"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 61 / Winter 2006
 
 

Kinder mit HIV

Die Zahl der mit dem HIV-Virus lebenden Menschen ist in Nicaragua im vergangenen Jahr dramatisch angestiegen. Das Gesundheitsministerium MINSA veröffentlichte entsprechende Statistiken, die eine landesweite Ausbreitung der Krankheit um 40 % ausweisen. Die Zahlen belegen, dass aktuell 1.327 Menschen in Nicaragua mit dem lebensbedrohlichen Virus leben, darunter fast 15 % Kinder. Insgesamt 622 Menschen sind an der Immunschwächekrankheit gestorben und haben in vielen Fällen ihre Kinder als Waisen hinterlassen.

Die Anzahl der TrägerInnen des HIV-Virus, der die Immunschwäche AIDS auslöst, steigt nicht nur in Nicaragua. Nach neuesten Untersuchungen der Vereinten Nationen leben aktuell 40 Millionen Menschen mit dem Virus, darunter 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Der karibische Raum gilt inzwischen, nach der Region der Subsahara, weltweit als am höchsten infiziert. In Ländern wie Haiti oder den Bahamas hat sich AIDS zu einer der primären Todesarten entwickelt.

Unter den betroffenen Kindern ist der Anteil derer, die bereits mit dem Virus geboren werden, besonders hoch. Der Grund dafür ist regelmäßig die Tatsache, dass ihre Mütter zum Zeitpunkt der Geburt bereits mit dem Virus lebten. Nach Aussage des Direktors der Mutter-Kind-Klinik Chinandega ist Somotillo das Munizipio, in dem das Risiko, bereits seropositiv geboren zu werden am größten ist. Analysiert man den geographischen als auch sozioökonomischen Kontext dieser Region, sind die Zusammenhänge mit der hoffnungslosen ökonomischen Situation der Bevölkerung offensichtlich. Der Mangel an Arbeitsplätzen generiert eine Migration in die Grenzzonen des Landes, wo die Ansteckungsmöglichkeiten noch einmal sehr viel größer sind als in Nicaragua selbst. Der nördliche Nachbar Honduras ist beispielsweise eines der am meisten von der Epidemie betroffenen Länder Mittelamerikas.

"Ihre (ökonomische) Situation zwingt viele Frauen, Arbeit in Regionen mit erhöhtem Risiko zu suchen. Wenn sie zurückkehren, tragen sie den Virus in sich, oft, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Erst in dem Augenblick, wenn ihre Kinder wegen typischer Symptome behandelt werden müssen, erfahren sie von dem Virus", so Norwin Solano von CENIDH, der nicaraguanischen Menschenrechtsorganisation.

Von der nicaraguanischen Regierung wird dieser Situation nicht ausreichend Rechnung getragen. Antiretrovirale Medikamente könnten das Eintreten einer Infektion erheblich mindern. Bei einem Kind, dass schon vor seiner Geburt und unmittelbar danach profilaktisch versorgt wird, mindert sich das Risiko einer Übertragung durch die Mutter auf das Neugeborene auf 0,002 %. Regelmäßig werden jedoch über den Haushalt der Regierung nicht ausreichend finanzielle Mittel für den Gesundheitsbereich bereitgestellt, die dazu beitragen könnten, die Quote der von Geburt an infizierten Kinder erheblich zu senken. Norwin Solano: "Früher wurden in Nicaragua 150 Millionen US-Dollar/Jahr in Medikamente investiert, heute sind es nicht einmal mehr 50 Millionen/Jahr".

Opfer dieser Entwicklung ist die nicaraguanische Bevölkerung. Der Staat hat die Vorsorge und die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema HIV/AIDS internationalen Organisationen überlassen, die offensichtlich besorgter sind als der Präsident und das Parlament des Landes. Die Tatsache, dass Nicaragua das Land Mittelamerikas ist, das die niedrigste Infektionsquote von HIV und AIDS aufweist, vermittelt unter Umständen ein falsches Gefühl der Sicherheit, die Ausbreitung der Krankheit kontrollieren zu können, was schnell zu einer Ausweitung statt zu einer Reduzierung führen kann.

Die UNESCO schätzt, dass bis zum Jahr 2003 weltweit 14 Millionen Kinder durch den virusbedingten Tod ihrer Eltern zu Waisen wurden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2010 auf 25 Millionen Kinder erhöht. Was wird in Nicaragua aus den betroffenen Kindern?. Vielen bleibt nur die Fürsorge ihrer Großeltern oder ein Leben auf der Straße. In Nicaragua setzt sich erst allmählich die Erkenntnis durch, dass spezielle Orte für diese zumeist selbst von HIV/AIDS betroffenen Kinder geschaffen werden müssen. Im normalen gesellschaftlichen Leben, in der Schule, werden sie ausgegrenzt und diskriminiert. Staatliche Programme zu ihrem Schutz und ihrer optimalen Versorgung fehlen. Einmal mehr sind es nationale und internationale NROs, die sich zunehmend für ihre Rechte auf angemessene medizinische und soziale Betreuung einsetzen.

(Quelle: www.elnuevodiario.com.ni vom 06.11.2006)

Der Bericht aus der Tageszeitung El Nuevo Diario zeigt, wie wichtig und richtig das Projekt zur Prävention von HIV/AIDS war, dass wir im vergangenen Jahr in der Region San Rafael del Sur finanziert und durchgeführt haben. Ziel des Projekts war es im Wesentlichen, Bewusstsein für die Bedrohung durch HIV/AIDS zu schaffen, das Thema zu enttabuisieren, die maßgeblichen Institutionen der Region an einen Tisch zu holen, Maßnahmen zur Prävention zu diskutieren und der Öffentlichkeit bis hinein in die Schulen zugänglich zu machen und nicht zuletzt einen kommunalen Aktionsplan zu initiieren. Als Ergebnis des Projekts können naturgemäß noch keine konkreten Zahlen vorgelegt werden, die etwa eine signifikante Umkehr der Tendenz in San Rafael del Sur belegen. Der Kampf gegen HIV/AIDS ist ein sehr langwieriger Prozess auf ganz unterschiedlichen Ebenen, und mit dem Projekt konnte nur ein Anstoß gegeben werden, dem Problem in San Rafael del Sur die notwenige kommunalpolitische Aufmerksamkeit zu widmen. Dieses Anliegen der örtlichen Gesundheitszentren werden wir auch in Zukunft unterstützen.

Erich Köpp