"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 51 / Herbst 2003
 
 

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg
zu Besuch in San Rafael del Sur


Es ist inzwischen gute Tradition, dass sich in jeder Legislaturperiode
der/die BürgermeisterIn der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und San Rafael del Sur und weitere VertreterInnen der beiden Rathäuser gegenseitig besuchen, um die Beziehungen der 1986 geschlossenen Partnerschaft zu pflegen und auszubauen. Diese Besuche sind wichtig, weil die konkrete Arbeit des Vereins zwar allgemein bekannt ist und auch anerkannt wird, ein unmittelbarer Eindruck vor Ort aber auf beiden Seiten zu weit differenzierteren und nachhaltigeren Eindrücken führt. So sind nicaraguanische BesucherInnen regelmäßig überrascht über das rein ehrenamtliche Engagement, mit dem in Berlin die Voraussetzungen für die Durchführung der Projekte in San Rafael geschaffen werden und die erforderliche Finanzierung sichergestellt wird. Und die deutschen Gäste genießen unmittelbar nach ihrer Ankunft zwar mit Wohlgefallen die Sonne, den Strand und den frischen Fisch, sind aber schon nach der ersten Fahrt über die abgelegenen Dörfer der Region von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Projekte, sei es auf dem Gebiet des Trinkwassers, der Agrarwirtschaft, der Schulen oder der Gesundheit, überzeugt.

Nachdem Noel Cerda als Bürgermeister San Rafaels bereits vor 2 Jahren die Teilnahme an einem internationalen Kongreß in Berlin genutzt hatte, um sich bei zahlreichen Terminen auf Bezirks- und Vereinsebene ein persönliches Bild der Partnerschaftsaktivitäten auf Friedrichshain-Kreuzberger Seite zu machen, nutzte im Juli nunmehr seine ebenfalls neu ins Amt gewählte deutsche Kollegin Cornelia Reinauer die Parlamentsferien zum Gegenbesuch in Nicaragua. Sie wurde begleitet von der Stadträtin für Familie, Jugend und Sport, Sigrid Klebba, sowie den Abgeordneten der BVV, Jörg Becker und Lothar Schüssler. Begleitet wurde die Delegation vom Vorstandsmitglied Erich Köpp, um als permanenter Ansprechpartner detaillierte Auskunft über alle Fragestellungen zu geben, die im Laufe der Woche über die Delegationsmitglieder hereinstürzten.

Direkt am Flughafen wurde die Delegation vom Bürgermeister Noel Cerda und unserem Koordinator Franz Thoma im VIP-Raum empfangen, deutlicher Ausdruck für den hohen Stellenwert, der dem Besuch beigemessen wurde. Auch ein Pressevertreter einer der 2 Tageszeitungen Nicaraguas war hier schon dabei, der in seiner Zeitung regelmäßig über die Arbeit des Vereins und seines Partners CEDRU informiert und auch diesmal noch während des Aufenthalts der Bezirksamtsdelegation einen aktuellen Artikel veröffentlichte. Noel und Franz waren es auch, die den Gästen gleich beim ersten Frühstück das geplante Programm vorstellten und auf einem ersten Bummel über die Strände von Masachapa und Pochomil begleiteten. Der Aufenthalt in Masachapa wurde aber auch gleich genutzt, das vom Verein finanzierte neue Gesundheitszentrum zu besuchen. Wie großzügig es ausgelegt ist mit seinen hellen Räumen und Behandlungszimmern, wurde schon am nächsten Tag deutlich, als der Vergleich mit dem schon länger bestehenden Gesundheitszentrum in San Rafael möglich wurde. Die Ausstattung stammt zu großen Teilen aus Berliner Krankenhäusern, aber manchmal ahnt man noch, wie es wohl früher einmal ausgesehen hat, wenn man in einer Ecke auch ein "Bett" aus den durchaus nicht guten alten Zeiten entdeckt. In beiden Zentren arbeiten engagierte Ärzteteams, die allerdings permanent unter den in Nicaragua üblichen materiellen Einschränkungen leiden. Bei Impf- oder Aufklärungskampagnen wird deshalb immer wieder mit dem Verein oder der Alcaldia kooperiert, um alle bestehenden Kapazitäten zu nutzen.

