"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 58 / Winter 2005
 
 

Nicaragua - A dónde vas?
Perspektiven jenseits von Freihandel und Caudillos

Am 28. und 29. Oktober 2005 fand in Hamburg ein bundesweiter Kongress der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua statt. Organisiert wurde er vom Nicaragua-Verein Hamburg, dem Informationsbüro Nicaragua sowie der Christlichen Initiative Romero.

Über 80 TeilnehmerInnen aus München, Wuppertal, Frankfurt a.M., Oldenburg, Hannover, Lüneburg, Berlin, Jena sowie der Hamburger Umgebung nahmen hieran teil, viele in der Erwartung, endlich einmal wieder einen breiten, bundesweiten Austausch zu erleben sowie neue Ideen und Konzepte der Vernetzung entwickeln zu können. Die jährliche Regelmäßigkeit solcher Treffen in den 1980er Jahren war über die letzten Jahre eingeschlafen, so dass die Initiative der OrganisatorInnen erwartungsvoll angenommen wurde.

Drei Gäste waren eigens aus Managua angereist. Carlos Pacheco vom Centro Estudios Internationales (CEI) referierte über die Entwicklung der Privatisierung in Nicaragua. Die nicaraguanische Regierung hat sich mit ihrer Verpflichtung zur Armutsbekämpfung im Rahmen der HIPC-Initiative u.a. zur Aufgabe gemacht, durch regionale und sektorale Programme das Wirtschaftswachstum anzukurbeln sowie durch wirtschaftliche, politische und verwaltungstechnische Strukturreformen die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und die Armut zu reduzieren. Während sich die Regierung selbst in ihrem zweiten Fortschrittsbericht 2003 einen guten Umsetzungsprozess bescheinigt und einen Nationalen Entwicklungsplan 2005-2009 vorlegt, durch den Zukunftsperspektiven entwickelt und umgesetzt werden sollen, kritisieren weite Teile der Zivilgesellschaft diesen Plan. Das CEI bemängelt vor allem die neoliberale Orientierung des Entwicklungsplans und konstatiert, dass die Armutssituation sich eher verschlechtert als verbessert habe.

Julia Vargas vom MEC (Movimiento de Mujeres "Maria Elena Cuadra") hielt einen Vortrag zum Thema "Maquilas - ankurbelndes Wirtschaftsmodel oder Zankapfel der Bewegung?" Immer mehr Maquilas entstehen in Nicaragua und bieten tausenden von jungen Frauen Arbeitsplätze, aber sind sie ein Beispiel nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung? (Ausführliche Informationen zu MEC und den Problemen in den Maquilas unter www.inkota.de).

Martha Cabrera beschrieb ihre Arbeit im Centro Antonio Valdivieso, welches vor Jahren eine generelle Traumatisierung der Bevölkerung konstatierte und sich nun dafür engagiert, den betroffenen Menschen psychologische Hilfestellung zu geben. Auf diesen besonders interessanten und zur Zeit auch in dem Kino-Film "Unser America" von Kristina Konrad thematisierten Sachverhalt wird weiter unten noch genauer eingegangen.

Neben den Vorträgen wurden auch vertiefende Workshops zu allen drei Themen angeboten. Darüber hinaus leiteten Helena Roux (französische Journalistin in Nicaragua) zum Ausverkauf der Natur und der bäuerlichen Lebensgrundlagen als Folge von CAFTA (Mittelamerikanisches Freihandelsabkommen) sowie Arndt von Massenbach (INKOTA) zum Thema Schuldenerlass zusätzliche Workshops. Aufgrund der komplizierten Zusammenhänge, des z.T. unterschiedlichen Kenntnissstandes der Teilnehmenden und der begrenzten zeitlichen Kapazitäten wurden hier jedoch eher Kenntnisse ausgetauscht als neue Handlungsstrategien entwickelt.

So äußerten auch einige KongressteilnehmerInnen im Abschlussplenum ihre Enttäuschung darüber, dass im Grunde keine Zeit blieb, um Programme und Aktionen zu entwickeln, die die thematische Vernetzung der deutschen NGO´s verbessern könnten. Insgesamt hielten die meisten den Kongress jedoch für sehr gelungen. Ein neuer Anfang des regelmäßigen Austauschs und Kontakts ist gemacht. So könnte es nächstes Jahr gut weitergehen.


