"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 49 / Winter 2002/2003
 
  Kein Zuckerschlecken

Zukunft der Zuckerfabrik in San Rafael weiter ungewiss

In unserer Frühjahrsausgabe berichteten wir über die unklaren Besitzverhältnisse im Ingenio Montelimar, die zu einer existentiellen Bedrohung der etwa 600 fest Angestellten und der rund 900 Saisonarbeiter(innen) zu werden drohten. Auch jetzt, im November 2002, sind die Mutmaßungen darüber, wie die Zukunft der Zuckerfabrik aussehen wird, weiterhin verwirrend. Wir versuchen hier eine Chronologie der Ereignisse und eine Auflistung der Fakten, wie sie sich in den nicaraguanischen Tageszeitungen El Nuevo Diario und La Prensa spiegeln. Dies muss aber ausdrücklich ein Versuch bleiben, denn die Angaben sind zum Teil sehr widersprüchlich.

Im Jahre 2001 nimmt die Eigentümerin des Ingenio Montelimar, die Agroindustrial Montelimar, kurz AMSA, einen Kredit bei der Banco de Exportación, BANEXPO, auf. Als Sicherheit verpfändet die AMSA ihre Lastkraftwagen, den Maschinenpark und vier der insgesamt zehn Zuckerfincas des Gesamtbesitzes sowie die Ernteerlöse des Jahres 2001. Als der Kredit nicht fristgerecht zurückgezahlt wird, wird bei einer Sitzung am 8. September 2001 ein Schuldenstand der Zuckerfabrik in Höhe von exakt 6.069.457, 85 US-$ festgestellt. Der verpfändete Anteil am Gesamtkomplex geht an BANEXPO.

Die Bank verkauft diesen Anteil an das Consorcio Naviera Nicaragüense, NAVINIC, ein Schifffahrtsunternehmen, das auch in der Touristikbranche aktiv ist. Schon bald kommen, stets eilig dementierte, Gerüchte auf, dass NAVINIC nicht am Zuckergeschäft interessiert sei, sondern auf dem Gelände der nun ihr gehörenden Fincas Julio Buitrago, El Zapote, Loma Alegre und Los Jícaros ein touristisches Zentrum errichten wolle. Die Arbeiter(innen), die zumeist auch auf diesen Fincas wohnen, befürchten daher sowohl den Verlust ihrer Arbeitsplätze als auch eine Vertreibung oder Umsiedelung von den Grundstücken, auf denen ihre Familien zum Teil seit fast sechzig Jahren leben.

Die Zuckerernte beginnt normalerweise mit dem ersten Arbeitstag im Januar und dauert gewöhnlich 90 Tage. Die Zafra-Saison bedeutet eine wichtige, für viele Menschen fast die einzige Einkommensquelle des Jahres. Die schlimmsten Befürchtungen der Leute scheinen sich zu erfüllen, denn der 4. Januar 2002 verstreicht ohne Arbeit für die Arbeiter(innen). Grund: NAVINIC will gesonderte Verträge mit den Arbeiter(innen) abschließen, die für den Betrieb ihres Teils der Zuckerfabrik notwendig sind. Die Vertreter(innen) der Belegschaft lehnen ihre Entlassung und Neueinstellung ab, da völlig offen bleibt, zu welchen Bedingungen sie, wenn überhaupt, erfolgen würde. Um Druck auszuüben, schließt NAVINIC als Besitzerin des Maschinenparks die Fabrik, so dass auch AMSA nicht produzieren kann.

Die Verzögerung des Erntebeginns führt zu Einkommenseinbußen und sogar Hunger in einigen der hauptsächlich betroffenen Gemeinden La Gallina, El Portillo, Masachapa und San Rafael del Sur. Die Situation wird für die betroffenen Menschen unerträglich, so dass sie sich Ende Januar, mit freundlicher Unterstützung durch AMSA, zu einer Besetzung des Ingenio Montelimar entschließen. Verhandlungen mit NAVINIC und BANEXPO verlaufen widersprüchlich und unbefriedigend. Arbeiter(innen) der Fabrik demonstrieren wiederholt in Managua, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Gleichzeitig fordern sie eine Intervention vom Arbeitsministerium, damit die Ernte nicht völlig verloren geht.

