"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 59 / Frühjahr 2006
 
 

Rückblick auf die Projekte 2005

Ehe das neue EU-Projekt PISA, welches seit Anfang des Jahres in San Rafael von Franz Thoma und den MitarbeiterInnen von CEDRU vorbereitet wurde und das am 1. März bereits begonnen hat, für die nächsten Monate und Jahre alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, soll an dieser Stelle noch einmal ein Blick auf die Projektarbeit des vergangenen Jahres geworfen werden. Im Gegensatz zu anderen Jahren wurde eine ganze Handvoll von Projekten zeitgleich durchgeführt, die von verschiedenen Institutionen gefördert wurden und die deshalb schon unter buchhalterischen Aspekten hohe Ansprüche an das Team in San Rafael del Sur stellten.                      

Offiziell wurden alle Projekte des vergangenen Jahres am 31.12.2005 beendet. Allerdings heißt das nicht, dass es nun keine Arbeit mehr für das Team und den Vereinsvorstand gab. Neben der Vorbereitung von PISA mussten noch die letzten Belege gebucht und vor allem jeweils ein Finanzbericht und ein Sachbericht erstellt werden, welche die ordnungsgemäße Verwendung der Fördergelder und die erreichten Ziele darstellen. Angesichts der Berge von Dateien, in denen alle Einzelheiten festgehalten sind und die entsprechend ausgewertet werden mussten, wird ganz nebenbei einmal mehr deutlich, welch umfangreiche und erfolgreiche Arbeit in San Rafael geleistet wurde und wie sehr die Projekte zur Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Lebensverhältnisse der Menschen von San Rafael del Sur beigetragen haben.

Jugendprojekt

Ein gemeinsames Projekt mit Jugendlichen aus Nicaragua und Berlin durchzuführen, das den mangelhaften Informationsstand über die AltersgenossInnen in der jeweiligen Partnerstadt aufheben und das gegenseitige Verständnis erhöhen sollte, war neu für den Verein. Zwar waren mit den Brigaden schon viele junge Menschen in San Rafael del Sur, haben auf diese Weise einen unmittelbaren Eindruck von den Lebensverhältnissen vor Ort erhalten und sicherlich auch den Versuch gemacht, ihr Leben hier in Deutschland zu beschreiben. Eine wirklich nachhaltige Wirkung hatten solche Erzählungen allerdings selten. Das gilt auch im umgekehrten Fall. Wer noch nie persönlich in einem der Dörfer von San Rafael gewesen ist, der hat von einem Haus, in dem eine siebenköpfige Familie lebt, wahrscheinlich eine europäisch geprägte Vorstellung, die der Realität nicht unbedingt standhält. Und natürlich glaubt jedeR EinwohnerIn von San Rafael del Sur, die/der dich nach den Flugkosten fragt, die du zahlen musstest und offensichtlich ja auch zahlen konntest, dass ein Leben in Deutschland flächendeckenden Wohlstand und allgegenwärtigen Luxus bedeutet. Angesichts dieser schon so oft konstatierten Diskrepanz entstand also die Projektidee einer bi-nationalen Fotoausstellung, die es Jugendlichen aus beiden Ländern erlauben sollte, ihr Lebensumfeld in Text und Bild nach eigenen Kriterien darzustellen, in einer Ausstellung vergleichbar zu machen und sich dann auszutauschen. Dies ist geschehen, in San Rafael del Sur ebenso wie in Berlin. Acht thematische Tafeln sind jeweils entstanden und übersetzt worden, und so können nun z.B. die Menschen in San Rafael del Sur erfahren, dass auch das Leben in Deutschland vielleicht unerwartete Probleme mit sich bringt: Nicht jedeR hat ein Haus im Grünen, Freizeit kostet Geld, und Umweltverschmutzungen sind auch in einem entwickelten Industrieland an der Tagesordnung. Und der Berliner Jugendliche ist sicherlich überrascht, wie groß das umweltpolitische Engagement der SchülerInnen in San Rafael del Sur ist, die sich nicht scheuen, als ökologische Avantgarde auf Missstände in ihrer Gemeinde hinzuweisen und die Verantwortlichen zu benennen. Auf gemeinsamen Kongressen mit Jugendlichen aus ganz Mittelamerika denken sie über Alternativen nach und tragen die Diskussion ökologischer Themen in eine Öffentlichkeit, die angesichts der Armut allzu sehr auf die Sicherung des Lebensunterhalts fixiert ist.

