"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 53 / Frühjahr 2004
 
 

Bewegte Zeiten
So wie es ist, bleibt es nicht - Die Arbeit geht weiter

Im vergangenen Jahr war noch alles so, wie es eigentlich immer war. Der eine Antrag bei der EU wurde abgerechnet, der nächste Antrag war gestellt. Die obligatorische Finanzierungslücke wurde überbrückt, die Arbeitsbelastung war im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen. Und Dieter Radde war Erster Vorsitzender. Die Zukunft des Vereins war wieder mal gesichert. Same procedure as last year. Und dann kam alles ganz anders.

Im März 2003 hatten wir nach gewohnt anstrengender Vorbereitung bei der EU-Kommission in Brüssel einen weiteren Antrag auf Förderung eines mehrjährigen Großprojekts eingereicht. San Cayetano und die umliegenden Gemeinden sollten endlich ebenfalls Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser erhalten, worum die BewohnerInnen dieser Region schon so viele Jahre gebeten hatten. Grundwasser ist dort nicht ausreichend verfügbar, weshalb die Versorgung direkt aus dem Rio Citalapa erfolgt. Der Einbau eines effizienten Filtersystems sollte die hygienische und gesundheitliche Situation der Bevölkerung entscheidend verbessern, verbunden mit ergänzenden Maßnahmen der Aufforstung, der allgemeinen Hygiene, gesunder Ernährung u.a.. Der Zeitpunkt für ein weiteres Trinkwasserprojekt schien uns im von der UNESCO ausgerufenen "Jahr des Trinkwassers" ebenfalls gut gewählt, aber...

Zwei Tage vor Weihnachten erreichte uns mitten im Bepacken des Containers für San Rafael del Sur die Nachricht, dass unserem EU-Antrag auf Fördermittel für San Cayetano, erstmalig seit 15 Jahren, nicht entsprochen worden war. Nun war es keinesfalls so, dass der Vorstand nicht schon im Vorfeld die Konsequenzen einer solchen Entscheidung diskutiert hätte. Bei einer zu erwartenden Bewilligungsquote von 20 % der eingereichten Anträge durften wir niemals ausschließen, dass es auch uns eines Tages treffen könnte. Dennoch war das spontane Erschrecken groß, und vielleicht war es ganz nützlich, dass die Weihnachtstage die Gelegenheit boten, ein wenig Distanz zu gewinnen. Aber noch vor Ende des Jahres setzte sich der Vorstand zusammen, um über notwendige Alternativen zu diskutieren, mit denen die Projektarbeit fortgeführt und der Stamm der MitarbeiterInnen in Nicaragua weiter finanziert werden kann. Eigentlich war dies auch schon auf einer zweitägigen Vorstandsklausur im Oktober geschehen, als deren Konsequenz sich alle Beteiligten einig waren, dass sicherheitshalber kurzfristig mindestens ein entsprechender Antrag auf Förderung beim BMZ erarbeitet werden müsse, ein Plan B für den Fall der Fälle. Aber dazu war es trotz bester Absichten nicht gekommen, der Grund ist wohlbekannt: zeitliche Überlastung.

Im zweiten Halbjahr 2003 war u.a. für das Ende Juni abgeschlossene dreijährige PRODISA-Projekt der EU-Endbericht zu erstellen. Und da die Ausgaben über 717.000 ¤ für das PRODISA-Projekt absolut exakt abgerechnet werden mussten, so dass keine Regressansprüche von der EU gestellt werden konnten und der Auszahlung der Vorleistungen des Vereins in Höhe von knapp 60.000 ¤ nichts im Wege stand, soll hier noch einmal ausdrücklich darauf verwiesen werden, dass sich hinter dem unverbindlichen Begriff "Endbericht" eine ungeheure Zahl von Stunden verbirgt, die mit der Durchsicht und Zuordnung von Tausenden von Quittungen zugebracht wurden, mit ihrer Buchung zu wechselnden Kursen, mit Diskussionen über unvorhersehbare Veränderungen einzelner Komponenten gegenüber dem Antragsschema, über Finanzierungslücken und cash flow, mit zahllosen Telefonaten über den Atlantik. Aufgrund mehrerer tausend Begünstigter in den verschiedenen Komponenten war im Projektzeitraum ein wirtschaftlicher Output entstanden, der zahlen- und wertmäßig in einer Reihe kaum noch übersichtlicher Tabellen vorlag und für den Endbericht in ein schlüssiges und übersichtliches Format überführt werden musste. Daraus entstand ein Abschlussbericht von fast 100 Seiten, der gleichzeitig versuchte, eine erste Evaluierung vorzunehmen und Schlussfolgerungen für Folgeprojekte zu ziehen. Daneben mussten alle Unterlagen für die Prüfung durch eine professionelle Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vorbereitet werden, die dann zwei Tage lang im Büro die Unterlagen sichtete und weitere Fragen beantwortet haben wollte, bis wir endlich den erforderlichen Prüfbericht für die EU in der Hand hatten.

Wie die dann sehr rasche Endprüfung des Berichts durch die EU sowie die Überweisung der Abschlussrate von 58.269,00 Euro ohne weitere Nachfragen zeigen, haben sich dieser hohe Arbeitsaufwand sowie die sorgfältige und genaue Berücksichtigung der Richtlinien der EU gelohnt, , ein Erfolg, den wir stärker für uns selbst würdigen sollten. Wir stehen als kleine Nichtregierungsorganisation äußerst erfolgreich da und haben weniger Probleme mit unserem EU-Projekt gehabt, als andere, größere Organisationen.

Parallel musste die Finanzierung der in San Rafael entstandenen Arbeits- und Personalstrukturen sowie die Weiterführung der Ausbildung der Kleinbauern gesichert und ein entsprechender Antrag für die Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit geschrieben werden. Schon im Vorfeld war erreicht worden, dass auch der Bezirk wieder Haushaltsmittel, insbesondere für den Bildungsbereich, zur Verfügung stellte, so dass ab dem1. Juli 2003 eine Finanzierung dieser Aktivitäten durch das Bezirksamt und ab Mitte August eine Finanzierung von Projekten durch die Landesstelle möglich war.

Somit gelang es 2003 noch einmal mit einer entsprechenden Kraftanstrengung, für das gesamte Jahr Projektmittel zu erhalten. Mit Beginn des Jahres 2004 stellte sich die Situation allerdings so dar, dass der Verein zwar laufende Projekte vorweisen konnte, aber keine öffentlichen Fördergelder. Allein mit privaten Spenden aber sind die Projektarbeit und die Personalstruktur in Nicaragua nicht aufrecht zu erhalten. Also zurück zu den Wurzeln, Straßensammlung mit der Spendenbüchse in der Hand? In diesen Tagen voller Anspannung war es ungeheuer ermutigend, dass aus San Rafael sehr schnell die Meldung kam, dass Franz als Koordinator und das Stammpersonal von CEDRU vorläufig auch bei stark reduzierter Entlohnung weiterarbeiten und die Projektarbeit zur Armutsbekämpfung fortführen wollten. Und in Berlin wurde der erweiterte Vorstand aktiv, recherchierte alternative Förderquellen und begann die ersten Anträge zu erarbeiten: BMZ, LEZ, Lottomittel, InWEnt, Stiftungen.... Das Wasserprojekt San Cayetano allerdings, das über 600.000 ¤ gekostet hätte, ist derzeit nicht zu verwirklichen, dies wäre nur mit Förderung der EU möglich gewesen. Deshalb orientieren wir uns jetzt wieder stärker auf das weite Feld der Armutsbekämpfung: Landwirtschaft, Schafhaltung, Direktvermarktung, Weiterbildung, Gesundheit. Wir stehen ja nicht mit gänzlich leeren Taschen da: Es gab die Abschlussrate der EU, wir erwarten den durchschnittlichen Spendeneingang der vergangenen Jahre, der Bezirk unterstützt die Vereinsarbeit mit Haushaltsmitteln, der Solibasar der Berliner JournalistInnen stellt uns in diesem Jahr seine Erlöse zur Verfügung, ein Antrag bei der LEZ ist gestellt, ein Antrag beim BMZ wird in den nächsten Wochen eingereicht und hoffentlich bewilligt. Deshalb ist der neue Vorstand inzwischen sehr zuversichtlich, dass der Verein seine erfolgreiche Projektarbeit auch in Zukunft auf einem hohen Niveau fortführen kann.

