"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 50 / Sommer 2003
 
 

Das Ende muss ein neuer Anfang sein

Bericht von der Reise des erweiterten Vorstands nach San Rafael del Sur


Um die Jahreswende gab es ein Novum in der Vereinsgeschichte: Fast der komplette Vorstand fuhr für drei Wochen in unsere Partnergemeinde, um sich sowohl einen Überblick der laufenden Projektaktivitäten zu verschaffen, als auch wieder einmal an die alten Wirkungsstätten zu kommen. Wieder ein Gefühl dafür zu erlangen, "warum machen wir das eigentlich alles hier?", natürlich auch, um die Freunde wiedersehen, die Veränderungen wahrzunehmen - hat sich denn im Laufe der vielen Jahre etwas verändert? Sind unsere Projektaktivitäten tatsächlich nachhaltig? Geht es den Menschen wirklich besser? Sind Aktivitäten im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit heute noch sinnvoll, weil sie Verhältnisse ändern und die Lebensbedingungen verbessern? Und was nehmen wir für uns mit? Was lernen wir aus den unterschiedlichen Lebensumständen? Ändert sich dadurch für uns etwas - hier?

Alles fing mit der scheinbar recht harmlosen Feststellung im Frühjahr des letzten Jahres an: "Viele von uns waren so lange nicht mehr vor Ort, haben die Informationen nur aus zweiter Hand: Lasst uns doch mal über die Jahreswende nach Nicaragua fahren. Das ist die beste Reisezeit, die Temperaturen am erträglichsten und in Berlin ist es dann meistens etwas trister".

Recht spontan haben sich fast alle des aktiven Kerns dazu entschlossen mitzufahren, trotz der zum Teil erheblichen finanziellen Belastungen, die es für die meisten von uns bedeutet. Unterstützung von dritter Seite wurde zwar versucht zu beantragen - klappte aber leider nicht, was uns dann allerdings auch die Freiheit gab, das Programm der Reise nach unseren Vorstellungen und Wünschen zu gestalten.

Hinzu kam, dass die meisten von uns im Herbst in Berlin wesentlich an der Erstellung des EU-Zwischenberichts für das seit über zwei Jahren laufende PRODISA-Projekt mitgearbeitet hatten. Wir waren also inhaltlich recht gut vorbereitet und auch das war zusätzliche Motivation, vor Ort zu schauen, wie ein für unsere Verhältnisse großes und umfangreiches Projekt umgesetzt und realisiert wird, sich eine eigene Vorstellung von den trockenen Daten und Berichten zu machen, das Ganze mit Leben zu füllen, das Abstrakte zu konkretisieren. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf das PRODISA-Projekt im Detail eingehen und führe auch keine Statistiken und Tabellen an, weil wir in allen unseren letzten Ausgaben immer sehr ausführlich darüber berichtet haben.

Natürlich gab es auch gewisse Ängste und Vorbehalte. Wir kennen uns meistens nur aus dem spezifischen Zusammenhang des "erweiterten Vorstands", arbeiten an den konkreten Projekten, sehen uns ein bis zweimal die Woche für ein paar Stunden. Drei Wochen mit 10 Leuten mehr oder weniger die ganze Zeit zusammen zu verbringen, ist allerdings eine eigene Qualität, birgt gewisse Risiken, eröffnet aber auch ganz neue Möglichkeiten und Chancen.

Fangen wir mit dem eigentlichen Ziel der Reise an: Wir wollten uns also einen Überblick vom Stand des PRODISA-Projekts machen. Zwei Erlebnisse sind dabei nachhaltig in Erinnerung geblieben. Zum einem das hohe Engagement und die Kompetenz der CEDRU-Mitarbeiter, zum anderen die Begegnungen mit den Menschen, die direkt oder indirekt an einer oder mehreren Komponenten des Projekts teilnehmen.

Wir sind mit den CEDRU-Team "über die Dörfer gegangen" und haben ihnen bei der täglichen Arbeit zugeschaut, haben unmittelbar die Auswirkungen der "einkommensverbessernden Maßnahmen" kennen gelernt (was übersetzt heißt: das größte Elend wird gemindert) und haben die Bedingungen gesehen, unter denen in den Landgemeinden von San Rafael del Sur das Lebensnotwendige organisiert wird.

Ohne jeden Zweifel muss festgehalten werden, dass PRODISA die Situation der am Projekt beteiligten Menschen positiv beeinflusst und verbessert hat. Und zu einem großen Teil zeichnet CEDRU direkt dafür verantwortlich. Das wird auch in den zahllosen Gesprächen von den Menschen immer wieder bestätigt und in besonders warmherziger Art und Weise ausgedrückt. Ohne CEDRU und das PRODISA-Projekt wäre der Zustand der Region in einem weitaus kritischeren Zustand.

Es gibt wirklich gelungene Beispiele von "Musterfincas", auf denen all das Gewollte des Projekts verwirklicht und umgesetzt ist: Diversifizierung der Anbauprodukte, Aufbau von Bewässerungssystemen, Weiterqualifikation durch Workshops und die praktische Umsetzung des erlangten Wissens.

Wenn dann noch ein Bauer sagt, das "einzige was mir fehlt, ist ein Tag mehr in der Woche, den ich zum arbeiten benötige", dann bleibt das Gefühl, dass das alles Sinn macht.