Am 12. Februar erklärt NAVINIC alle Arbeiter(innen) für entlassen und bietet erneut eine Neueinstellung an, die wiederum abgelehnt wird. Am 15. Februar stellt AMSA eine hohe Geldforderung an NAVINIC für "erbrachte Dienstleistungen", um per richterlicher Verfügung wieder in Besitz des Maschinenparks und der Lastwagen zu gelangen, die für die Produktion notwendig sind. Am selben Tag verfügt das Arbeitsministerium den Beginn einer auf 80 Tage verkürzten Zafra in San Rafael del Sur, in der 200.000 Tonnen caña de azúcar geerntet und zu fast 400.000 Zentnern Zucker verarbeitet werden sollen.

Im März droht die Situation allerdings zu eskalieren. Da NAVINIC die finanziellen Forderungen seitens AMSA nicht akzeptiert, hält die Belegschaft die eigentliche Fabrik weiterhin besetzt, um die Produktion nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Um die Verhältnisse zu klären, fordert NAVINIC die Liquidation des Ingenio Montelimar und bietet den Leuten eine Abfindung und spätere Neueinstellung an. Nur wenige Mitarbeiter(innen) aus der Verwaltung akzeptieren: Sie erhalten acht Monatsgehälter. Wieder eingestellt sind sie bis heute nicht. NAVINIC versucht, große Zuckerrohrfelder abbrennen zu lassen, was die dort wohnenden Arbeiter(innen) verhindern. Gleichzeitig schickt das Unternehmen Agitatoren auf das Betriebsgelände, die für Liquidation und Abfindungsmodell werben sollen. Sie werden von den Arbeiter(innen) in Los Jícaros festgenommen, gefesselt und der Polizei übergeben. "Liquidation bedeutet: Heute Brot, morgen Hunger!", argumentieren sie.

NAVINIC schlägt Verhandlungen unter Führung des Arbeitsministeriums vor, aber die Belegschaft lehnt das Unternehmen als Verhandlungspartner ab, denn inzwischen wird bekannt, dass NAVINIC bei der BANEXPO derart verschuldet ist, dass die Bank faktisch Besitzerin der Anteile geworden ist. Tatsächlich bestätigt sie Mitte März, dass NAVINIC aus dem Rennen sei, führt aber dieselbe Politik weiter: Sie will die Produktion stoppen, die Arbeiter(innen) entlassen und das besetzte Gelände gar durch die Nationale Polizei räumen lassen. Die Besetzer(innen) zeigen sich kampfentschlossen und machen die Bank für das zu erwartende "Blutbad" verantwortlich, falls Einheiten der Antimotines (Spezialtruppen der Polizei zur Bekämpfung von Unruhen) tatsächlich versuchen sollten, sie zu vertreiben. Gleichzeitig demonstrieren Abordnungen der Belegschaft vor dem Hauptsitz der Bank in Managua, obwohl NAVINIC sich weiterhin als Eigentümerin aufspielt.

Mitte des Jahres wird das Eigentum am Ingenio Montelimar offiziell getrennt: NAVINIC gehören nun die Fabrik und vier Fincas, AMSA verbleiben die sechs übrigen Zuckerrohrfelder. Damit ist der Kleinkrieg zwischen den beiden Firmen keineswegs beigelegt: Im August gräbt AMSA dem NAVINIC das Wasser ab, denn ihr gehören die Brunnen (minipresas) und Kanäle, die zur Bewässerung der NAVINIC gehörenden Felder dienen. In einem Prozess wird AMSA verpflichtet, einen Teil seiner Wasserkapazitäten abzugeben, damit diese Plantagen weiter betrieben werden können. Weitere, dem NAVINIC angelastete Skandale sorgen für Unruhe: Führende Personen des Consorcio sollen sich persönlich bereichert haben, indem sie noch existierende nationale Quoten längst stillgelegter Zuckerfabriken billig erwarben und teuer an den Staat weiterverkauften.

Erst jetzt im November 2002 verhinderte die Belegschaft den Diebstahl von 40.000 Quintales (etwa 37.000 Zentner) Zucker, die als Zahlungsgarantie für die Löhne der Arbeiter(innen) eingelagert sind. Immerhin fielen den NAVINIC-Leuten 2.745 Quintales im Wert von rund 60.000 US-$ in die Hände. Delegationen der Belegschaft demonstrieren vor dem Corte Suprema de Justicia, dem Obersten Gerichtshof, und haben Klage eingereicht. Im Gegenzug sehen sich zahlreiche Vertreter(innen) der Belegschaft wegen der Besetzung der Fabrik angeklagt.

Von einem "Arbeitsfrieden" kann also noch lange keine Rede sein. Und die Gerüchte um eine Schließung des Betriebes und die Errichtung einer touristischen Anlage wollen nicht verstummen...