"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 56 / Frühjahr 2005
 
 

Die geplanten Projekte für 2005

Aktueller Schwerpunkt der Projektarbeit in San Rafael del Sur wird bis Ende des Jahres die weitere Durchführung des BMZ-Projektes sein, dass sehr positiv verläuft. Aber wir wollen mehr. Nachdem wir uns in den vergangenen Jahren vor allem mit Großprojekten wie der integrierten Armutsbekämpfung befasst haben, kamen in den letzten Wochen und Monaten in San Rafael und Berlin einige kleine, nichtsdestotrotz wichtige Projektideen auf, die wir ebenfalls noch in diesem Jahr realisieren wollen.

Fotoausstellung von Jugendlichen für Jugendliche
Zum ersten Mal wollen wir in diesem Jahr ein interkulturelles Projekt ins Leben rufen, im Rahmen dessen sich Jugendliche aus Berlin und San Rafael zwar nicht persönlich, doch mittels einer Fotos und Texte umfassenden Ausstellung näher kennen lernen und dadurch einige Vorurteile und falsche Vorstellungen vom Leben in der Partnergemeinde ausgeräumt werden können. Die beteiligten Jugendlichen werden zu bestimmten Themen wie zum Beispiel Schule, Freizeit oder Familie Fotos schießen und diese mit Texten erklären, um der jeweils anderen Seite ihren Alltag zu erklären und darzustellen. Die Bilder werden samt Erklärungen zu einer Ausstellung verarbeitet, die dann - in übersetzter Form - sowohl in San Rafael als auch in Berlin vorhanden sein wird. In San Rafael wird die zweisprachige Ausstellung in verschiedenen Schulen, im Gesundheitszentrum und anderen öffentlichen Orten zu sehen sein, in Berlin wird sie voraussichtlich im Bezirksrathaus, in Gewerkschaftszentralen, aber auch in Krankenhäusern, Bibliotheken und anderen Orten mit viel Publikumsverkehr ausgestellt werden. Basierend auf den Fotos und Texten der Ausstellung wird zudem eine zweisprachige Broschüre erstellt, welche die einzelnen Ausstellungstafeln noch einmal näher vorstellt und weitergehende Infos zur Vereinsarbeit enthält. Als weiteres Novum soll im Rahmen der Ausstellung auch zum ersten Mal ein Kalender hergestellt werden, der besonders schöne und originelle Fotos aufgreift.

Los Pipitos
Kein Projekt zur Öffentlichkeitsarbeit im Inland- und Ausland, sondern ein echtes Auslandsprojekt versuchen wir für die Pipitos auf die Beine zu stellen. Wie wir nicht erst seit dem Besuch einiger VertreterInnen des Vereins von Eltern mit behinderten Kindern aus San Rafael wissen, ist die Situation von Menschen mit Behinderung in Nicaragua besonders in ländlich geprägten Gebieten mit hoher Armut äußerst problematisch. Für behinderte Kinder stehen keinerlei spezielle Bildungseinrichtungen, Förderprogramme oder Betreuungseinrichtungen zur Verfügung. Dadurch obliegt die Pflege und Betreuung der Behinderten voll und ganz den Familienangehörigen, die selbst keinerlei Ausbildung oder Informationen im Umgang mit behinderten Menschen haben. Aus dieser Situation heraus wurde vor drei Jahren der Verein der Eltern von behinderten Kindern "Los Pipitos" in San Rafael gegründet, um so ein Forum für Erfahrungsaustausch und Selbsthilfe der Betroffenen zu schaffen. Zur Zeit sind 176 Familien Mitglied der Pipitos, wobei voraussichtlich noch etliche hinzukommen werden.
Aufgrund sehr begrenzter finanzieller Mittel konnten bislang nur wenig materielle Anschaffungen getätigt werden. So besitzt der Verein zwar durch Förderung der Kanadischen Botschaft ein kleines Gebäude, welches als "Rehabilitations- und Qualifikationszentrum" dient. Dessen Einrichtung ist jedoch spärlich, und die Anstellung von physiotherapeutischem Fachpersonal konnte bisher nur durch das Engagement des ehemaligen Bürgermeisters Noel Cerda gewährleistet werden und ist nach seinem Ausscheiden aus dem Amt ungewiss.
Durch persönliche Besuche in San Rafael hatten sich Vereinsmitglieder schon einen Überblick über die schwierige Situation der Pipitos verschafft, und als die Pipitos-Delegation uns dann im Oktober 2004 in Berlin besuchte, wurde in vielen Gesprächen klar, dass eine Unterstützungsmöglichkeit gefunden werden sollte - und das möglichst schnell, um die engagierte Arbeit der Familien weiterhin zu ermöglichen und ausdehnen zu können.
Die Pläne der Pipitos konzentrieren sich vor allem auf zwei Bereiche: Zum einen sollen Eltern und Familienangehörige im Umgang und der Pflege ihrer behinderten Kinder geschult werden. Dadurch soll eine bessere Betreuung und Förderung der Kinder ermöglicht werden - staatliche Einrichtung bieten höchstens in Managua Kurse zu diesen Themen an; doch wer hat schon die Zeit und das Geld, in die ferne Landeshauptstadt zu fahren? Ein zweiter Schwerpunkt bildet die präventive Aufklärungsarbeit. Da Behinderungen in vielen Fällen durch mangelnde Ernährung während der Schwangerschaft bzw. in den ersten Lebensjahren der Kinder begünstigt werden oder erst entstehen, wollen die Pipitos präventive Aufklärungsarbeit leisten. Insbesondere in den Bereichen gesunde Ernährung und Familienplanung sollen Schulungen stattfinden.
Wir sind nun dabei, einen entsprechenden Projektantrag zu formulieren, der diese beiden Komponenten in Form von Workshops aufnimmt und zugleich einen Teil der Einrichtung ihres Zentrums finanziert.

