"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 61 / Winter 2006
 
 

Projektschwerpunkt Ernährungssicherung

Im Oktober präsentierte die Deutsche Welthungerhilfe einen Welt-Hunger-Index, um die Ernährungslage in den Entwicklungsländern besser vergleichen zu können. Ein entsprechender Hunger-Index muss eine wissenschaftlich korrekte Grundlage haben und für möglichst alle Entwicklungs- und Transformationsländer zur Verfügung stehen. Die Grunddaten müssen jährlich veröffentlicht werden, damit jedes Jahr aktualisierte Ranglisten zum Vergleich verschiedener Länder und Weltregionen vorgelegt werden können.

Um den Hunger auf der Welt effektiver bekämpfen zu können, muss eine wissenschaftlich fundierte Datengrundlage vorliegen. Doch schon die Messung von Teilaspekten des Hungers, z.B. der unzureichenden Energiezufuhr über die Nahrung, wirft Probleme hinsichtlich der Daten und Methoden auf. Eine große Hürde in der Bekämpfung von Hunger bestand bislang darin, dass es auf internationaler Ebene keine allgemein anerkannte, umfassende Messgröße gab.

Zur Messung anderer komplexer Sachverhalte wurden bereits entsprechende Indizes entwickelt, so beispielsweise der "Human Development Index" (Index der menschlichen Entwicklung) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und der "Corruption Perceptions Index" von Transparency International.

Weil Hunger viele Gesichter hat, genügt es nicht, in einem solchen Index nur die Nahrungsverfügbarkeit zu erfassen. Unmittelbare Folgen von Hunger wie ein schlechter Ernährungszustand und verringerte Überlebenschancen sollten ebenfalls berücksichtigt werden. Ideal wäre es, zusätzlich den Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen mit einzubeziehen, doch sind hierfür im internationalen Vergleich nicht ausreichend aktuelle Daten verfügbar. Das Konzept des Welthunger-Indexes beschränkt sich deshalb auf drei wesentliche Dimensionen des Hungers, die einen Bezug zu Vitamin- und Mineralstoffmängeln haben: Nicht ausreichende Nahrungsenergie sowie Defizite im Ernährungszustand und erhöhte Sterblichkeit.

Das Konzept des Welthunger-Indexes (WHI)

Der Welthunger-Index basiert auf drei gleichwertigen Indikatoren:

  • Anteil der Unterernährten in der Bevölkerung in Prozent (Indikator für den Bevölkerungsanteil mit unzureichender Nahrungsenergiezufuhr)
  • Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit Untergewicht (Indikator für den Anteil der Kinder, die an Gewichtsverlust und/oder zu geringem Wachstum leiden)
  • Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren (Indikator, der teilweise das fatale Zusammenwirken von mangelnder Nährstoffversorgung und einem schlechten gesundheitlichen Umfeld widerspiegelt).

Durch die Kombination des Anteils der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung mit den beiden Indikatoren für Kinder unter fünf Jahren ist sichergestellt, dass sowohl die Versorgungssituation der Bevölkerung insgesamt als auch die Folgen einer unzureichenden Ernährung für eine physiologisch sehr gefährdete Gruppe erfasst werden. Der Ernährungszustand von Kindern ist deshalb von großer Bedeutung, weil diese bei Nährstoffmangel einem hohen Risiko von körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen wie auch einem hohen Sterberisiko ausgesetzt sind. Bei vielen Kindern in Entwicklungsländern, die an Infektionskrankheiten sterben, ist die indirekte Todesursache ein geschwächtes Immunsystem aufgrund von Mangel an Nahrungsenergie, Vitaminen und Mineralstoffen. Weil die ersten beiden Indikatoren – der Anteil der Unterernährten und der Anteil von Kindern mit Untergewicht – nichts über den vorzeitigen Tod als tragischster Folge von Hunger aussagen, wird zusätzlich die Kindersterblichkeitsrate mit einbezogen.

Der Welthunger-Index hat den Vorteil, dass sein Konzept über die Verfügbarkeit von Energie aus Nahrungsmitteln (Kalorienzufuhr) hinausgeht, die den Schwerpunkt des FAO-Maßstabs für Unterernährung bildet. Die breitere konzeptionelle Basis spiegelt die vielschichtigen Ursachen und Erscheinungsformen von Hunger besser wider. Eine Ungleichverteilung der Ressourcen zwischen den Haushalten und innerhalb des Haushalts wird berücksichtigt, da letztere sich im physischen Wohlergehen von Kindern niederschlägt. Eine ausreichende Verfügbarkeit von Nahrung innerhalb eines Haushalts garantiert nämlich nicht, dass alle Mitglieder gleichermaßen davon profitieren. Alle drei Index-Komponenten werden in Prozentsätzen ausgedrückt, und die Ergebnisse einer Hauptkomponentenanalyse legen nahe, sie gleich zu gewichten. Der WHI bewegt sich zwischen dem bestmöglichen Wert von 0 und dem schlechtesten von 100. Höhere Werte zeigen also mehr Hunger an, je niedriger der Wert, umso besser stehen die Länder da. WHI-Werte über 10 sind als bedenklich, Werte über 20 als kritisch und Werte über 30 als äußerst Besorgnis erregend einzustufen. Nicaragua nimmt in der aktuellen Liste von 119 Transformations- und Entwicklungsländern mit einem Index von 13,47 (bedenklich) Platz 62 ein. Bezogen auf das Bruttonationaleinkommen pro Kopf eines Landes wird deutlich, dass Hunger und Unterernährung tendenziell zunehmen, sobald ökonomische Ressourcen knapp werden oder fehlen. Die wirtschaftliche Entwicklung spielt also eine zentrale Rolle bei der Hungerbekämpfung. Politische Maßnahmen wie Landwirtschaftsförderung und Investitionen in Gesundheitsvorsorge, Bildung und soziale Sicherungssysteme verbessern die Ernährungslage. