"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 53 / Frühjahr 2004
 
  Zwischen Hoffen und Bangen - Die aktuelle Projektarbeit

Im Juni des letzten Jahres endete das Projekt PRODISA zur integrierten Armutsbekämpfung auf dem Land, das wir gemeinsam mit unserer Partnerorganisation CEDRU in San Rafael del Sur Anfang 2001 begonnen hatten. Dass mit dem Ende des Projekts keine finanziellen Mittel zur Verfügung stehen würden, um die etablierten Strukturen weiterzufinanzieren, war den MitarbeiterInnen von CEDRU und den Aktiven in Berlin schon seit längerem klar. Trotzdem traf uns das finanzielle Vakuum, dass sich nach PRODISA auftat, relativ hart.

Das vorhandene Fachpersonal in Nicaragua musste extrem reduziert werden, von den einst 18-35 MitarbeiterInnen arbeiten nur noch zehn zu stark verkürzten Gehältern weiter. Auch mit größtem persönlichen Einsatz eines/r jeden/r Einzelnen ist es nahezu unmöglich, die während des Projekts erreichte Qualität der kontinuierlichen Betreuung und begleitenden Schulung der fast 3000 teilnehmenden Kleinbauern aufrechtzuerhalten. Damit ist das Überleben insbesondere der revolvierenden Fonds für Saatgut und Kleintiere extrem gefährdet.

Von den ehemals bezahlten oder mit einer Aufwandsentschädigung entlohnten PromotorInnen, die während PRODISA ausgebildet wurden, arbeiten zwar viele ehrenamtlich weiter, für etliche ist aber ein unbezahltes Engagement nicht möglich, da sie den Ausfall des Einkommens durch zusätzliche Jobs kompensieren müssen. Da die PromotorInnen als Bindeglied zwischen CEDRU und den Kleinbauern fungieren und für die Weitergabe des erworbenen Wissens zuständig sind, ist mit dem Kleinprojekt "Bauern helfen Bauern" in Anschluss an PRODISA versucht worden, wenigstens diese Projektaktivität weiterzuführen.

Das von der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Berliner Senats (LEZ) bezuschusste Projekt greift genau diese PRODISA-Komponente wieder auf: In zentralen Workshops wurden von CEDRU 100 schon vorher aktive PromotorInnen zu MultiplikatorInnen ausgebildet, die das erworbene Wissen in ihren Gemeinden weitergeben sollten. Neben der Ausbildung und der Bereitstellung von Unterrichtsmaterial unterstützten CEDRU-MitarbeiterInnen die KleinbäuerInnen bei der Organisation und Durchführung dezentraler Workshops in ihren jeweiligen Gemeinden. Im Rotationsprinzip werden die oft sehr abgelegenen und aufgrund der miserablen Zufahrtswege schwer zu erreichenden Gemeinden von drei MitarbeiterInnen aus dem Team angefahren, die neben den Workshops weiterhin die dortigen Kleinbauern betreuen, veterinärmedizinische Aufgaben übernehmen und versuchen, den ständigen Kontakt aufrechtzuerhalten. Die Frequenz der Besuche ist durch die Reduzierung des Personals gesunken, vielerorts sind die Folgen schon spürbar und die BäuerInnen fühlen sich manchmal mit ihren Problemen alleingelassen. Deshalb ist das "Bauern helfen Bauern"- Projekt für den Erhalt der Strukturen sehr wichtig, da es die Eigenverantwortlichkeit der KleinbäuerInnen stärkt und zur Dezentralisierung beiträgt.

Ein weiteres Kleinstprojekt, welches CEDRU seit September 2003 in Kooperation mit dem nicaraguanischen Investitionsfonds für Agrar- und Forsttechnik durchführt, ist das auf den Tomatenanbau abzielende "Faitan"-Projekt. Da dieses Projekt lediglich 12 Familien beteiligt und als reines Forschungsprojekt zu verstehen ist, hilft es in keinster Weise, das nach PRODISA entstandene finanzielle Vakuum zu füllen. Die Geldmittel für dieses Projekt sind in Eigeninitiative und selbständig von unserem nicaraguanischem Kooperationspartner eingeworben worden, somit weist "Faitan" den Weg in die richtige Richtung.

