"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 57 / Herbst 2005
 
 

Projekt zur Prävention von HIV/Aids und Drogenkonsum

Für die zweite Jahreshälfte 2005 haben wir bei der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit LEZ kurzfristig einen weiteren Projektantrag gestellt, der vor wenigen Tagen genehmigt wurde. Mit diesem Projekt wenden wir uns zwei Themenbereichen zu, die für San Rafael del Sur von hoher Bedeutung sind, aber im Rahmen der bisherigen Projektarbeit noch nicht berücksichtigt wurden: HIV/AIDS und Konsum illegaler Drogen.

Bestandsaufnahme:
Die Anzahl von HIV/Aidserkrankungen und der missbräuchliche Drogenkonsum sind in Nicaragua im Vergleich mit anderen süd- und zentralamerikanischen Ländern zwar deutlich niedriger, was allerdings keineswegs zur Vernachlässigung des Problems führen sollte, denn in den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Infizierten bzw. KonsumentInnen zu verzeichnen.

Das Gesundheitsministerium MINSA hat im Juni 2004 Zahlen veröffentlicht, wonach Nicaragua in den Jahren 1987 bis 2004 insgesamt 1402 HIV-Infizierte erfasst hatte, von denen bereits 497 verstorben sind. Vor 10 Jahren wurden vier neu infizierte Personen pro Monat erfasst, wohingegen heute mittlerweile durchschnittlich eine neue Infizierung pro Tag gemeldet wird. Ca. 50% der Fälle werden im Departamento Managua gemeldet, zu dem auch San Rafael gehört. Wie hoch die Ziffer der tatsächlich Infizierten in der Region ist, kann nicht gesagt werden, da Aids bis heute häufig ein Tabu-Thema ist.

Auch die Zahl der DrogenkonsumentInnen steigt kontinuierlich an. Eine Schweizer Studie weist nach, dass ein enger Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und einem schwachen sozialen Umfeld besteht. Auch die Anzahl der Jugendlichen, die Erfahrungen mit illegalen Drogen gemacht haben, ist sehr hoch. So haben nach offiziellen Angaben bereits14% der männlichen und 6% der weiblichen Jugendlichen illegale Drogen konsumiert. In der Region San Rafael wird im Fischerort Masachapa mit Drogen wie Kokain und Crack Schmuggel betrieben. Für die Bauern in den Bergregionen, die gelegentlich selber Marihuana anbauen, ist der Genuss des Rauschmittels teilweise tägliche Normalität.

Was wird bereits zur Bekämpfung der Probleme getan?
Es gibt verschiedene Institutionen, die sich bereits mit der Aufklärung und der Problembekämpfung befassen, dazu gehören:
MINSA (Gesundheitsministerium), MIFAMILIA (Familienministerium), MECD (Erziehungsministerium), PN (Nationale Polizei) und die Kommunalverwaltung.
Auch die Partnerorganisation des Vereins CEDRU hat sich bereits in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitszentrum mit der Problematik auseinander gesetzt.

Es handelte sich in der Vergangenheit jedoch meistens um Einzelmaßnahmen, die häufig von mangelhafter Organisation und unzureichender Finanzierung gekennzeichnet waren. Der Kreis der angesprochenen Menschen war angesichts dieser Probleme relativ klein und hat sich zum Bespiel bei der Aktion "Safer Sex" fast ausschließlich an die Klienten/Klientinnen der beiden Gesundheitszentren der Region gerichtet.

Vor allem die ländlichen Regionen in San Rafael werden von Präventionsmaßnahmen nicht erreicht. Unter den eingeschränkten Bedingungen wäre es daher wünschenswert, eine bessere Koordination der Institutionen untereinander auf die Beine zu stellen, um effektivere Ergebnisse zu erzielen.

Geplantes Konzept:
Unter der Leitung des CEDRU ist es geplant, mit VertreterInnen der oben erwähnten Institutionen einen "Runden Tisch" zu bilden. In diesem Zusammenhang sollen sich die beteiligten Akteure untereinander austauschen, so dass bestehende Defizite, bisher durchgeführte Maßnahmen, finanzielle Mittel und zukünftige Vorstellungen dargestellt werden. Mit Hilfe dieses Austauschs soll ein gemeinsames regional angepasstes Konzept zur Prävention von Aids und Konsum illegaler Drogen entwickelt werden. In diesem Zusammenhang sollen die VertreterInnen der Institutionen zu bestimmten Themen der Prävention geschult werden, wobei für die Schulung qualifizierte ReferentInnen aus Managua herangezogen werden. Um die Nachhaltigkeit des Projektes zu gewährleisten, wird ein Gremium des "Runden Tisches" gewählt, welches zukünftig die Maßnahmen koordiniert und ständig evaluiert und weiterentwickelt.

Die durchgeführten Maßnahmen werden durch die bereits bestehenden Gesundheitsbrigaden des MINSA und MECD sowie die GesundheitspromotorInnen des CEDRU ständig unterstützt.

Um verstärkt Jugendliche auf die Problematik aufmerksam zu machen, soll zunächst bei einem Pilotprojekt an den Oberstufen der vier Gymnasien der Region und den oberen Jahrgängen von 15 ländlichen Schulen, auch unter Einbeziehung von HIV-Positiven und rehabilitierten DrogenkonsumentInnen, eine breit angelegte Öffentlichkeitskampagne ins Rollen gebracht werden. Des weiteren soll ausführliches Informationsmaterial bereitgestellt und Flyer zu den Themen Aids und Drogen unter der Bevölkerung verteilt werden. Auch informative Schilder, die in acht größeren Gemeinden aufgestellt werden, sollen vor den Gefahren warnen und Kontaktmöglichkeiten zu Ansprechpartnern aufzeigen.

Angesichts der hohen Analphabetenrate in Nicaragua von 35%, werden neben schriftlichem Infomaterial jedoch auch alternative Medien eingesetzt, z.B. in Form von Videofilmen, die mittels einer mobilen Anlage auch in Dörfern abgespielt werden können. Jugendliche aus dem Kreis der Gesundheitsbrigaden werden ein Theaterstück zum Thema Aids entwickeln, das in Schulen und an anderen öffentlichen Orten aufgeführt werden soll, um das Tabu zu durchbrechen, das auf dem Begriff Aids lastet. Nicht zuletzt wird im Gesundheitszentrum San Rafael del Sur ein Beratungszentrum eingerichtet, das in Zukunft als erste Anlaufstelle für Betroffene Infizierte und KonsumentInnen zur Verfügung stehen wird.

Mit diesem Projekt soll ein erster Anfang in San Rafael gemacht werden, sich koordiniert und offensiv mit den genannten Problemen auseinanderzusetzen. Es ist wesentlich auf Prävention durch Aufklärung und Information ausgerichtet und orientiert sich noch nicht auf therapeutische Maßnahmen zugunsten Betroffener. Dies bleibt möglicherweise einem späteren Projekt vorbehalten.

Christian Besendörfer