"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 52 / Winter 2003
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EIN SOMMER DER ANDEREN ART...
IJGD-Brigade Sommer 2003
Masachapa/Nicaragua



"Du fliegst nach Nicaragua? Dann brauchst du zu Hause nicht mehr aufzukreuzen!" So oder ähnlich waren die Reaktionen, als wir uns auf dem Vorbereitungsseminar von IJGD (Internationale Jugendgemeinschaftsdienste) für das Projekt in Nicaragua entschieden hatten. Aber allen Sorgen und Warnungen zum Trotz saßen wir, eine Gruppe von 7 Deutschen, davon 4 Berliner, dann doch am 2. August mit völlig verschiedenen Anreiserouten und Erwartungen an das, was uns erwarten sollte, am Frühstückstisch der Hospedaje Santos in Managua zusammen.
Ehe wir uns versahen war auch Franz mit von der Partie, der uns und unsere Rucksäcke nach kurzer Begrüßungs-, Kaffee- und Zigarettenpause auf seine Camionetta verfrachtete.

An diesem Tag stritten wir noch um die Freiluftplätze auf der Ladefläche, was sich in den kommenden Wochen wegen unserer noch nicht Nicaragua gewöhnten Haut oder wegen des Regens (selten, aber wenn dann richtig) etwas legte. So ging es mit Vollgas und Hupen - man merkt dem lieben Franz die 15 Jahre unter den Nicas eben an - über die Berge nach San Rafael del Sur. Dort brachte uns Franz wie selbstverständlich in den "Ranchon de CEDRU" (Restaurant neben dem Büro), der, wie z.B. auch das Internetcafé in San Rafael, für einen doch eher unerwarteten sanften Einstieg in unser neues Zuhause sorgte. Die klischeehaften bayrischen Plakate, die einem dort ins Auge springen, lösten die ersten Diskussionen aus....wie im Laufe des nächsten Monats noch des öfteren Eindrücke dieses Landes zu Diskussionen führten. Diskussionen, bei denen wir erst im Laufe der Zeit in unsere westliche Denkweise ein wenig die Realitäten Nicaraguas einbauen konnten. (An dieser Stelle sei gesagt, dass es eine riesige Chance war, dort in Familien wohnen zu können, was wir niemals hätten missen möchten, das muss so bleiben!)

Etwas langatmiger wurde es dann vor Melvas Laden bei unserer Ankunft in Masachapa, umringt von Kindern, wo wir, nach welchem Prinzip auch immer und nach vielen Beratungen der Frauen auf die verschiedenen Familien verteilt wurden. Alle wurden wir in einer Straße untergebracht, außer Tina, sie wohnte laut den Nicas schon in einem anderen "Ort" (400 Meter weg), wohin sie niemand alleine laufen lassen wollte, wenn es dunkel war! Diesen Start in diese für uns so andere Welt meisterte jeder auf seine Weise, wobei wohl alle dankbar waren, anfangs einfach mal so ins Meer flüchten zu können. Denn in solche Situationen, wie plötzlich 15 Gastgeschwister zu haben, die Familienverhältnisse auch nach Wochen noch nicht richtig durchschauen zu können, sich ein Bett mit zwei anderen Familienmitgliedern zu teilen, fast mittendrin in einem 24 h geöffneten Laden zu wohnen, die ganze Nacht von der Trillerpfeife des Nachtwächters begleitet zu werden, um dann von den zahlreichen Hühnern unserer Familien morgens zu "gallo pinto" (Reis mit Bohnen) geweckt zu werden, muss man sich doch erst hineinfinden. Genauso wie an die "Chela!"-Rufe (Ausdruck für Europäerin), an die wir uns wohl erst gewöhnen mussten.

Doch fiel uns dieser Einstieg einfacher als erwartet und unsere Familien trugen ihren Teil dazu bei. Beide Seiten waren mindestens genauso gespannt, etwas über das andere "Leben" zu erfahren. Was wir Ihnen nur durch Fotos und schmückende Worte erzählen konnten, durften wir live miterleben. Dabei fiel es uns genauso schwer, fragenden Augen zu erklären, wie viel ein Flug nach Deutschland kostet, warum die Deutschen keine Fahnen aufhängen oder dass es kein geteiltes Deutschland mehr gibt, wie damit umzugehen, wenn jemand über Zahnschmerzen klagte und sich das erste Mal im Leben Zahncreme kaufte.

Was Lebensweise und -standards anbelangt, hatten wir, resultierend aus verschiedenen Erzählungen, doch wesentlich einfachere Verhältnisse erwartet. Es war schon nach kurzer Zeit so selbstverständlich geworden, zu leben, wie die Familien dort leben, so dass manch einer zurück in Deutschland das Klopapier immer noch neben das Klo warf! Allerdings muss man die Verhältnisse betreffend auch sagen, dass Masachapa nicht so abgeschnitten ist, wie manch andere Dörfer im Departamento San Rafael del Sur. Hinzu kommt, dass sich in den letzten Jahren durch die Arbeit des Vereins dort einiges getan hat, was uns ziemlich schnell in Gesprächen mit Franz und unseren Familien klar wurde.

