"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 57 / Herbst 2005
 
 

Als Praktikantin bei CEDRU

Nicaragua. Endlich. Nach einer 21-stündigen Reise mit wenig spannenden Aufenthalten in Frankfurt und Miami stand ich nun um halb neun Uhr abends vor dem Flughafen in Managua. Mein Gepäck war auch angekommen - bis zuletzt hatte ich an der internationalen Koordinationsleistung der Flughäfen und den Fluggesellschaften gezweifelt und insgeheim gebetet, das scheinbar Unmögliche möge wahr werden. Alles hatte also geklappt! - Doch wo blieb Franz? Weit und breit war niemand zu sehen, der ihm auch nur ansatzweise ähnlich sah. Stattdessen wurde ich alle paar Sekunden freundlich aufgefordert, doch mit zu einem der wartenden Taxis zu kommen. Nachdem ich mich erfolgreich gegen die zahlreichen Angebote gewehrt hatte, entdeckte ich Franz schließlich doch inmitten der Wartenden - somit war nun wirklich alles perfekt, das Projekt San Rafael 2005 konnte starten.

Nach einer Nacht bei Franz zuhause in Managua ging es am nächsten Morgen also endlich nach San Rafael del Sur. Ich war mehr als gespannt auf alles, was auf mich zukommen würde. Als Erstes wurde ich zu meinem neuen "Zuhause" gebracht: Doña Maura und ihre Familie nahmen mich in ihr Haus auf, ihr 25-jähriger Sohn Eduard hatte netterweise sein Einzelzimmer für mich geräumt und schlief nun mit seiner Mutter, einem Bruder und einem Onkel in einer Art Gemeinschaftszimmer, nur durch Holzwände, nicht aber durch Türen von der Küche und deren Vorraum getrennt. Willkommen in Nicaragua also!

Da ich durch zahlreiche Anekdoten und Fotos mental einigermaßen auf "Nica-Verhältnisse" eingestimmt war, nahm ich die vorhandenen Verhältnisse als eine Herausforderung an mich selbst an: Wann hat man in Deutschland schließlich schon mal die Möglichkeit, sich nachts mit einer Taschenlampe den Weg durch einen Hinterhof mit freilaufenden Hühnern, Enten, Schweinen und Hunden zu bahnen, um die Latrine zu benutzen? Wann duscht man schon mal im Freien zum Gesang vom Nachbarn und dem Grunzen der Schweine? Wann wäscht man zuhause die Wäsche mit kaltem Wasser und einer (übrigens sehr lecker duftenden) Seife auf einem Waschstein im Hinterhof und hängt sie anschließend über eine der Leinen, die quer über die Enten gespannt ist (begleitet von einem Stoßgebet, Doña Mauras Aussage, die T-Shirts fallen niemals von der Leine, möge wahr sein)?

Während die erste Nacht auf der recht unförmigen Matratze aufgrund der zahlreichen ungewohnten Geräusche noch etwas "holprig" verlief, sinke ich nun jeden Abend erschöpft, aber glücklich ins Bett und schlafe bis morgens um 7 Uhr durch - falls nicht gerade die Schweine oder Hunde im Hof wie verrückt quieken und quietschen, jemand spät nach hause kommt und alle wecken muss, da es kein Haustürschloss gibt und somit jemand von innen öffnen muss oder ein starker Windstoss das Wellblechdach über mir zum Erzittern bringt.

Die Tage hingegen sind erfüllt von Leben - es gibt keine passendere Beschreibung als das bekannte "Mittendrin statt nur dabei". Als "chelita" ("Weiße") sowieso schon bekannt wie ein bunter Hund, bin ich seit dem ersten Tag in eine wunderbare Gruppe von Jugendlichen integriert, die offen, sympathisch und unglaublich bemüht sind, mich komplett in ihr Leben hier einzubeziehen. Während ich an meinem ersten Tag hier vor Ort noch mit einem etwas mulmigen Gefühl ans bevorstehende Wochenende dachte, da ich dann nicht mit den CEDRU-Leuten unterwegs sein würde und noch niemanden wirklich kannte, konnte ich am Sonntagabend um Mitternacht über diese Bedenken nur müde lächeln. Ich war gerade mit Eduard von einer Bar nach Hause gekommen, zuvor waren wir auf der Hochzeit eines Freundes gewesen. Tagsüber war ich, wie bereits am Tag zuvor, mit den Jugendlichen vom club de jóvenes ambientalistas (Klub der jugendlichen UmweltaktivistInnen) unterwegs, hatte mit Doña Maura Wäsche gewaschen, war am Samstag mit ein paar Leuten am Strand und abends auf einer wirklich spaßigen fiesta gewesen.... Und das alles am ersten Wochenende hier in San Rafael.

