"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 55 / Herbst 2004
 
 

Hunger und Unterernährung:
Lebensalltag zu vieler Familien in der ländlichen Region San Rafael del Sur

Schon bei einem Besuch der abgelegenen Dörfer unserer Partnerregion wird schnell augenscheinlich, dass viele Kinder unter einer mangelhaften Versorgung mit Nahrungsmitteln leiden. Aber seit kurzem liegen nun auch die Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung zum Ernährungszustand der SchülerInnen der Grundschulen vor, die diesen Eindruck mit konkreten Zahlen belegen. Die Studie wurde vom Centro de Salud San Rafael del Sur an 838 SchülerInnen der ersten, zweiten und dritten Klassen durchgeführt, das sind 18 % der insgesamt 4.634 SchülerInnen zwischen 4 und 10 Jahren. Dabei wurden Gewicht und Größe der Kinder gemessen und mit den Richtwerten einer Tabelle des Ministeriums für Gesundheit (MINSA) verglichen. Gewicht und Größe in Relation zum Alter sind international gültige anthropometrische Indikatoren zur Messung von Unterernährung. Chronische Unterernährung führt bei Kindern zu einer Wachstumsretardierung, die ab einem Alter von etwa 5 Jahren irreversibel ist. Im Gegensatz dazu kann eine akute Unterernährung, die durch den Indikator Körpergewicht-zu-Größe ausgewiesen wird, bei einem sonst gesunden Kind binnen einiger Wochen durch Nahrungsmittelzufuhr wieder ausgeglichen werden.

Die erschreckenden Ergebnisse der Gewichtskontrolle weisen aus, dass über 37 % der untersuchten Kinder nicht ausreichend ernährt sind. Bei 10,74 % wurde ein Zustand absoluter Unterernährung diagnostiziert, bei weiteren 26,85 % ein kritisches Untergewicht. Noch dramatischer stellt sich die Situation dar, wenn man den Indikator Körpergröße betrachtet: danach weisen bis zu 60 % der Acht- bis Zehnjährigen Merkmale der Unterernährung auf, was auf große Defizite im vergangenen Jahrzehnt hinweist.

Bewertung des Ernährungsgrades mittels Indikator Körpergewicht-zu-Größe
  männlich Prozent weiblich Prozent Total Prozent
übergewichtig 14 3,61 18 4,00 32 3,82
normalgewichtig 202 52,06 289 64,22 491 58,59
kritisch untergewichtig 112 28,87 113 25,11 225 26,85
unterernährt 60 15,46 30 6,67 90 10,74
Total 388 100 450 100 838 100
Bewertung des Ernährungsgrades mittels Indikator Körpergröße-zu-Alter
Alter Anzahl Normale Körpergröße Prozent Wachstumsretardierung Prozent
3 Jahre 6 5 83,33 1 16,67
4 Jahre 26 15 57,69 11 42,31
5 Jahre 66 41 62,12 25 37,88
6 Jahre 138 69 50,00 69 50,00
7 Jahre 226 119 52,65 107 47,35
8 Jahre 194 94 48,45 100 51,55
9 Jahre 159 78 49,06 81 50,94
10 Jahre 22 9 40,91 13 59,09
11 Jahre 1 0 0 1 100,00
Total 838 430 51,31 408 48,69