Zu der Ausstellung ist eine zweisprachige Broschüre erschienen, die beim Verein bezogen werden kann. Die Ausstellung wird in Berliner Schulen und Jugendeinrichtungen zu sehen sein.

Prävention von HIV/AIDS und Drogenkonsum

Angeregt wurde dieses Projekt im Frühsommer 2004 von Dr. Martín Almendares, Direktor des Gesundheitszentrums in San Rafael del Sur. Er beobachtete mit Sorge eine zunehmende Häufung beider Phänomene in San Rafael del Sur, ohne dass von kommunaler Seite her darauf reagiert wurde. Woran es vor allem mangelte, war eine sinnvolle Koordination der Maßnahmen der verschiedenen Institutionen, die jede für sich sporadische Aktionen durchführten, die ohne großen Effekt blieben. In einem ersten Schritt wurde also zu einem Runden Tisch eingeladen, der allen maßgeblichen Institutionen die Gelegenheit gab, ihre bisherige Arbeit darzustellen und einen koordinierten Aktionsplan aufzustellen. Innerhalb weniger Wochen tagte dieser Runde Tisch insgesamt sechs mal und verordnete sich als erste Maßnahme acht Fortbildungs-Workshops zu verschiedenen Themen aus den Bereichen HIV/AIDS und Drogenkonsum. Über 50 EntscheidungsträgerInnen aus der Alcaldía, der örtlichen Polizei, den Gesundheitszentren, dem Menschenrechtsbüro etc. haben an diesen Kursen teilgenommen. Parallel dazu wurden an 19 Schulen der Region insgesamt 27 Projekttage zu den beiden Themenbereichen durchgeführt, wobei über 1.700 SchülerInnen der vierten, fünften und sechsten Jahrgänge erreicht wurden. Das Interesse an den Schulen war außerordentlich groß, und hier wurde auch die spontane Idee geboren, einen Wissenswettbewerb über beide Themenbereiche zwischen interessierten Schulen abzuhalten. El Salto im Primar- und San Cayetano im Sekundarbereich sind die glücklichen Gewinner. Dieser Wettbewerb hat noch mehr Interesse geweckt und soll nun regelmäßig wiederholt werden. Angesichts der großen Resonanz der SchülerInnen wurde das Projekt um drei mehrtägige Workcamps auf der Demofinca ergänzt, um auch im außerschulischen Rahmen die Jugendlichen San Rafael del Surs zu erreichen. Mit T-Shirts, Flyern und einem Videofilm stehen auch in Zukunft Informationsmaterialien zur Verfügung, um diese so wichtige Aufklärungsarbeit konsequent fortsetzen zu können.

Dieses Projekt war stärker als so manch anderes ein Projekt, das die Eigeninitiative in der Region gestärkt hat. Der "Runde Tisch" wurde aufgrund der Beteiligung aller relevanten Organisationen und Institutionen schnell zu einem Gremium, das auf sehr lebendige Weise das vor sich hindämmernde regionale Entwicklungskomitee wieder belebte. Jedes Treffen wurde zum Anlass genommen, auch über andere kommunale Themen zu sprechen. Beispielsweise gibt es im schulischen Bereich weitere Probleme als nur den zunehmenden Konsum von Drogen. Wie sehr dieser informelle Austausch allen Beteiligten aufgrund mangelhafter Initiative der Alcaldía zuletzt gefehlt hat, wird deutlich, wenn Franz uns von der Eröffnung der Fotoausstellung der Jugendlichen schreibt, er habe den Eindruck gehabt, es sei die Fortsetzung der Runden Tische gewesen. Zur obligatorischen Frage der Nachhaltigkeit dieses Projekts kann man also nur sagen: 100 Prozent!

Stärkung der Menschenrechte

Nachdem der derzeitige Bürgermeister der PLC, der Partei Alemáns, schon im Wahlkampf verkündet hatte, eine seiner ersten Amtshandlungen werde die Schließung des Menschenrechtsbüros sein, wollten wir unbedingt die Position der MitarbeiterInnen des Büros stärken und mit einem Projekt unterstützen. Mit finanzieller Förderung der Stiftung Umverteilen aus Berlin ist dies auch gelungen. Das Büro konnte seine Arbeit ausweiten, hat weitere 50 PromotorInnen ausgebildet, die als unmittelbare AnsprechpartnerInnen in jeder einzelnen Gemeinde zur Verfügung stehen, Menschenrechtskurse für 55 LehrerInnen und über 1400 SchülerInnen an weiteren 35 Schulen durchgeführt, die in früheren Projekten nicht berücksichtigt werden konnten, und einen Flyer erstellt, der über ihre Arbeit und Hilfsangebote informiert.

