"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 52 / Winter 2003
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Die "pipitos" von San Rafael del Sur
Ein gelungenes Beispiel von Selbsthilfe im Behindertenbereich


Trinkwasser, Gesundheit, Bildung, Umwelt, Einkommensverbesserung, das waren in den letzten drei Jahren die großen Schlagworte der aktuellen Projektarbeit des Vereins, Mais, Bohnen, Gemüse, Hühner, Schafe, Baumsetzlinge, Desinfektionsmittel und Medikamente die Begriffe, von denen die tägliche Arbeit der CEDRU-MitarbeiterInnen im wesentlichen geprägt war. Tausende von Familien wurden aufgesucht, jedes einzelne Dorf der Region statistisch erfasst. Mit einem Konzept integrierter Maßnahmen wurden umfassende Verbesserungen der Lebensverhältnisse für einen erheblichen Bevölkerungsanteil unserer Partnergemeinde erreicht. Diese Ergebnisse sind sichtbar, zu besichtigen, wie es eine Delegation des Bezirksamtes in diesem Sommer auch getan hat. Grüne Flusstäler, ertragreiche Felder, neue Schulgebäude, die Schafherde auf der Weide. Dennoch gehörte ein kurzer Besuch bei den "pipitos" zu den stärksten Eindrücken dieser Informationsreise.

Die "pipitos" von San Rafael del Sur, das ist ein Komitee von Familien mit behinderten Kindern. Behinderte in San Rafael del Sur? Zwar war man als BrigadistIn auf einem der Dörfer gelegentlich schon mal einem gehbehinderten jungen Mann begegnet oder kannte ein taubstummes Kind in der eigenen Gastfamilie. Im öffentlichen Straßenbild aber waren Behinderte nicht präsent, über die Schulhöfe tobten nur ausgelassene Kinder. Behinderte? Es gab sie gar nicht. Bestenfalls handelte es sich um ein rein familiäres Problem, das jeder Betroffene selbst zu lösen hatte. Ein Tabu.

Um diese Situation der Einschränkung, des Versteckens, der Isolation aufzuheben, gründeten einige wenige betroffene Eltern im Jahr 2000 das Selbsthilfe-Komitee und traten, ohne finanzielle oder organisatorische Unterstützung von außen, an die Öffentlichkeit. Sie forderten Respekt für ihre Kinder, ein Ende der Diskriminierung, Zugang zu Bildung und Ausbildung, Integration in die Gesellschaft. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass nur sie selbst solch einschneidende Veränderungen erzwingen konnten. Der erste Schritt waren regelmäßige Treffen, um das Gefühl der Isolation zu überwinden und sich gegenseitig beizustehen. Dann wurden weitere betroffene Eltern angesprochen, von denen man wusste, und nachdem man begonnen hatte, in den einzelnen Dörfern von Haus zu Haus zu gehen, zu informieren und nachzufragen, wurde schnell deutlich, dass überall in der Gemeinde San Rafael physisch oder psychisch Behinderte leben, ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, ohne professionelle therapeutische Behandlung. 150 Familien wurden bisher erfasst, aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, 200 Familien werden es wohl insgesamt sein. Und die engagierten Eltern konnten schon einiges erreichen. Im Bürgermeister Noel Cerda fanden sie einen prominenten Unterstützer ihrer Initiative, der dem Komitee ein kleines Haus als Zentrum zur Verfügung stellte und gemeinsam mit den Betroffenen einen Tag der offenen Tür organisierte, um mehr Öffentlichkeit herzustellen und Verständnis für die besonderen Probleme und Anforderungen von Behinderten zu schaffen. Mit Unterstützung durch MINSA, das Gesundheitsministerium, und die in den großen Städten verankerte Dachorganisation der Behinderten konnte in diesem Zentrum zeitweilig schon klinische Diagnostik und physiotherapeutische Behandlung geleistet und workshops für die betroffenen Eltern abgehalten werden. Der Verein hat zu Beginn des Jahres 12 Rollstühle für Kinder übergeben können. Aber noch ist die Betreuung absolut unzureichend. Eine einzige große Matratze steht dem Haus für therapeutische Bewegungsübungen zur Verfügung. Das erforderliche ausgebildete Personal kann nicht bezahlt werden. Die Möglichkeiten, die ein gut ausgestattetes Zentrum in der Hauptstadt Managua bietet, können nur in Einzelfällen genutzt werden, weil die Eltern nicht die Transportkosten aufbringen können. Es ist schwierig genug, mit ihren behinderten Kindern von den abgelegenen Dörfern nach San Rafael zu gelangen. Die schulische Situation der meisten Kinder ist ungelöst, Integrationsklassen, wie sie bei uns selbstverständlich sind, bislang noch Illusion. Es gibt keinen Ausbildungsbetrieb, keine Arbeits- und Einkommensmöglichkeit für Behinderte in unserer Region, obwohl das natürlich auch in Nicaragua möglich ist, wie Beispiele in Managua oder Matagalpa zeigen. Dort werden in kommunalen Restaurants KöchInnen ausgebildet, Bäckereien gegründet oder in kleinen Werkstätten Duftkerzen hergestellt und vertrieben, also vollwertige Arbeitsplätze eingerichtet, die sich selbst tragen. Von solchen Möglichkeiten für ihre Kinder träumen auch die Eltern in San Rafael, trotz der erbärmlichen Rahmenbedingungen, denen sie sich ausgesetzt sehen. Alles, was auch hier wieder einzig fehlt, ist Geld für eine Anschubfinanzierung. Für therapeutisches Gerät, für angemessene Behandlung, für den Transport. Damit wäre schon wieder ein wichtiger Schritt getan. Und dann wird man sich den nächsten Problemen zuwenden. Denn woran es nicht fehlt, ist der Mut und die Entschlossenheit der Eltern des Komitees, die Lebensbedingungen für ihre Kinder zu verändern, ihnen eine Zukunft zu sichern.