"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 55 / Herbst 2004
 
 

Kommunalwahlen in San Rafael

Am 7.November 2004 fanden in Nicaragua Kommunalwahlen statt. Da die BürgermeisterInnen jeweils nur für eine Amtsperiode gewählt werden dürfen, heißt das für den Verein, sich auf die Zusammenarbeit mit einem neuen Bürgermeister einzustellen und sich zumindest in dieser Funktion von Noel Cerda zu verabschieden. Stellvertretend für den Vorstand tut dies im folgenden Tilo Ballien. Wir hoffen, die Ergebnisse aus San Rafael noch bis Redaktionsschluss zu erhalten. Ein ausführlicher Bericht erscheint im nächsten ATABAL.

Berlin, im Oktober 2004

Hola, Noel!

Das Wahlrecht in Nicaragua lässt es nicht zu, dass Du bei den jetzt stattfindenden Kommunalwahlen wiedergewählt wirst. Du wirst also bald nicht mehr "unser" Bürgermeister von San Rafael del Sur sein.
Damit geht - für Dich, für die Leute in San Rafael, für uns - eine Zeit zu Ende, in der sehr viel geschehen ist in unserer Partnergemeinde, für die Menschen in der Stadt und in den vielen anderen Gemeinden:

In die fünf Jahre Deiner Amtszeit fiel der Neubau des Krankenhauses in Masachapa, wahrhaftig ein Kraftakt für alle Beteiligten - auch für Dich, hombre, das wissen wir sehr genau. Von unserer Seite denkt Dieter Radde noch heute an die Bauchschmerzen, die ihm - und uns allen - die knappe Finanzierung verursacht hat, und die zahlreichen BrigadistInnen, die körperlich an dem Riesenbau mitgewirkt haben, werden beim Gedanken daran noch einmal mächtig ins Schwitzen geraten. Aber jeder Schweißtropfen, der von ihnen, den erstklassigen Bauarbeitern und dem unermüdlichen Franz auf den Boden des Geländes geflossen ist, war wert, vergossen zu werden. Denn das Centro de Salud steht und arbeitet nun schon einige Jahre und versorgt mit seinem qualifizierten Personal etliche Tausende Menschen mit seinen medizinischen Leistungen.

In Deine Zeit als Bürgermeister fällt vor allem das große, dreijährige Projekt integraler Armutsbekämpfung, das Proyecto de Desarrollo Integral de las Zonas Rurales de San Rafael del Sur oder kurz: PRODISA. Hätten wir, hätte CEDRU (Centro de Desarrollo Rural), hätte Franz und hätten die Tausende beteiligten Familien das schultern können - ohne Deine tatkräftige Unterstützung? Unser großer Dichter Bertolt Brecht schrieb in einem seiner Stücke: "Ja, mach nur einen Plan - sei nur ein großes Licht - und dann mach noch ´nen zweiten Plan - geh´n tun sie beide nicht" - es sei denn, wollen wir ergänzen, dass alle Beteiligten so gut zusammenarbeiten, wie das bei diesem Projekt mit seinen vielen, ineinandergreifenden Komponenten geschehen ist: Landwirtschaft, Kleintierzucht, Hausgärten, Vermarktung, Gesundheit, Menschenrechte, Alphabetisierung, Umweltsanierung und und und. Ohne die Unterstützung durch das Bürgermeisteramt, also durch Dich, compa, durch die Überlassung von Räumen, die logistische Hilfe und tausend andere Dinge, die Du ermöglicht hast, wäre PRODISA vermutlich niemals ein so großer und nachhaltiger Erfolg geworden.

Der Besuch unserer Bürgermeisterin Cornelia Reinauer mit ihrer kleinen Delegation in San Rafael del Sur und Euer Gegenbesuch hat viel in Gang gebracht. Der neue Schwung auf dieser Ebene der Beziehungen in unserer Städtepartnerschaft ist sicher auch ganz persönlich Dir zu verdanken, Deiner Art, die Probleme der Leute von San Rafael del Sur plastisch darzustellen - und dabei nicht zu versäumen, die Schönheiten des Landes und die Liebenswürdigkeit seiner Menschen ins rechte Licht zu rücken.

Was sollen wir lange reden: Du warst wirklich ein erstklassiger Repräsentant der wunderbaren Leute von San Rafael del Sur, für die Du hart gearbeitet und deren Leben Du mit dieser Arbeit ein gutes Stück leichter gemacht hast. Was können wir sagen, außer: Gracias.
Du darfst nun also nicht wiedergewählt werden. Das ist auch gut so, denn es zeigt, dass der demokratische Gedanke, der von der Frente Sandinista de Liberación Nacional nach der Diktatur in die nicaraguanische Gesellschaft eingebracht wurde, Gültigkeit hat. Dennoch: Ein bisschen traurig sind wir schon, dich nicht mehr in Deiner so vertraut gewordenen Funktion zu sehen.
Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Menschen in San Rafael del Sur einen würdigen Nachfolger finden werden, mit dem eine ähnlich gute Zusammenarbeit möglich sein wird wie mit Dir, aus der vielleicht auch wieder echte Freundschaft werden wird - auch wenn Du in unseren Köpfen und Herzen ein amigo único bleiben wirst.

Bueno, compa, así te decimos un "adiós" que es un "hasta la victória siempre" y un "nos vemos". Mach´s gut, Noel, wir werden´s auch versuchen!

Deine "ASO BERLIN"