Auch an die Hitze, die hygienischen Verhältnisse und den Tagesrhythmus habe ich mich schnell gewöhnt, abgesehen von ein paar Mückenstichen ist auch gesundheitlich nichts zu beanstanden- wobei ich da nichts beschreien möchte.

Die Arbeit bei CEDRU ist ziemlich interessant, insbesondere nach dem Praktikum im Staepa-Büro in Berlin ist es wirklich spannend, die ganzen angehäuften theoretischen Kenntnisse über die Projekte und das Leben auf dem Land mal in der Praxis zu überprüfen. Mein erster Gedanke auf einer Exkursion mit den Männern von CEDRU - in einem Toyota-Pickup über abenteuerliche Sandpisten mit Schlaglöchern und Erosionsrinnen noch und nöcher - war der, dass all die Fotos von den aus Brettern und Wellblechteilen zusammengezimmerten Hütten, die ich in Berlin mit Erstaunen durchgesehen hatte, genau der Realität entsprachen. In der heilen Berliner Welt dachte ich wirklich, die jeweiligen Bilder seien etliche Jahre alt und die Verhältnisse doch wenigstens in Ansätzen anders. Doch da hatte ich mich getäuscht. Von außen durch den roten Staub der Erde gefärbt, sind die Behausungen auch von innen durch gestampfte Böden, provisorisch aussehende Wandkonstruktionen und offene Feuerstellen gekennzeichnet. Selbst in der Stadt San Rafael del Sur gibt es genügend Häuser ohne Kloschüssel und rund um die Uhr verfügbares Leitungswasser.

Und trotzdem: Wenn ich durch die Strassen der Stadt laufe, mit den Leuten meines Alters unterwegs bin oder mir die Nächte in den Discos und Bars um die Ohren schlage - der Gedanke, im zweitärmsten Land Lateinamerikas zu sein, ist weiter entfernt als zunächst gedacht. Man arrangiert sich hier so mit den Verhältnissen, dass die Armut und der Mangel an vielen Dingen nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Man nimmt vieles locker hin, macht das Beste aus allem und versucht, das Leben in eine etwas bessere Bahn zu lenken. Dies ist allerdings nur der Eindruck aus der Stadt San Rafael del Sur. Wie es damit auf den Dörfern bestellt ist, wo es realistisch betrachtet wirklich nicht viel mehr gibt als mehr oder weniger heruntergekommene Hütten, Viehställe und Felder, kann ich bis jetzt schlecht beurteilen. Nur eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: Es ist einfach nur ungerecht, wenn eine achtköpfige Familie nur drei Kinder zur Schule schicken kann, sich mit ihren geringen landwirtschaftlichen Erträgen nur knapp selbst ernähren kann und quasi keine Chancen für die Kinder bestehen, aus diesem Kreislauf jemals auszusteigen und etwas anderes aus ihrem Leben zu machen ......

Ich bin deshalb schon sehr gespannt, was ich in der nächsten Zeit alles dazulernen werde, besonders in Bezug auf die Projekte von CEDRU, die definitiv einen großen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation leisten, was mir schon in zahlreichen Kommentaren und Gesprächen bestätigt wurde.

Das soll es erstmal gewesen sein mit den ersten Impressionen meines Aufenthaltes hier in Nicaragua. Gleich werde ich mich auf den Weg zu Doña Maura machen, um mit ihr unser tägliches Spiel auszutragen: "Nur ein KLEINES bisschen mehr" - "Vielen Dank, aber ich kann WIRKLICH nicht mehr" - "NIMM, NIMM. Hier, noch ein bisschen Käse" - "Ich platze WIRKLICH gleich" - "Aber du musst doch was ESSEN! ...."

In diesem Sinne viele Grüsse aus San Rafael del Sur.
La "chelita" Belinda