Gleichzeitig hat sich das Büro noch stärker in die Zusammenarbeit mit anderen kommunalen Institutionen eingebracht. So waren verschiedene MitarbeiterInnen, wie weiter oben erwähnt, selbstverständlich auch am Runden Tisch des AIDS/Drogen-Projekts vertreten. Auch aufgrund dieser Integration in die kommunale Zusammenarbeit steht heute eine Schließung des Büros aus politischen Motiven nicht mehr zur Debatte.

Wie wichtig die Arbeit des Menschenrechtsbüros ist, zeigt sich auch an der zunehmenden Anzahl von Menschenrechtsverletzungen, die dem Büro gemeldet und von diesem verhandelt werden.

Schulprojekt

Als gegen Ende des vergangenen Jahres bekannt wurde, dass bei der LEZ noch Fördergelder zur Verfügung standen, hat sich der Vorstand spontan entschlossen, im November und Dezember ein weiteres Projekt durchzuführen, das sich in so kurzer Zeit noch realisieren ließ: Den Neubau einer Schule in Villa Progreso, die notwendige Reparatur einiger Schulen und den Kauf und die Verteilung von 1.058 pupitres, den für Nicaragua typischen Schulstühlen, an zahlreichen Schulen in der gesamten Region. Auxiliadora Sánchez, Verantwortliche von MEDC in San Rafael del Sur, hatte sich mit dem Problem an den Verein gewandt, dass an den verschiedenen Schulen in der Region ca. 1.500 Stühle fehlten. Allein dies bedeutet einen Kostenfaktor von mehr als 25.000 US-$, eine Summe, die von den "autonomen" Schulen mit ihren unzureichenden Finanzbudgets selbst nicht aufzubringen ist. Die Auflagen von IWF und Weltbank, denen die Regierung sich beugt, sind unverändert dafür verantwortlich, dass im nicaraguanischen Bildungssektor radikal gespart wird, statt gerade in der Investition in die Bildung der Kinder und Jugendlichen einen nachhaltigen Ausweg aus der Armut des Landes zu suchen. Mit Unterstützung des Vereins kann dieser Situation wenigstens in der Region San Rafael del Sur immer wieder entgegengewirkt werden.

Alphabetisierung

Mit finanzieller Unterstützung der Böcklerstiftung konnten die Maßnahmen im Bereich der Alphabetisierung Erwachsener fortgeführt werden. Dazu wurden Kurse in sechs Gemeinden angeboten, die es den TeilnehmerInnen ermöglicht, in zwei Jahren den Grundschulabschluss nachzuholen. Zusätzlich

wurde ein Supervisor bezahlt, der mit den LehrerInnen die besonderen Aspekte einer Didaktik diskutiert, die sich anders als an den Grundschulen an Erwachsene richtet. Es werden also nicht herkömmliche Lehrbücher benutzt, sondern in Anlehnung an die Methoden von Paolo Freire werden auch die Inhalte der verschiedenen Projekt-Workshops in den Unterricht einbezogen.

131 Personen haben Anfang 2005 mit den Kursen begonnen, aber natürlich hat sich diese Zahl im Laufe des Jahres reduziert. Die Gründe dafür sind vielfältig und durchaus nachvollziehbar. Einige haben die Region auf der Suche nach Arbeit verlassen, andere waren auf Dauer nicht in der Lage, nach einem harten Tag in den Zuckerrohrfeldern noch regelmäßig zum Unterricht zu gehen. Zwei der sechs Gruppen haben sich aus diesem Grunde aktuell auch zum vollständigen Ausstieg aus dem Programm entschlossen, es ist aber schnell gelungen, dafür zwei weitere Gemeinden zu finden, die auf dem Niveau des zweiten Jahres in die Kurse einsteigen, so dass das neue Schuljahr wiederum mit 138 TeilnehmerInnen begonnen hat. CEDRU hat einen kurzen Videofilm über diese Kurse erstellt, der mehr als jede Statistik oder verbale Beschreibung deutlich werden lässt, was es für eine 40jährige Mutter bedeutet, endlich Lesen und Schreiben zu können, wie ihre Kinder auch.

