"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 52 / Winter 2003
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Gelebte Solidarität
Armutsbekämpfung auf dem Land durch Hilfe zur Selbsthilfe

Im Juni diesen Jahres endete das Projekt PRODISA zur integrierten Armutsbekämpfung auf dem Land, das wir Anfang 2001 gemeinsam mit unserer Partnerorganisation CEDRU in San Rafael del Sur begonnen hatten. In diesen zweieinhalb Jahren ist viel geschehen. Über 3.000 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern haben von den verschiedenen Maßnahmen des Projekts profitiert. Durch die Diversifizierung der Landwirtschaft, neue Anbaumethoden und eigene Vermarktung konnten sie ihr Einkommen und damit die Situation ihrer Familien im Laufe des Projekts deutlich verbessern. Projektmitarbeiter Rafael Silva erinnert sich zum Beispiel mit Entsetzen daran, wie am Anfang einzelne Bauernfamilien das für die Aussaat zur Verfügung gestellte Saatgut zum Teil aufaßen, obwohl sie wussten, dass es mit Insektiziden behandelt und nicht zum Verzehr bestimmt war. Sie hatten schlicht Hunger und wussten sich nicht anders zu helfen. Heute passiert das bei den am Projekt beteiligten Familien nicht mehr. Die Steigerung der Produktion und die geschaffenen Vermarktungsstrukturen ermöglichen es ihnen, Reserven anzulegen, die bis zur nächsten Ernte reichen. Für Rafael Silva ist das nur einer der Erfolge, die ihn zur Weiterarbeit motivieren. Eine Bilanz des gesamten Projekts zieht der ausführliche PRODISA-Bericht, der dieser Ausgabe des Atabal beiliegt.

Auf den Erfolgen von PRODISA wollen wir gemeinsam mit CEDRU (Zentrum für ländliche Entwicklung) mit dem neuen Projekt "Bauern helfen Bauern" aufbauen. Denn mit den bisherigen Maßnahmen sind zwar viele Menschen in den ländlichen Zonen von San Rafael del Sur erreicht worden, aber dennoch konnte nicht der gesamte Bedarf abgedeckt werden. Die Grundlagen dafür sind vorhanden: CEDRU arbeitet professioneller als früher bei der Unterstützung der Kleinbauern und verfügt über ein erfahrenes, hoch motiviertes Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die aufgebauten Kreditfonds im Bereich der Kleintierzucht bestehen weiter und werden durch die Rückgabe von nachgezüchteten Tieren durch ehemals Begünstigte erhalten. So können die "zurückgezahlten" Schafe und Hühner neuen Familien für den Aufbau einer Existenzgrundlage dienen. Ähnliches gilt für den revolvierenden Fonds von Saatgut für Grundnahrungsmittel und die geschaffenen Lagerkapazitäten für Bohnen und Getreide. Und schließlich sind im Rahmen von PRODISA viele Hundert Kleinbauern in neuen Techniken und Methoden fortgebildet worden, so zum Beispiel in der Diversifizierung der Anbauprodukte, in der Herstellung organischen Düngers und ökologischer Pestizide auf Pflanzenbasis, in künstlichen Bewässerungsmethoden wie der Tröpfchenbewässerung, in der Anlage von Hausgärten oder eben in der Kleintierhaltung und in der Vermarktung.

Genau hier setzt das neue Projekt "Bauern helfen Bauern" an. Kleinbauern, die an den verschiedenen Maßnahmen des PRODISA-Projekts teilgenommen haben, sollen ihr erlerntes Wissen und ihre Erfahrungen mit den neuen Techniken an andere Produzenten weitergeben. Wer kann einen Bauern besser von den Vorteilen der Diversifizierung, des Etagenfeldbaus oder der natürlichen Düngung und Schädlingsbekämpfung überzeugen, als sein Nachbar, der selbst positive Erfahrungen damit gemacht und für sich und seine Familie so eine sicherere Lebensgrundlage geschaffen hat. Deswegen hat CEDRU in den letzten Monaten ca. 100 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu Multiplikatoren fortgebildet, die dann in ihren Dörfern ihre Kenntnisse weitervermitteln können. Dabei erhalten sie technische und methodische Unterstützung durch das Fachpersonal von CEDRU. Gemeinsam werden dann auf den Höfen von 50 Multiplikatoren in den oft weit abgelegenen Gemeinden landwirtschaftliche Modellanlagen errichtet, beziehungsweise die vorhandenen Anlagen erweitert. Dazu gehören zum Beispiel Anbauflächen mit nicht traditionellen Agrarprodukten, Bewässerungssysteme, Erosionsschutz durch "lebende Zäune" aus Bäumen und Sträuchern, die Herstellung organischen Düngers, aber auch die modellhafte Gestaltung der Hausumgebung mit Gemüsegärten und Obstbäumen sowie Stallungen für vorbildliche Tierhaltung. Auf diesen Modell-Fincas finden dann die Workshops für andere Kleinbauern aus der Gemeinde statt. Studieren und Probieren geht dabei Hand in Hand und die Bauern lernen von Bauern. CEDRU begleitet diese Fortbildungen und stellt Ausbildungsmaterialien zur Verfügung.

Die Ausbildungskomponente steht also im Mittelpunkt des neuen Projektes. Die Zahl der profitierenden Familien kann so langfristig vervielfacht werden. Daneben führt CEDRU die revolvierenden Fonds mit Schafen und Hühnern und mit verbessertem Saatgut weiter, die im PRODISA-Projekt angelegt worden sind. Auch in diesem Bereich wird so der Kreis der Begünstigten ständig erweitert. Um diese Arbeit fortzusetzen, braucht CEDRU im Moment noch unsere Unterstützung. CEDRU hat zwar einen Teil der MitarbeiterInnen nach Ende des PRODISA-Projekts entlassen müssen, aber dadurch sind die aufgebauten Strukturen nicht gefährdet. Ein Teil der ehemaligen ProjektkoordinatorInnen arbeitet sogar auf ehrenamtlicher Basis weiter. Aber dennoch muss das professionelle Kernteam unseres Partners CEDRU erhalten bleiben, damit die bisherige Arbeit auch in Zukunft Früchte trägt.

Bis Ende des Jahres benötigen wir noch 20.000 Euro für die Weiterarbeit. Die Hälfte der Projektkosten konnten wir über einen Zuschuss der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Berliner Senats finanzieren. Den Rest müssen wir in den nächsten Wochen über Spenden aufbringen. Ab Januar sind wir dann noch stärker auf Spenden angewiesen, da wir bisher für das nächste Jahr noch keine öffentlichen Zuschüsse zugesagt bekommen haben. Wir bitten Sie daher um ihre Unterstützung für das CEDRU-Projekt "Bauern helfen Bauern". Helfen Sie mit ihrer Spende, die langjährige Arbeit mit unseren Freunden in San Rafael del Sur fortzusetzen.