Vierfache Traumatisierung der nicaraguanischen Bevölkerung und die Entwicklung des Landes
Die Psychologin Martha Cabrera arbeitet seit 1997 im Zentrum Antonio Valdivieso in Managua, das sich für die Aufarbeitung persönlicher Traumata in zahlreichen Gemeinden in ganz Nicaragua engagiert.

Zu Beginn ihrer dortigen Arbeit gewann Martha Cabrera den Eindruck, dass es in Nicaragua keine Gemeinde gibt, in der Dank der internationalen Entwicklungszusammenarbeit nicht schon mal ein Workshop zu Themen wie Gender, Umwelt oder Bürgerbeteiligung angeboten worden war. Gleichzeitig stellte sie aber fest, dass trotz dieser Unterstützung und eines enormen Engagements zur Selbsthilfe nur wenig in Bewegung kommt. Warum verharrt die Bevölkerung trotz aller Weiterbildungsmaßnahmen angesichts der offensichtlichen Probleme des Landes in der Lethargie?

Als die MitarbeiterInnen des Zentrum Valdivieso 1998 nach dem Hurrikan Mitch an der Bewältigung der Folgen dieser Naturkatastrophe arbeiteten und mit NicaraguanerInnen aus León, Chinandega, Estelí, Matagalpa und dem besonders verwüsteten Posoltega sprachen, erkannten sie, wie verwundet und mehrfach traumatisiert die Menschen in diesem Land sind, dass eine generelle Trauer auf der Seele der Bevölkerung liegt und sie lähmt. "In unserer Arbeit zur emotionalen Erholung der Überlebenden von Mitch erlebten wir, dass die Leute von den unmittelbaren Verlusten sprechen wollten, die ihnen der Hurrikan zugefügt hatte. Aber sie wollten auch über andere Verluste sprechen, von denen sie nie zuvor gesprochen hatten. Viele Frauen in León und Chinandega kamen zu uns und sagten: Es ist sehr schmerzlich, dass ich mein Haus verloren habe, aber ich möchte Ihnen etwas erzählen, was sogar noch schmerzlicher war ... . Und wir begannen, uns ihre Geschichten anzuhören. Viele Frauen sagten uns: Wissen Sie, welcher Schmerz am tiefsten sitzt? Wissen Sie, warum ich unter Schlaflosigkeit leide? Weil ich wach liege und mich sorge, weil mein Ehemann nachts ins Bett meiner Tochter geht und sie berührt ... ."(CABRERA 12/2002 in Vivimos y Sobrevivimos en un País Multiduelos, ENVIO Nr. 249, Managua) Vergewaltigungen, Missbrauch, Inzest und Kriegserlebnisse, die nie verarbeitet wurden, kamen zum Vorschein. Ein Mann, der bei den Aufräumarbeiten der Mitch-Folgen von Schlamm verschüttete Leichen barg, berichtete: Es kam ein Moment, in dem ich nicht weiterarbeiten konnte, weil der Geruch von Tod fürchterliche Erinnerungen an den Militärdienst in mir wachrief. (ebd.)

Daraufhin änderte das Zentrum Valdivieso seinen Arbeitsschwerpunkt und begann mit einer "Inventur der Wunden und Verletzungen". Neben den seelischen wurden auch körperliche Erkrankungen aufgenommen. Hierbei wurde deutlich, in welch engem Zusammenhang beide Arten von Erkrankungen stehen. Gastritis, Kolitis, Migräne sind eng mit nicht überwundenen Traumata verbunden. Apathie, Isolierung und Aggressivität sind körperliche Ausdruckformen des seelischen Leidens und treten z.T. erst Jahre nach dem eigentlichen Erlebnis auf. Bei einer hohen Anzahl unverarbeiteter Traumata verringert sich die Fähigkeit des Menschen zu Kommunikation, Flexibilität und Toleranz. So stieg nach dem Ende des Krieges in den 1980er Jahren die innerfamiliäre Gewalt deutlich an. Besonders Männer, die im Krieg gekämpft und anschließend keine Perspektive mehr gefunden hatten, oftmals arbeitslos waren, drangsalierten ihre Familien.