Integrierte Armutsbekämpfung

Nach 30 Monaten Laufzeit wurde auch das vom BMZ geförderte Projekt "Integrierte ländliche Entwicklung" Ende des Jahres erfolgreich abgeschlossen. Mit den Komponenten Schafzucht und Gemüseanbau wurden besonders effektive einkommensschaffende Maßnahmen des PRODISA-Projekts fortgeführt, gleichzeitig sollte das erzielbare Einkommen zusätzlich durch den Ausbau der regionalen Direktvermarktungsstrukturen erhöht werden.

Dies ist in vollem Umfang gelungen, statt der für die Region geplanten vier selbstverwalteten Verkaufsstände für die landwirtschaftliche Produktion besteht nun sogar in sieben Orten die Möglichkeit zur Direktvermarktung und zur Ausschaltung des Zwischenhandels. In der Startphase mussten die ProduzentInnen durchaus erst einmal lernen, diese neue Chance zu nutzen und ihre Produkte nicht zu den alten Dumpingpreisen anzubieten.

Im Bereich der Schafzucht wurde wie geplant ein revolvierender Fonds eingerichtet, der zu Projektbeginn 40 Begünstigte mit jeweils acht Tieren ausstattete. Weitere 10 Begünstigte sollten bis Projektende mit in den Fonds zurückgegebenen Tieren versorgt werden. Die ist in einer ersten Aktion erfreulich früh schon im April 2005 geschehen, und durch weitere Vergaben aus dem Fonds konnte die geplante Zahl von 50 Begünstigten deutlich überschritten werden. Da aufgrund eines während des gesamten Projektzeitraums sehr positiven Wechselkurses Euro/US-$ mehr US-$ als erwartet für das Projekt zur Verfügung standen, wurden Ende des Jahres 2005 mit Genehmigung des BMZ weitere Schafe gekauft und verteilt. Diese Aufstockung mit den zusätzlich verfügbaren Mitteln erfolgte auch in den Bereichen der Bewässerungsanlagen und im Gemüseanbau. Auch in diesen beiden Bereichen wurde die geplante Zahl von Begünstigten leicht überschritten: 54 Frauen und 45 Männer konnten ihre Produktion mithilfe der  Bewässerungsanlagen auf das gesamte Jahr ausdehnen, und 127 Frauen und 84 Männer wurden für drei Aussaaten zwischen Dezember 2004 und September 2005 mit Saatgut für 10 verschiedene Gemüse versehen. Da diese letzte Aussaat durch starken und anhaltenden Dauerregen schwer geschädigt wurde, wurde im Oktober Saatgut nachgekauft und für eine vierte Aussaat verteilt.

Bis auf den Neubau einer Schule gilt schon seit langem: Kein Projekt ohne Workshops. Die 10 PromotorInnen im Bereich Gemüseanbau und die 8 PromotorInnen im Bereich Schafzucht wurden ebenso fortgebildet wie die Begünstigten der Maßnahmen. Lässt man die mehrfache Beteiligung der Begünstigten an unterschiedlichen Workshops außer Acht, so nahmen über 2.100 Personen an den Kursen über Gemüseanbau, Plagenbekämpfung, Bodenverbesserung, Bewässerung, Schafzucht, Kommerzialisierung und fachliche Fortbildung teil.

Integrierte Armutsbekämpfung durch Förderung der Landwirtschaft und der Vermarktung, Maßnahmen in den Bereichen der Bildung und der öffentlichen Gesundheit, Stärkung des Selbsthilfepotenzials und der Eigenverantwortung, kontinuierliche Zusammenarbeit mit Jugendlichen, Stärkung der Rolle der Frauen in der nicaraguanischen Gesellschaft: Es war wieder eine breite Themenpalette, die der Verein im vergangenen Jahr mit seiner Projektarbeit angesprochen hat. Nun kommt PISA. Aber nur scheinbar stellt sich die Situation damit für die kommenden drei Jahre anders dar. In dem integrierten Ansatz von P.I.S.A sind alle diese Komponenten enthalten und werden sogar deutlich intensiviert. Parallel zu PISA wird ja mindestens im laufenden Jahr auch das Projekt der Alphabetisierung Erwachsener fortgeführt. Im Augenblick werden Franz als Koordinator und das Team von CEDRU zwar absolut von den Startschwierigkeiten und der unvermeidlichen Bürokratie in Anspruch genommen, die das neue große Projekt mit sich bringt, aber im Laufe der nächsten Wochen wird sicherlich auch wieder ausreichend Zeit sein, über sinnvolle ergänzende Projekte oder die Vertiefung bereits durchgeführter Komponenten nachzudenken. Wir führen unsere Arbeit also konsequent fort. Vamos adelante!

Erich Köpp