"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 57 / Herbst 2005
 
 

Impressionen von der Atlantikküste Nicaraguas

Viele Vereinsmitglieder haben in den 20 Jahren der Städtepartnerschaft San Rafael del Sur persönlich kennen gelernt und häufig auch die Gelegenheit genutzt, weitere Orte und Regionen Nicaraguas zu besuchen. Die wenigsten waren allerdings an der Atlantikküste, die sich historisch, politisch und kulturell bis heute ganz anders entwickelt hat als die Zonen der Pazifikküste. Seit 3 Monaten arbeitet Tom Lippert, langjähriges Vereinsmitglied, für den DED in dieser Region, Gelegenheit, etwas mehr über dieses andere Nicaragua zu erfahren. Der folgende Bericht stammt von Gabi Stilla-Bowman, seiner Partnerin, die ihn dort besucht hat.


Bilwi, den 08.08.05
Im nord-östlichen Zipfel Nicaraguas, nahe der hondurenischen Grenze, liegt Puerto Cabezas am karibischen Meer. Ich besuche Tom, der dort seit 3 Monaten für den Deutschen Entwicklungsdienst im Planungsressort der autonomen Regierung arbeitet. Es liegt nicht eben um die Ecke, dieses Puerto Cabezas; von Managua aus fliegt man mit einem kleinen Flugzeug noch einmal eine Stunde über das viele Grün auf der Landkarte. Ich fliege nicht sonderlich gerne, doch diesem Flug sehe ich mit merkwürdiger Gelassenheit entgegen.

Das kleine Flugzeugchen ist zwar in einem beklagenswerten Zustand - drei Doppelsitze und ein Einzelplatz, deren gute Zeiten, so sie je welche hatten, längst Geschichte sind. Einfache Metallgestänge, in den Boden geschraubt, mit zerfledderten Bezügen und ranzigen Gurten, bei denen man sich fragt, woran genau sie einen denn gegebenenfalls festhalten sollen - aber das ist mir gleich, ich setze mich rein und schnalle mich an, höchst angetan von meiner neuen Kaltblütigkeit. Als wir anrollen, schalte ich dann aber doch vorsichtshalber auf Ignorieren-was-gerade-passiert. Aber es ist nicht nötig. Wir sind in der Luft. Als ich nach einer Weile die Augen öffne, sehe ich Grün unter mir und den Piloten vor mir - der gerade eingenickt ist, den Kopf zur Seite, mit offenem Mund, wahrscheinlich leicht schnarchend. Das gibt mir ein Gefühl von Normalität. Vaya con dios - y con Autopilot.

Der Himmel fällt herunter auf die kleine Landebahn in Puerto Cabezas. Regen, so heftig, dass an Aussteigen nicht zu denken ist. Este es Puerto Cabezas? Si, este es Puerto de la lluvia. Irgendwann hört es auf und zwar so, als würde die Dusche mit einem Dreh ausgeschaltet. Wäre praktisch zu wissen, wo hier der Knopf ist. Wir fahren ins Hotel, ins Casa de museo, eine schöne Anlage. Das Hotel gehört einer Familie, die der Frente nahesteht. Es ist wirklich wunderschön, die Geschichte dahinter ist allerdings abenteuerlich, wie wir später erfahren.

Wir laufen durch die Stadt zum Strand. Die Stadt ist bunt. Sieht gut und sauber aus, insgesamt nicht ganz so arm wie aus anderen Teilen des Landes gewohnt. Die Miskitos sind dunkel, die Kreolen noch dunkler, fast alle sind dreisprachig, Spanisch, Englisch, Miskitu, viele von ihnen so schön, dass man sie beständig anstarren möchte. Überall Musik. Tolle Musik, und da wir sie jedes Jahr beim Karneval der Kulturen spielen, stellen sich auf der Stelle Heimatgefühle ein. Also hier sind diese Rhythmen zuhause. Es ist sengend heiss, alles wird langsamer, Kopf, Beine, schwingen sich ein in einen Rhythmus, der nicht so recht mithalten kann mit dieser Musik. Die Stimmung ist wie die, die ich mir in Jamaica vorstelle, bevor das Lebensgefühl als Markenprodukt in die Welt zog. Hier ist dagegen noch no-logo-Land. Außer der notorischen Werbung für das Victoria-Bier wird nichts lanciert. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass es auch das ist, was so anders ist. Ein Restaurant am Strand, die Karibik auch nicht ganz so werbeprospekttürkis, die ersten Mückenstiche, das zweite und dritte Victoria und Wärme im ganzen Körper und im Sinn.

