"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 54 / Sommer 2004
 
  Karneval der Kulturen

Als wir im Rahmen der diesjährigen Vorbereitung des Umzugs bei der für den Karneval zuständigen Security-Firma vorsprachen, um uns über die Sicherheitsbestimmungen für Fahrzeuge zu informieren, hatten wir ein kleines Foto unseres Traktors dabei. Das war allerdings vollkommen überflüssig, denn begeistert legte der Mitarbeiter ein dickes Album auf den Tisch und zeigte uns Dutzende von Abbildungen unseres Umzugswagens der vergangenen Jahre. Die Stäpa und ihr Traktor? Die mussten ihm nicht extra vorgestellt werden. Ist denn dieser Fahrer wieder dabei? war die erste Frage. Ja, auch Rolf, unser Fahrer war wieder dabei, genauso wie die TänzerInnen der nicaraguanischen Folkloregruppe Atabal und die begeisternden Frauen des "palo de mayo" mit ihren etwas heißeren Rhythmen. Zum fünften Mal übrigens, trotz aller Anstrengungen und Geld, die es kostet, bis sich der Zug dann endlich in Bewegung setzt. Aber darf Nicaragua fehlen, wenn sich einmal im Jahr die in Berlin lebenden Menschen fast aller Nationen dieser Welt mit ihren schönsten kulturellen Künsten einem Millionenpublikum präsentieren? Und sollte ausgerechnet die Städtepartnerschaft Kreuzberg-San Rafael del Sur, die den Gedanken der Solidarität und der Verständigung zwischen den Völkern das ganze Jahr über praktiziert, an diesem einen Tag im Jahr und ausgerechnet in Kreuzberg nicht dabei sein? So gilt wohl auch diesmal: Nach dem Karneval ist vor dem Karneval, und nächstes Jahr sind wir wieder mittendrin.

Natürlich gibt es jedes Jahr neue Überlegungen, was man denn alles besser oder anders machen könnte. Es muss ja nicht immer dieser niedliche Traktor sein. Oder doch? Kann sich wirklich jemand die TänzerInnen auf einem der riesigen Trucks am Ende des Umzugs vorstellen, mit einem großen Schild: "sponsored by....."vor der Brust, eingesperrt auf der engen Ladefläche, ohne Kontakt zu den Menschen am Straßenrand? Bei der Preisverleihung für die besten Gruppen des Umzugs sagte es der Vorsitzende der Jury mit eindringlicher Stimme: "Schade, dass diese Tänzerinnen nicht am offiziellen Wettbewerb teilgenommen haben. Denn sie hätten echte Chancen gehabt, sie bringen diese ganz unmittelbare power auf die Straße!" Und natürlich hat dieser Umzugswagen mit seinem kleinen Traktor und dem in die ganze Welt grüßenden Fahrer, der so anders ist als alle anderen Fahrer an diesem Tag, einen erheblichen Wiedererkennungseffekt. Jahr für Jahr wird der Wagen aus der Menschenmenge am Straßenrand strahlend begrüßt, Guck mal, da sind sie wieder! Dabei sind wir ja durchaus jedes Jahr aufs Neue bemüht, uns eine etwas andere Dekoration einfallen zu lassen. Dieses Jahr war der Wagen im Stile der naiven Malerei Nicaraguas ganz mit landschaftlichen Motiven und Darstellungen aus dem Leben und der Arbeit der Menschen aus unserer Partnerregion geschmückt. Und nächstes Jahr? Ach, da gibt es schon wieder ein Dutzend Ideen, wir werden sehen. Es wird ja wohl doch so wie immer sein: Plötzlich steht überraschend der Karneval vor der Tür, und es muss mal wieder ganz schnell improvisiert werden. Beste Voraussetzung dafür, dass auch 2005 von der Stäpa kein durchgestylter Wagen auf die Straße geschickt wird, der kaum noch wiederzuerkennen ist, sondern: Guck mal, da sind sie wieder...!

Erich Köpp