Der eigentliche Beginn der Besuchswoche war jedoch durch den offiziellen Empfang der Delegation durch den Bürgermeister und die Stadträte San Rafaels geprägt. Natürlich wird bei solchem Anlass das Verbindende, das gemeinsame Interesse und der gegenseitige Nutzen einer Nord-Süd-Städtepartnerschaft herausgestellt, aber auch die Unterschiede zwischen den Partnern werden deutlich. Etwa 1 Million Euro beträgt der jährliche Haushaltsansatz für den gesamten Landkreis San Rafael, und an dieser erschreckend geringen Summe kann man sehr gut ermessen, welche Bedeutung die vom Verein und seinem nicaraguanischen Partner CEDRU realisierten Projekte für die Region haben. Aus dem begrenzten Haushalt San Rafaels jedenfalls wäre dies nicht zu finanzieren.

Gleich anschließend ging es zum Büro von CEDRU. Hier gab es die erste Möglichkeit, sich bei den Mitarbeiter(inne)n ausführlich über die verschiedenen Komponenten des Integrierten Programms zur Armutsbekämpfung zu informieren, an dem seit 2001 nahezu 3000 Familien aus der Region teilgenommen haben. Neben unmittelbar einkommensfördernden Maßnahmen wie Ackerbau, Tierhaltung, Gemüseanbau, Anpflanzung von Obstbäumen und Direktvermarktung der Produkte waren auch Aspekte der (Weiter-)Bildung, der Gesundheit und der Wahrnehmung der Menschenrechte Teil des soeben abgeschlossenen Projekts. Schon ein solcher Vortrag über den immensen Umfang der einzelnen Maßnahmen, über die eingesetzten Mittel, die Methoden der Ausbildung, die erzielten Ergebnisse ist eindrucksvoll genug, aber es sind doch nur Zahlen. Dass hinter den Zahlen die einzelnen Menschen stehen, die von dem Programm profitierten, ihr knappes Einkommen deutlich erhöhen konnten und sich eine nachhaltige Perspektive geschaffen haben, das konnte man in den folgenden Tagen besser begreifen, als es direkt aufs Land ging. Neben dem Besuch der sog. Demo-Finca, dem Ausbildungszentrum von CEDRU, wo in ungezählten workshops die Kenntnisse vermittelt wurden, die dann auf der eigenen Parzelle umgesetzt wurden, ergaben vor allem die Besichtigung der konkreten Ergebnisse auf den Feldern und die vielen persönlichen Gespräche auf zahlreichen fincas einen endgültigen Eindruck davon, wie sinnvoll und erfolgreich dieses bisher letzte Projekt des Vereins verlaufen ist. Solche Fahrten über die Dörfer, hin zu den Menschen, mit denen wir arbeiten, kaum erreichbar über die von der Regenzeit teilweise unterbrochenen Sandstraßen, zu Häusern, die längst nicht alle einen Stromanschluss haben, zeigen schonungslos die Armut, die harten Lebensumstände der hier lebenden Menschen auf. Aber der enorme Lebensmut eben dieser Menschen spornt uns Besucher aus dem reichen Norden immer wieder neu an, weiter zu machen, gemeinsam an einer Verbesserung der Verhältnisse zu arbeiten, Schritt für Schritt.

Das Integrierte Programm zur Armutsbekämpfung stand in den vergangenen Jahren sicher im Zentrum unserer Anstrengungen. Jedoch dürfen darüber all die weiteren, wenn auch manchmal weniger spektakulären Projekte nicht vergessen werden. Dutzende von kleinen Schulen und Klassenräumen wurden schon mit Hilfe des Vereins erstellt, und gleich zweimal wurde die Delegation gebeten, an der Einweihung gerade fertiggestellter Vorschulen teilzunehmen. Die Freude und Dankbarkeit, die den Besucher(inne)n vonseiten der SchülerInnen und des Lehrpersonals entgegengebracht wird, ist aufrichtig, und auch hier, wie natürlich bei jedem einzelnen Punkt des Besuchsprogramms sind es die Gespräche mit den Betroffenen, die Hintergrundinformationen, die das ganze Ausmaß dessen erkennen lassen, was es konkret bedeutet, in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas zu leben. Denn es fehlen ja nicht nur Klassenräume, es fehlt ja auch das Geld für Bücher, Hefte, Schuhe, Essen...