Durch die Zusammenarbeit mit einem Anthropologen wurde deutlich, welch wichtige Rolle auch kulturelle Aspekte in diesem Zusammenhang spielen. Die Form des Ausdrucks jener Gefühle, die sich auch körperlich ausdrücken, ist nicht angeboren, sondern wird erlernt. Durch die geschlechtsspezifische Sozialisierung ist es Frauen in der Regel erlaubt, solch starke, negative Gefühle in Form von Trauer, Schuld oder Angst auszudrücken. Die Wut hingegen ist den Männern vorbehalten, die sich wiederum nicht der anderen drei Ausdrucksformen bedienen dürfen, wollen sie nicht aus ihrer anerzogenen Rolle fallen. Hierdurch wird ihre Aufarbeitung der Traumata erschwert. Die unterdrückten Emotionen wirken sich z.B. auf das Immunsystem oder das neurologische System aus und machen die Betroffenen krank.

Viele gesellschaftliche VerantwortungsträgerInnen wie BürgermeisterInnen, aber auch zivile Organisationen, sind sich des Ausmaßes der Traumata in der nicaraguanischen Bevölkerung nicht bewusst. Versuche, die Bevölkerung zu stärken, sind zahlreich, aber sind sie auch effektiv? Mangelnde Partizipationsbereitschaft oder Eigenengagement werden oft beklagt, doch wer "von einem Auto (...) angefahren wird, steht nicht einfach wieder auf, putzt sich den Staub von den Sachen und geht zu Arbeit. (...) Nicaragua ist (jedoch nicht von einem Auto angefahren, sondern) von einem Zug mehrfach überrollt worden." (CABRERA 12/2002).

Die persönlichen Lebensgeschichten haben ein enormes Gewicht und werden in den Entwicklungsprojekten meist völlig ignoriert. Diese Individualität wird allzu oft von der Linken negiert, die Personen werden lediglich als Glied in einer Übertragungskette gesehen. "Der Sieg der Revolution war eine gemeinsam erlebte Sache, aber deren Niederlage musste individuell verwunden werden", sagte Martha Cabrera in Hamburg. Es mangelt an einer politischen Auseinandersetzung mit der Geschichte, so dass keine kritische Distanz zu ihr aufgebaut werden kann. Selbst in heutigen Schulbüchern, die schon mehrfach überarbeitet wurden, finden sich immer noch ideologisierte Texte. Ein Abweichen von den alten Werten - sei es auf Seite der SandinistInnen, sei es auf Seite der Contras - scheint angesichts der erbrachten Opfer unmöglich.

Gleichzeitig wird in Nicaragua ein Führungsstil gepflegt, der jedwede Veränderung verhindert. Ortega und Alemán sind da nicht die einzigen caudillos. Das Syndrom der politischen Führerschaft wird auch von NGO´s in allen Teilen der nicaraguanischen Gesellschaft reproduziert. Die Entwicklung einer gesunden Demokratie wird gebremst durch mangelnde Reflektion und Verarbeitung des Erlebten. Persönliche Veränderungen aber sind der Schlüssel zu organisatorischen Prozessen.

Um solche Veränderungen bewirken zu können, bietet das Zentrum Valdivieso anderen Organisationen eine Zusammenarbeit an, die sich in vier Blöcke gliedert: Persönliches (Erfassung von körperlichen und seelischen Leiden sowie Ansätze, diesen zu begegnen), Historisch-Kulturelles (Erfassen und Hinterfragen der kulturellen Prägungen und Strategien), Organisatorisches und Entwicklung. Diese vier Blöcke werden jedoch nicht einzeln, sondern immer im Zusammenhang betrachtet. Auf diese Weise wird der Versuch gemacht, der erlebten Sinnentleerung entgegenzuwirken, der viele NicaraguanerInnen nach dem Ende der Revolution, insbesondere nach der Wahlniederlage 1990, ausgesetzt waren. Die Schmerzen müssen anerkannt, ausgedrückt und schließlich reflektiert werden, um sie bewältigen zu können. Durch das Leugnen prekärerer gesellschaftlicher Missstände wird die Möglichkeit, neue Wege zu erschließen, nur verstellt.

Martha Cabreras Vorstellung ihrer Arbeit im Zentrum Antonio Valdivieso war so überzeugend, dass ich denke, wir sollten über eine Zusammenarbeit mit dieser Organisation in San Rafael del Sur ernsthaft nachdenken.

Kerstin Wippel