Der neue Vorstand? Ja, denn als hätten wir nicht genug Probleme, teilte Dieter Radde, Urgestein des Vereins, Vorstandsvorsitzender seit 20 Jahren, unermüdlicher Arbeiter für die Solidarität mit den Menschen in unserer Partnergemeinde dem ungläubigen Vorstand ebenfalls Anfang 2004 mit, dass er sich unwiderruflich aus privaten und beruflichen Gründen aus seiner Position an vorderster Front zurückziehen und nicht mehr für den Vorstand kandidieren werde. Oft genug hatte er schon davon gesprochen, aber dennoch: Der Städtepartnerschaftsverein Kreuzberg – San Rafael del Sur ohne Dieter Radde? Große Erleichterung, als klar wurde, dass sich Dieter nicht vollkommen zurückziehen wird, nur die Bürde des Vorsitzes und der damit verbundenen Verantwortung nicht mehr allein tragen und sich aus der kleinteiligen und zeitaufwendigen Alltagsarbeit heraushalten will. Als hochspezialisierter Fachmann in den Bereichen Antragstellung, Buchhaltung, Abrechnung, Lobbyarbeit jedoch ist er unverzichtbar und bleibt er dem Verein erhalten. Trotzdem erforderte sein Verzicht auf eine erneute Kandidatur eine Neuordnung der Arbeitsstrukturen des Vorstands, denn niemand kann und mag sich all die Arbeit auf die Schultern laden, die Dieter in den vergangenen Jahren geleistet hat. Um in Ruhe die bisherige Vereinsarbeit zu analysieren, zu hinterfragen und für die unmittelbare Zukunft verbindliche Perspektiven zu entwickeln, trafen sich deshalb im März interessierte Leute aus dem Kreis des erweiterten Vorstands zu einem Evaluationswochenende und entwickelten als Ergebnis eine Jahresplanung, die die anstehenden Aufgaben aufzeigt und eine personelle Zuordnung leistet. Diese Planungsübersicht macht deutlich, welche Anstrengungen in diesem Jahr auf uns zukommen, sie lässt aber auch erkennen, dass und wie wir es schaffen können.

Der auf der Jahresmitgliederversammlung Anfang April neu gewählte Vorstand ist in seiner Zusammensetzung sicherlich Ausdruck für die Umbrüche der letzten Monate, aber ebenso für die Kontinuität der Vereinsarbeit. Immer mehr junge Leute interessieren sich für diesen Verein und sind für ihn aktiv. Der Kreis des erweiterten Vorstands, der sich mindestens wöchentlich trifft, ist kontinuierlich größer geworden, daneben gibt es regelmäßige Treffen verschiedener AGs zu einzelnen Aufgabenbereichen wie Geschäftsführung, Antragstellung, Karneval der Kulturen, Organisation des Vereinsfestes und der Delegation aus Nicaragua, Konzeption einer neuen Ausstellung. Wir haben die "Krise", die Tage der Ratlosigkeit, inzwischen hinter uns gelassen. Der Verein ist lebendiger denn je. Er wird ja gerade auch erst 20 Jahre alt.