"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 60 / Sommer 2006
 
 

Eine neue Schule in "El Bongo"
San Rafael del Sur bekommt eine weitere Grundschulaula

Dank einer finanziellen Förderung der Berliner Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ), kann dieses Jahr von Juli bis September das alte, nicht mehr nutzbare Grundschulgebäude in der Gemeinde El Bongo durch eine neue Aula ersetzt werden.

Die gegenwärtige Situation des Bildungssektors der Region San Rafael del Sur entspricht dem desolaten Zustand auf nationaler Ebene und ist durch tief greifende Mängel gekennzeichnet. Die meisten Schulen haben inzwischen den Status einer sog. Autonomen Schule erhalten, werden also vom Staat mit einem von der Schülerzahl abhängigen Budget ausgestattet, mit welchem das Schulpersonal "autonom" die Kosten für Gehälter, Betriebskosten, Anschaffungen, Reparaturen, Renovierungen etc. abdecken soll. Dieses Budget reicht in keinem einzigen Falle für die Aufrechterhaltung eines regulären Schulbetriebes aus. Und obwohl laut Verfassung der Schulbesuch für jedes nicaraguanische Kind kostenlos ist, muss man heute von der Erhebung von Schulgebühren sprechen, da alle Schulen angesichts der finanziell absolut unzureichenden Situation dazu übergegangen sind, "freiwillige" Beträge für die verschiedensten Dienstleistungen einzufordern, u.a. für die Einschreibung zum Jahresanfang oder die Ausgabe von Zeugnissen. Mit diesen "freiwilligen" Beträgen werden dann z.B. Kreide oder Farbe für einen neuen Anstrich der Tafel gekauft. Diese schleichende Einführung von Schulgeld ist angesichts der Armut im Lande und in der Region unter anderem dafür verantwortlich, dass knapp 50 % der schulpflichtigen Kinder Nicaraguas keine Schule besuchen und die Analphabetenquote landesweit wieder bei 35 % liegt, in den ländlichen Gebieten auch darüber. Andererseits reicht das den Schulen zur Verfügung gestellte Budget trotz dieser verfassungswidrigen, aber geduldeten Aufstockung nicht aus, um die teilweise erheblichen Kosten einer Dachreparatur oder der Anschaffung fehlender Stühle für alle SchülerInnen zu decken. Diese Situation wird sich auch mindestens mittelfristig nicht zum Besseren wenden. Trotz des erheblichen Erlasses eines Teils der Außenverschuldung Nicaraguas durch IWF und Weltbank fließen Teile der freigewordenen Gelder nicht wie vereinbart in den Bildungs- oder Gesundheitssektor, sondern werden von der Regierung dazu benutzt, die Kosten der internen Verschuldung des Staates, die noch einmal etwa 4 Mrd. US $ beträgt, zu finanzieren.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die regionale Vertretung des Bildungsministeriums in San Rafael del Sur keine Mittel für umfassende Schulprojekte zur Verfügung hat. Zurzeit besteht ein aktueller Bedarf an sechs Neubauten oder Erweiterungen von Schulgebäuden.

Auch die kleine, in der Nähe von Masachapa gelegene Gemeinde El Bongo, die in den weiträumigen Anbaugebieten des Zuckerrohrs liegt, ist von dieser Situation in besonderem Maße betroffen. Das bestehende Gebäude ist ein altes, kleines, baufälliges Haus aus Holzlatten. Bisher wurde es nur soweit repariert, dass der Schulbetrieb überhaupt aufrechterhalten werden konnte, da die Finanzierung eines Neubaus nicht gewährleistet werden kann. Seit Beginn des Schuljahres im Februar 2006 wird das Gebäude nur noch für die Vorschulkinder des Ortes genutzt, da der Raum für die 88 GrundschülerInnen nicht mehr ausreichend war. Diese sind seitdem gezwungen, die Schulen der Nachbargemeinden zu besuchen, wenn sie am Unterricht teilnehmen wollen. Leider hat sich gezeigt, dass ein großer Prozentsatz der SchülerInnen aufgrund der damit verbundenen langen Fußwege nicht mehr an einem Unterricht teilnimmt. Zahlreiche Eltern sind nicht dazu bereit, ihre Kinder täglich mehrere Stunden allein durch die Zuckerrohrfelder wandern zu lassen. Allein aus diesem Grund ist der Neubau einer ausreichen großen Aula in der Gemeinde El Bongo dringend erforderlich. Es muss außerdem befürchtet werden, dass die Bausubstanz des bestehenden Holzhauses eine weitere schwere Regenzeit nicht überstehen wird, was die Einstellung des noch vorhandenen Vorschulbetriebs bedeuten würde. Dies soll mit dem Neubau einer Aula verhindert werden, da explizit für die Kinder dieser Familien der Erwerb von Bildung den einzigen mittelfristigen Ausstieg aus den von extremer Armut geprägten Lebensverhältnissen ihrer Familien darstellt. Durch den Neubau einer Aula als Ersatz für das bestehende, absolut baufällige Gebäude und die Ausstattung des Klassenzimmers mit einer für alle SchülerInnen ausreichenden Anzahl an Stühlen und festen Bücherregalen soll das Lernumfeld der Betroffenen deutlich verbessert werden.

Dank der finanziellen Unterstützung sowohl öffentlicher Fördereinrichtungen, als auch durch unsere Mitgliederspenden können wir mit diesem Projekt wieder einen kleinen Beitrag zu einer nachhaltigen Entlastung der unzureichenden Situation im Bildungssektor der ländlichen Gemeinden der Region San Rafael del Sur leisten.

Erich Köpp