Dass sich der - zunächst als vorübergehend angenommene - Wegfall finanzieller Fördermittel zu einem Dauerzustand auswachsen würde, damit hat hier in Berlin und auch in San Rafael del Sur niemand gerechnet. Auf das bei der EU bereits im März 2003 beantragte Projekt "Wasser für San Cayetano" wurde sehr viel Hoffnung gesetzt. Die in der Vereinsgeschichte einmalige Zurückweisung eines Projekts durch die EU traf uns im Dezember 2003 hart und relativ unvorbereitet, da Alternativkonzepte bei eventueller Ablehnung des Projektes aufgrund fehlender personeller Kapazitäten nicht rechtzeitig erarbeitet werden konnten. Als Konsequenz bedeutet dies, dass es im Moment außer einem von der Brücke-Stiftung geförderten Kleinstprojekt, welches sich dem Aufbau von schulischen Ökobrigaden und der Ausbildung von Kleinbauern widmet, kein finanziertes Projekt in San Rafael del Sur gibt und somit keine externen Fördermittel zur Verfügung stehen, um die aktuellen Strukturen aufrechtzuerhalten. Inzwischen ist der anfängliche Schock der Ablehnung einer Menge neuer Dynamik und Ideen gewichen. Sowohl hier in Berlin als auch in San Rafael del Sur wird versucht, neue Finanzquellen zu erschließen, um die Weiterführung der erfolgreichen Arbeit in Nicaragua zu garantieren.

In Nicaragua wird in den nächsten Tagen mit der endgültigen Bewilligung des "Wassereinzugsgebiet Tecolapa"-Projekts gerechnet. Die Bewilligung dieses Aufforstungs-Projekts durch das nicaraguanische Landwirtschaftsministerium MagFor, welches u.a. mit den dänischen, schwedischen und finnischen Entwicklungsagenturen zusammenarbeitet, wäre ein wichtiger Meilenstein in der Vereinsgeschichte: Damit wäre es unserem nicaraguanischen Kooperationspartner CEDRU selbständig und in Eigeninitiative gelungen, Projektgelder dieser Größenordnung einzuwerben. Zeitgleich arbeiten die Aktiven in Berlin an folgenden Anträgen: einem LEZ-Antrag zur Verknüpfung schulischer Ausbildung mit Fragen des Ressourcenschutzes, der Verbesserung der Landwirtschaft und der Menschenrechtssituation; einem Antrag an die Hans-Böckler-Stiftung zur Förderung der Erwachsenenalphabetisierung sowie einem Antrag an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), der auf die Stabilisierung und den Ausbau der landwirtschaftlichen Produktion und die Förderung der Direktvermarktung abzielt. Bei der Bewilligung mehrerer oder vielleicht sogar aller dieser Anträge würden sich erwünschte und durchaus beabsichtigte Synergieeffekte einstellen, die der Effektivität und Nachhaltigkeit der einzelnen Maßnahmen unbedingt zuträglich wären.

Es hat sich alles in allem gezeigt, dass die Ablehnung des EU-Antrags und die tiefgreifenden Umstrukturierungen des Vorstands in Berlin zwar zunächst großen Schrecken erzeugten, der Verein sich aber doch auf seine Dynamik und Qualitäten besonnen hat und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Auch wenn wie immer viele Schwierigkeiten zu bewältigen sind und nicht alle Vorhaben klappen, wie uns zuletzt die Ablehnung eines Antrags zur Förderung der Inlandsarbeit zeigte, gibt es immer wieder positive Meldungen, die die Arbeit der Aktiven in Berlin und San Rafael honorieren und zum Weitermachen motivieren: So muss wohl die überaus umfassende und detaillierte Abrechnung des PRODISA-Projekts die EU derart beeindruckt haben, dass die noch ausstehende letzte Rate vor einigen Wochen anstandslos überwiesen wurde.