Alter der bewerteten Kinder
Alter Anzahl Prozent
3 Jahre 6 0,72
4 Jahre 26 3,10
5 Jahre 66 7,88
6 Jahre 138 16,47
7 Jahre 226 26,97
8 Jahre 194 23,15
9 Jahre 159 18,97
10 Jahre 22 2,63
11 Jahre 1 0,12
Total 838 100
Hoffnung für die Zukunft macht allerdings die Tatsache, dass von den untersuchten 3-jährigen nur knapp 17 % von zu geringem Wachstum betroffen sind, was auf eine Verbesserung der Ernährungssituation auf regionaler Ebene während der letzten Jahre hinweist. Da die Kennzahl Körpergröße-zu-Alter auch als Indikator zur Messung einer nachhaltigen Projektwirkung herangezogen werden kann, zeigen die relativ positiven Daten der jüngeren Kinder deshalb auch, dass das von der EU geförderte Projekt zur integrierten Armutsbekämpfung (PRODISA), das der Verein in den Jahren 2001 bis 2003 realisiert hat, nachweisbare positive Auswirkungen auf die Ernährungslage der begünstigten Bevölkerung hatte. Ein wesentlicher Schwerpunkt dieses Projekts war es, die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen, indem u.a. optimierte Anbaumethoden und verbessertes Saatgut verwendet wurde, eine Micro-Finanzierung über revolvierende Fonds erfolgte, Hühnerhaltung und Schafzucht ermöglicht und eine Diversifizierung der Anbauprodukte der Region gefördert wurde. Allerdings war die Nachfrage der Bevölkerung an dieser Komponente viel zu groß, als dass im Rahmen des PRODISA-Projekts alle InteressentInnen einbezogen werden konnten. Der Verein hat deshalb weitere Fördermittel beschafft und Nachfolgeprojekte gestartet, die den eingeschlagenen Weg fortsetzen und besonders erfolgreiche Komponenten auf weitere Teile der ländlichen Bevölkerung ausweiten sollen (siehe dazu den Bericht "Aktuelle Projektarbeit 2004" in dieser Ausgabe). Da die aktuellen Projekte spätestens Ende 2005 auslaufen, haben wir jetzt schon für den Zeitraum 2006 bis 2008 ein weiteres Großprojekt konzipiert und vor wenigen Tagen bei der EU Fördermittel beantragt. Es handelt sich um ein integriertes Projekt zur Verbesserung der Ernährungssicherheit im ländlichen Sektor, wobei schwerpunktmäßig die Verbesserung der Ernährungssituation für Frauen und Kinder im Mittelpunkt steht, aber darüber hinaus weitere Teile der Bevölkerung vom Projekt profitieren werden. Das Projekt beinhaltet wiederum eine Förderung der landwirtschaftlichen Produktion, setzt diesmal allerdings noch stärker als bisher auf eine breite Diversifizierung der Anbauprodukte. Selbst wenn man von Reis und Bohnen satt wird, so reicht das für eine gesunde Ernährung und eine normale geistige und körperliche Entwicklung nicht aus. Die regionale Ausweitung der Obst- und Gemüseproduktion soll unmittelbar zur Reduzierung der Mangelerscheinungen an Vitaminen, Eisen und weiteren Mikronährstoffen beitragen, die im schlimmsten Fall zu Erblindung und Anämie führen. Insbesondere schwangere Frauen und Kleinkinder sind überproportional häufig davon betroffen, weshalb im Rahmen des Projekts auch eine Vielzahl von Kampagnen durchgeführt werden soll, um möglichst große Teile der Bevölkerung für Fragen einer adäquaten Ernährung, Langzeitfolgen der Unterernährung, Familienplanung und Bedeutung häuslicher Hygiene zu sensibilisieren und ihren Kenntnisstand entsprechend zu erhöhen. In diese Informations- und Bildungsarbeit werden auch die LehrerInnen, die lokalen Hebammen, die GesundheitspromotorInnen, das Personal der Gesundheitszentren und des Büros für Menschenrechte als MultiplikatorInnen einbezogen. Daneben wird es flankierende Maßnahmen zur Unterstützung der Gesundheitszentren und der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in den Wohnstätten und dem Wohnumfeld geben.

Alle Maßnahmen dienen dem einen Ziel: immer mehr Menschen in San Rafael del Sur sollen nicht länger ein Leben führen müssen, das von Hunger und den Folgen von Unterernährung geprägt ist. Die erforderlichen Rahmenbedingungen wollen wir gemeinsam mit ihnen entwickeln und Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie mittelfristig aus eigener Kraft zur Verbesserung ihrer Lebenssituation beitragen können. Von staatlicher Seite, es ist bekannt und aktuell in dieser Ausgabe nachzulesen, sind relevante Investitionen in den ländlichen Sektor nicht zu erwarten. Wir werden unsere Projektarbeit zur Armutsbekämpfung in unserer Partnergemeinde daher engagiert fortsetzen, mit großen und mit kleinen Projekten. Das kostet viel Geld. Und auch, wenn es uns immer wieder gelingt, öffentliche Fördermittel zu akquirieren: Immer müssen wir als Voraussetzung für eine Förderung auch erhebliche Eigenmittel aufbringen. Dafür bitten wir auch weiterhin um Ihre Unterstützung.

Erich Köpp