Diese Mischung aus Eindrücken in unseren Familien, Gesprächen mit PromotorInnen von CEDRU und Erklärungen und "alte Stories" von Franz beim obligatorischen Kaffee im Ranchon ist unserer Meinung nach eine super Kombination, um einerseits die Arbeit des Vereins in Nicaragua kennen zu lernen und gleichzeitig auch einen Eindruck von dem Leben der Menschen zu bekommen, die von dieser Arbeit direkt betroffen sind. Es gibt fließendes Wasser (was allerdings auch sehr teuer ist, so dass es sich doch wieder nur ein Bruchteil der Bevölkerung leisten kann) und einen regelmäßigen Busverkehr (mindestens stündlich) zwischen Managua und Pochomil. Außerdem eine ziemlich gut eingerichtete Krankenstation (die Betten aus dem Urban-Krankenhaus in Kreuzberg erinnern einen ein stückweit an "unsere Welt") und eine Schule mit Vorschule, Primaria und Secundaria.

Nach einem freien Tag zur Eingewöhnung in unsere Familien, ging es dann montags ans Eingemachte. Äußerte Tina beim ersten Zusammentreffen mit Franz noch ihre Sorge, dass ihr alles lieber sei als rumzuhängen, bereute sie die Worte fast ein wenig, als wir in der prallen Hitze auf der Demofinca begannen, den harten Boden für eine Tröpfchenbewässerungsanlage auszuheben: "Wenn ich das länger als drei Tage machen muss, bin ich weg!!!" Diese Haltung zeigt die Zwiegespaltenheit, eigentlich Bäume versetzen zu wollen und dabei doch an die eigenen Grenzen zu stoßen.

In den nächsten vier Wochen wurden wir jeden Morgen von unserem treuen und geduldigen Fahrer Enoc und der CEDRU-Camionetta abgeholt und zu unserem jeweiligen Arbeitsplatz gebracht. Das war entweder neben der Demofinca, auf der wir außer der Bewässerungsanlage, noch einige Pflanzaktionen starteten und an einem Seminar für die CEDRU-Bauern (u.a. verbesserte Anbaumethoden, revolvierender Fonds) teilnahmen, oder die Schule inmitten von Zuckerrohrfeldern in Los Hijaros. Diese war in diesem Jahr gebaut worden, wobei ihr nur noch die Farbe fehlte und nach knapp einer Woche in den für "Franz‘-Schulen" typischen Farben crema und maron leuchtete. Daneben hatten wir noch mit dem Bau einer Latrine für die Schule begonnen, die dann allerdings doch von unserem Anleiter Carlos fertig gestellt wurde, da nur höchstens zwei Leute daran arbeiten konnten und wir die Anstrengung dafür doch unterschätzt hatten. Neben der physischen Arbeit stiegen wir auch in Diskussionen mit diversen Leuten ein.

Wie wohl alle vorherigen Brigadisten bestaunten wir die Deutsche Schule in Managua, deren Luxus uns, beim Anblick der Schule in Masachapa, des kleinen Zentrums der "Los Pipitos" (Organisation für Behinderte) oder der "Derechos Humanos" (Menschenrechte) doch eher nachdenklich stimmte und traurig machte. Außerdem machten wir verschiedene Exkursionen, wie beispielsweise in die abgelegeneren Dörfer oder an den Río Jesús, wo sich außer uns wohl niemals ein Tourist hinverirren wird.

Eines der absoluten Highlights bildete das von unseren Familien organisierte und bis zuletzt geheim gehaltene Abschlussfest, das in diesem Jahr erstmalig in der Schule in Masachapa stattfand. Dem Umfeld entsprechend, erwartete uns dort nicht nur ein riesiges Bühnenspektakel (bei dem wir selbst auf die Tanzfläche mussten), sondern auch ein kulinarischer Genuss. Mit einer solchen Fiesta hatten wir nicht gerechnet, so dass uns der Aufwand und die Kosten dafür schon fast unangenehm waren. Hiermit war unser Workcamp offiziell beendet, da bereits einen Tag später die ersten von uns abreisten.

Der Rest traf sich am darauf folgenden Wochenende auf dem Bauernmarkt am Plaza in San Rafael del Sur wieder. Dieses von CEDRU organisierte Fest war uns von Franz schon lange im Voraus schmackhaft gemacht worden. Denn neben diversen kulturellen Darbietungen und "Fressbuden", gab es direkt am Stand von CEDRU etwas ganz Besonderes: salchichas alemanas - deutsche Bratwürstchen!!! Von uns zubereitet und verkauft, was eine Art zweites Highlight darstellte. Da die Würstchen bereits im Jahr vorher schon regen Anklang gefunden hatten, kamen nun die Stammkunden und weitere Neugierige, um die Spezialität aus Deutschland zu probieren. Mit unserem mittlerweile umgangssprachlichen Spanisch boten wir die Würstchen feil und freuten uns über das Interesse, das uns und unserer Arbeit mit CEDRU entgegengebracht wurde.

Schöner hätte der Abschied also nicht sein können, und doch war er mehr als traurig! Trotz der geringen Zeit von nur einem Monat waren die jeweiligen Familien zu "unseren" Familien geworden, zu der jeder sein ganz eigenes Verhältnis aufgebaut hatte. So können wir nur hoffen, dass das letzte "Adios y hasta pronto" nicht nur leere Worte bleiben, sondern sich sobald wie möglich in die Tat umsetzen lässt!

Tina und Sandra