Menschenrechtszentrum
Auch für das 2003 gegründete Menschenrechtszentrum in San Rafael sind wir bemüht, eine passende finanzielle Förderung zu finden.
Während das Zentrum vom ehemaligen Bürgermeister Noel Cerda wohlwollend unterstützt wurde und mietfrei Räume der alcaldía zur Verfügung gestellt bekam, scheinen mit dem neuen Bürgermeister Santiago José Ruiz Molina schwierige Zeiten anzubrechen. Er kündigte kurz nach der Amtsübergabe an, dass er nicht gewillt sei, das Menschenrechtszentrum zu unterstützen. Dadurch ergibt sich eine Gefährdung der bisher sehr erfolgreichen Menschenrechtsarbeit in San Rafael, die nichtsdestotrotz von den engagierten MitarbeiterInnen vor Ort fortgeführt werden soll. Eine erste Idee für ein zukünftiges Projekt befasst sich mit der Weiterführung eines Pilotprojekts aus dem letzten Jahr: Im Rahmen eines von der LEZ geförderten Projekts wurden an zehn Schulen der Region SchülerInnen und Lehrkräfte in Umwelt- und Menschenrechtsthemen geschult. Dieser sehr erfolgreiche Ansatz könnte nun hinsichtlich der Aufklärung über Menschenrechte an den restlichen 35 Schulen des Landkreises weitergeführt werden, wobei diesmal auch interessierte Frauen aus den einzelnen Dörfern eingebunden und als Menschenrechtspromotorinnen ausgebildet werden sollen. Die noch stets hohe Ziffer intrafamiliärer Gewalt insbesondere gegen Frauen bildet hier die Grundlage für deren Einsatz als Ansprechpartnerinnen bei auftretenden Problemen in den einzelnen Dörfern. Neben einer Sensibilisierung für Menschenrechte im Allgemeinen soll durch eine finanzielle Unterstützung des Menschenrechtszentrums auch dessen Stellung gegenüber der neuen politischen Mehrheit in San Rafael legitimiert werden.

Ökobrigaden
Auch die Jugendökobrigaden waren in den letzten Jahren erfolgreich tätig und haben eine Menge in San Rafael bewirkt und bewegt, doch auch hier müsste wieder eine passende finanzielle Förderung gefunden werden, um die Arbeit weiterzuführen.
Die SchülerInnen der Secundaria in Nicaragua müssen eine Art von Pflichtpraktikum ableisten, woraus in San Rafael die Jugendökobrigaden entstanden sind. Diese werden - eine entsprechende finanzielle Ausstattung vorausgesetzt - in die laufende Projektarbeit unserer Partnerorganisation CEDRU (Centro de Desarrollo Rural) eingebunden. So wurden vor allem Maßnahmen im Bereich der Aufforstung durchgeführt und Workshops zu ökologischem Landbau abgehalten, in denen unter anderem die Vermeidung von Pestiziden und Erosionsschutzmaßnahmen behandelt wurden. Nach dem Auslaufen der Förderung des letzten Projekts gibt es zwar einen Mangel an Geld, nicht jedoch an Ideen: Wurden bisher schon Kontakte zu anderen Jugendgruppen in Nicaragua geknüpft, soll nun auch eine internationale Vernetzung stattfinden und ein Treffen mit Jugendlichen aus Costa Rica organisiert werden. Hierbei soll die Reihe von Ökoseminaren wieder aufgegriffen und weitergeführt werden, Erfahrungen ausgetauscht und neue Freundschaften geknüpft werden. Doch können diese engagierten Pläne der Jugendlichen nur umgesetzt werden, wenn auch die nötige Finanzierung steht - darum werden wir uns in der nächsten Zeit mit Nachdruck kümmern.

Belinda Hanke