Hilfe zur Selbsthilfe ist das nach wie vor gültige Ziel unserer Arbeit in Nicaragua. Alle vom Verein geförderten Projekte gehen deshalb auf Initiativen der Bevölkerung zurück. Oft reicht es aus, eine Anschubfinanzierung zur Verfügung zu stellen, um aus einer Idee und dem vorhandenen Engagement ein neues Projekt zu schmieden. Nur über diesen Weg erzielt man die erforderliche Nachhaltigkeit einer jeden Maßnahme, die Weiterführung des Projekts, wenn die immer nur zeitweilige finanzielle Unterstützung entfällt. Wie stark solche Projekte vom Engagement der Betroffenen selbst leben, wurde der Delegation beim Besuch des Menschenrechtszentrums und des Verbandes der Familien mit behinderten Kindern vermittelt. Beide Organisationen kämpfen für den Respekt gegenüber jedem einzelnen Menschen und treten mit ihrer Arbeit und ihren Aktionen heraus aus der Vereinzelung und der Anonymität, die einer gesellschaftlichen Veränderung so oft im Wege stehen. Gewalt in der Familie oder das Leben mit einem behinderten Kind sind keine Einzelschicksale, die es zu verschweigen gilt. Ein kleines Büro und die Arbeit einiger weniger Ehrenamtlicher haben in beiden Fällen in kurzer Zeit dauerhafte Organisationsstrukturen geschaffen und Betroffene zusammengeführt, die in Zukunft gemeinsam und öffentlich für ihre Belange eintreten werden. Und manchmal fehlt zum Erfolg ihrer Arbeit nicht viel mehr als das Fahrgeld oder die geringen Aufwendungen für die Bürokosten. Gute Beispiele finden auch immer Nachahmer: Ein Umweltkommitee, das gegen die ungefilterten Rauchschwaden der örtlichen Zementfabrik vorgeht, hat regen Zulauf...

Vorhandene Kräfte bündeln, gemeinsam mehr erreichen: ein Beispiel dafür ist das neue textile Ausbildungszentrum für mittellose Frauen in San Rafael, das in Kooperation von CEDRU, Deutscher Botschaft und Katholischer Kirche entstanden ist. Sechzig Frauen haben hier seit Anfang des Jahres schon Kurse im Entwerfen und Anfertigen von Kleidung absolviert und sich damit eine neue Erwerbsmöglichkeit geschaffen. Auch hier wird deutlich: alles, was den Menschen fehlt, sind Angebote zur Veränderung, zur Fortbildung. So sind z.B. auch die Kurse zur Alphabetisierung von Erwachsenen entstanden, als in den workshops zu Ackerbau oder Tierhaltung ganz nebenbei deutlich wurde, dass teilweise erst einmal diese Grundvoraussetzungen geschaffen werden mussten. Und deshalb sitzen nun auf verschiedenen Dörfern jüngere und ältere Erwachsene zusammen und holen ihren Schulabschluss nach, nachdem ihnen beim Augenarzt gegebenenfalls auch noch die richtige Lesebrille angepasst werden musste.

Ein einwöchiger Besuch in San Rafael reicht natürlich kaum aus, um das ganze Spektrum der Projektarbeit des Vereins aus den 17 Jahren seines Bestehens kennenzulernen. Unmöglich, allein die vielen Trinkwasserprojekte zu besichtigen. Aber ein Blick auf den trüben Fluss, der früher für viele Menschen das "Trinkwasser" hergab, ein Gespräch mit ein paar Frauen, die heute nur noch den Wasserhahn am Haus aufdrehen müssen, macht allen deutlich, wie viel sich dadurch für die Menschen verändert hat. Nicht nur die schwere Arbeit ist entfallen, nicht nur die Gesundheitssituation hat sich deutlich verbessert, auch das Bewusstsein hat sich verändert. Der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser führt weiter zu Aspekten der Erhaltung der Umwelt, der Aufforstung, Fragen der gesunden Ernährung...

Auch die "große" Politik hatte ihren Platz im dicht gedrängten Programm. Der deutsche Botschafter war an einem Gespräch mit den Delegationsteilnehmer(inne)n ebenso interessiert wie der Fraktionsvorsitzende der FSLN im nationalen Parlament. Und dass die Sandinisten immer noch ein unübersehbarer Faktor im politischen Leben Nicaraguas sind, wurde nicht zuletzt auf der großen Versammlung zum 24. Jahrestag des Sieges der Revolution über die Diktatur Somozas am 19.Juli in Managua deutlich, zu der die Delegation auf die Ehrentribüne geladen war. Stärker in der Erinnerung aber bleiben die Eindrücke aus der Partnergemeinde San Rafael, die unmittelbare Begegnung mit den Menschen, die das eigentliche Ziel dieser Partnerschaft sind. Die Projekte werden ja nicht um der Projekte willen realisiert. Sie sind auch Ausdruck für die gemeinsame Verantwortung, die die Menschen im Norden wie im Süden für eine nachhaltige Veränderung der elenden Lebensverhältnisse eines Großteils der Menschheit haben. Diese Zusammenarbeit, diesen kontinuierlichen Austausch zum beiderseitigen Nutzen gilt es auf allen erdenklichen Ebenen fortzusetzen. Die Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg /San Rafael del Sur wird auch in Zukunft ihren Anteil dazu beitragen.