Oder der Bauer in San Bartolo, der sich aus bescheidenen Verhältnissen mit seinen Söhnen eine Viehzucht aufgebaut hat, und darauf bestand, dass wir zum Essen blieben. Er erzählte dann sehr ausführlich von seinem Leben, von seiner Vertreibung aus der Atlantikregion und seinem Neubeginn in San Rafael und dass er sehr wohl von dem Projekt partizipiert.

Und dann kamen wir auf seine Kinder und die Wichtigkeit der Schule zu sprechen, das große Potential, das in Bildung und Wissen angelegt ist. Das Heranführen seiner Kinder an die Herausforderungen eines nicht einfachen Lebens, das Wissen um Tieraufzucht, Anbau- und Bewässerungsmethoden, der Umgang mit dem praktischen Leben im ländlichen Raum.

Es gab mehrere dieser Art von Begegnungen, bei denen die Menschen nicht klagten, sondern sich sehr bewusst ihrer Situation stellten und das Beste aus dem Vorhandenen machten.

Ein Kerngedanke unserer Projekte, die Hilfe zur Selbsthilfe, und deren Umsetzung durch die lokale NRO CEDRU ist dabei ein wichtiges Moment. CEDRU vermittelt und organisiert nicht nur die PRODISA-Komponenten, sondern auch viele andere Aktivitäten und ist in der Region ein gewichtiger Ansprechpartner und Ideengeber für eine nachhaltige Entwicklung.

Es ist einfach bewunderswert, wie sie den Kontakt zu den Leuten haben, eben weil sie "über die Dörfer gehen", wie sie in der Region integriert und von den Menschen akzeptiert sind.

Natürlich haben wir auch diverse offizielle und informelle Gespräche mit Vertretern der so genannten Zivilgesellschaft geführt, also vom Bürgermeister Noel Cerda angefangen über Verantwortliche im Gesundheitsbereich, Ärzte, Vertreter(innen) des Erziehungsministeriums, Lehrer(innen), Gewerkschafter(innen) bis hin zur lokalen Polizei. Dabei bekamen wir sozusagen von dritter Seite bestätigt, wie wichtig diese gesellschaftlich aktiven Gruppen die Aktivitäten des Vereins und CEDRUs einschätzen. Von staatlicher Seite passiert eben zu wenig und bestimmt sind auch die Möglichkeiten immer noch mehr als bescheiden. Gerade deshalb ist das Engagement unseres Vereins nach wie vor essentiell für die langfristige Entwicklung einer benachteiligten Region und deshalb macht unsere Entwicklungszusammenarbeit Sinn. Das muss aber auch hier in Berlin weiter ins Bewusstsein der Bevölkerung getragen und dort verankert werden. Das trifft gerade in der aktuellen Situation besonders zu. Das PRODISA-Projekt läuft Mitte diesen Jahres aus. Ein weiteres Ziel unseres Aufenthaltes bestand darin, mit unserem Koordinator Franz Thoma und den CEDRU-Mitarbeiter(inne)n ein neues integriertes Wasserprojekt vorzubereiten.

Die konkrete Ausarbeitung gelang dann in den letzten Wochen hier in Berlin. Wie üblich mit hohem Einsatz und unter großem Zeitdruck. Der Projektantrag wurde gerade noch rechtzeitig bei der Europäischen Kommission in Brüssel eingereicht (siehe Artikel "Daumen drücken für San Cayetano").

Unsere Reise war aber nicht nur Arbeitsaufenthalt, obwohl viel Zeit dafür aufgebracht wurde. Natürlich fanden wir auch Möglichkeiten, das Land ein wenig besser kennen zu lernen, haben Freunde besucht, spielten bei einem Fußballspiel mit, saßen abends am Strand von Pochomil zusammen und sind uns menschlich näher gekommen. Das war für das Verständnis und den Zusammenhalt der Mitglieder des erweiterten Vorstands sicher ein begrüßenswerter Nebeneffekt der Reise.

Was bleibt? Sicherlich gibt es in "unserer Region" noch viel zu verbessern und wir sollten uns davor hüten, permanent unsere Aktivitäten unsicher zu hinterfragen. Dazu gehört z.B. eine verstärkte, selbstsicherere Öffentlichkeitsarbeit hier in Berlin, die über den bisherigen "Kreis der Eingeweihten" hinausgeht, und wir müssen noch offener für neue Initiativen und Anregungen sein - trotz der hohen Belastungen der hiesigen, ausschließlich ehrenamtlich Aktiven und trotz unserer begrenzten finanziellen Ressourcen in diesem Bereich.

Auffällig und noch nicht in diesem Maße bekannt war, dass in der Region San Rafael weitere NROs tätig sind, die ihre Aktivitäten aber noch nicht wirklich koordinieren, ein Netzwerk bilden und damit eben auch die Region stärken.

Es bleibt also weiterhin viel zu tun - dort wie hier. Die Reise hat viele von uns motiviert, mit gleichem oder sogar noch gesteigertem Engagement für diese sinnvolle Sache weiter zu streiten. Dass PRODISA in diesem Jahr als gefördertes Projekt ausläuft, kann für uns nur Aufforderung sein, die aufgebauten Strukturen weiter zu nutzen und auch unter gegebenenfalls anderen finanziellen Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln. In diesem Sinne wird es einen neuen Anfang geben.