Die Miskitos sind das größte der indigenen Völker hier im Norden. Es gibt auch noch Mayangnas, Sumus, Ramas, und Garifunas, aber die sind eher im Süden und Westen vertreten und auch keine so große Ethnie. Der Südosten und der Nordosten sind autonome Regionen, RAAS und RAAN, wir sind hier im RAAN. Die autonome Regierung wird im Moment von den Sandinisten und der Yatama, der Miskitopartei, gestellt. Was umso erstaunlicher ist, als dass sie eigentlich durch eine schlimme Geschichte verbunden sind. Die Sandinisten wussten, als sie an der Macht waren, mit den Strukturen und Lebensweisen an dieser ihnen fremden Küste und den Miskitos nichts anzufangen. Um den in den 80er Jahren in diesen Gebieten aktiven Contraverbänden die Rückzugsbasis zu entziehen, sollten die Miskito zwangsumgesiedelt und in Auslassung eines Schrittes gleich befreite Bauern werden. Nun ist diese Ethnie aber keine notorisch friedfertige Verschiebemasse, sondern wehrte sich. Die Sandinisten haben daraufhin ganze Dörfer ausgelöscht. Die Miskito haben sich dann mit der Contra eingelassen, in der irrigen Annahme, dass der Feind ihrer Feinde ihr Freund sei, und der Konflikt eskalierte.

Nun sitzen sie hier zusammen in einer Regierung und bauen gemeinsam die Brücken wieder auf, die damals von beiden Seiten zerstört wurden. Im Sinne des Wortes. Viele comunidades hier im Sumpfgebiet sind noch immer isoliert, weil eben jene Brücken zerstört sind. Sie sind im Moment noch nur über das Meer zu erreichen.

Toms Arbeit finde ich sehr spannend. Die Aufgabe ist, einen Regionalplan zu erstellen und zwar unter dem DED-Credo der partizipativen Planungsmethoden. Der Plan beinhaltet Infrastruktur in der gesamten RAAN, Verbesserung medizinischer und lebensmitteltechnischer Versorgungsstrukturen, Krisen- und Katastrophenplanung. Das ist umso spannender, als dass der partizipative Ansatz so ziemlich das Gegenteil von allem ist, was hier sonst so läuft. Politik ist hier - im Großen wie im Kleinen, ein Alptraum. Was es gibt, sind gut funktionierende Bereicherungsstrukturen und einen recht autoritären Umgang mit den eigentlichen Nutznießern. Dazu ein weit verzweigtes und unübersichtliches Geflecht von administrativen Abhängigkeiten und Befindlichkeiten.

Dennoch gibt es gute Chancen, in zwei, drei Jahren hier das eine oder andere Projekt zu realisieren. Anstrengend wird es schon, aber das war vorher klar. Schwierig ist vor allem die primäre Aufgabe, Vertrauen aufzubauen und auf nichts dergleichen zurückgreifen zu können. Das birgt die Gefahr, sich dabei zu verausgaben. Zum großen Teil können diese Schwierigkeiten vor Ort aber durch Rückmeldungen des DED aufgefangen werden.

Gerade hörten wir die Geschichte eines Entwicklungshelfers einer anderen Organisation, an der deutlich wird, wie wichtig die eigene Programmatik für Erfolg oder Misserfolg von Entwicklungszusammenarbeit ist: Das World Food Programme der UNO fährt ein strukturell leicht ausnutzbares Programm; sie machen nur Krisen- und Katastropheneinsätze, verteilen bei diesen Gelegenheiten Nahrungsmittel und Medizin, und das ist natürlich nicht nachhaltig und kann zudem ganz wunderbar politisch von jeder Partei ausgenutzt werden. Weil diese Organisation nicht an Prozessen interessiert ist und sie schon gar nicht initiiert, sondern nur Punktlandungen anvisiert, können diese von jedem kleinen Bürgermeister, der gerade wieder gewählt werden möchte, in seinen eigenen Prozess eingebaut werden.
Es geht schneller als man UNO buchstabieren kann, dass die von einer Rattenplage heimgesuchte Region um Waspam am Rio Coco verstanden hat, dass el Senor Alcalde, also der Bürgermeister höchstpersönlich ihnen doch das Essen gebracht hat, als die Ratten einmal alles zerlegt hatten. Und schon ist er ohne große Verdienste wieder in Amt und Würden. Und die Damen und Herren vom World Food Programme können sich beim nächsten Mal wieder ganz von vorne überlegen, wie und mit wessen Unterstützung sie ihre Logistik aufbauen können.

Was mir bei diesen ganzen Geschichten auch noch mal aufgeht ist, welch wirklich grundsolide und gute Arbeit die StäPa in den vergangenen Jahren in ihrer Region geleistet hat. Ist in jeder Hinsicht vorbildlich, und die großen Organisationen könnten viel davon lernen! Wenn sie es denn wollten. Aber darum geht es ja bei diesem Business nicht notwendig. Die Helferindustrie, insbesondere die US-amerikanische, möchte den eigenen Apparat natürlich nur ungern verschlanken oder durch Lösung der Probleme überflüssig machen.

¡Fisabe manane suthra!
Das ist Miskitu und heißt so viel wie: Saludos a todos!
Gabi und Tom