgen, es wird ein wunderschönes Fest.

Ein Tag vor Pfingsten, 18 Uhr. Kleiner Rotwein in besagtem türkischen Restaurant. 19 Uhr. Noch ein Rotwein, aber noch kein Rum und keine Limetten. Die aber brauchen wir, und zwar morgen. 20 Uhr, 21 Uhr, 22 Uhr. Die schleichende Lähmung der Gedanken weicht einer totalen Blockade: Du hast es versaut! Das wird kein Karneval, kein klingendes Fest. Das wird eine Totenfeier mit Scheiterhaufen.... Nun mach Dir mal keine Sorgen, habibi, die sind bisher immer gekommen, es gibt eben viel zu tun vor Pfingsten, Komm, trink noch einen Rotwein.

Nach 23 Uhr dann unvermittelt eine Fata Morgana. Ein LKW fährt vor, groß wie ein Haus. Liefert 120 Liter Rum. Auf der dunklen Straße wechseln 1000 Euro den Besitzer. Und die Limetten? Die bringt doch der Gemüsehändler, habibi, aber erst morgen früh. Bleib ruhig. Der kommt immer... Und so war es dann auch. Gegen Mittag hat er sie gebracht. War ja auch so versprochen.

Pfingsten. Die Sonne scheint. Jetzt geht`s los, coole drinks, Musik aus der Karibik. Dann die Gesundheitspolizei: Frischwasser, Warmwasser, Abwasser, ohne Hygiene keine Verkaufserlaubnis, nee Freunde, Euch behalte ich im Auge, Ihr werdet hier gar nichts verkaufen in den nächsten drei Tagen. Panik? Nein, nur ganz wenig, jetzt sind wir schon geübt. Wo kann man hier also den Abwasch erledigen? Irgendjemand sagt: Wie wär´s denn im Transporter? Kurz und gut, wir haben drei Tage lang Caipis und mehr verkauft. Wär ja auch schade gewesen um die schönen Sachen. Haben wir abends noch ein paar Gläser getrunken und uns entspannt? Seltsam, irgendwie fehlt die Erinnerung.
Dekorierter Umzugswagen
Nächster Tag, eine neue Aufgabe: Aufbau und Dekoration des Umzugswagens. Morgens schnell noch die notwendigen Materialien eingekauft. Rathaus Kreuzberg, 13 Uhr. T. ist da, aber wo sind die anderen? Das Handy, wie war das früher bloß ohne Handy. Okay, einige kommen. Schnell noch rüber zum Stand, da sind noch so einige und feiern. Los, alle zum Rathaus. Irgendwie ist dann abends um 20 Uhr auch der Umzugswagen fertig aufgebaut und geschmückt. Sehr individualistisch, wie in den Jahren zuvor. Die Musikanlage läuft noch nicht, aber das kriegen wir auch noch hin. Wer macht eigentlich den DJ?
Der Umzugswagen steht bereit
Pfingstsonntag. Der Wagen steht bereit. Die Sonne? Es regnet. Noch 10 Minuten. Wo ist die Tanzgruppe? Der DJ ist da, aber die Musikanlage läuft noch nicht. Es sind keine Ordner da, machen wir es selbst? Müssen ja wohl. H. hat jemanden organisiert, der die Musik zum Leben bringt. Prima, es geht nämlich schon los. Plötzlich ist auch die Tanzgruppe da. Es gab in der Nähe keine Parkplätze. Ach so.

Also los. Sechs Stunden durch den Regen. Der große Kreuzberger Straßenumzug des Karnevals der Kulturen, die bunte laute Karawane, über 100 Gruppen, Multi-Kulti pur. Und wir mittendrin. Der DJ spielt Musik, die Tänzerinnen tanzen, die OrdnerInnen tanzen mit, und R., der Fahrer, gibt TV-Interviews und winkt per Internet in alle Welt.

Das war´s. Jemand muss noch den Wagen abbauen. Morgen. Und die Standsachen ins Büro zurückfahren. Und den Transporter abgeben. Das Geld zählen. Aber dazwischen bleibt Zeit, ein Glas Caipi zu trinken, in die Sonne zu blinzeln, die vergangenen Tage noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen. Schön war´s wieder. Wir waren wieder mit dabei. Wir waren wieder im TV. Wir haben wieder mal richtig Geld verdient und uns gleichzeitig ausgezeichnet amüsiert, wo hat man das sonst. Es war ein tolles Fest. Nächstes Jahr machen wir das wieder, keine Frage. Manches machen wir allerdings, vielleicht, ein bisschen anders. Es gibt ja immer etwas zu verbessern. Und wer jetzt Lust bekommen hat, mitzumachen, der melde sich im Büro. Es ist Herbst. In ein paar Tagen geht´s wieder los.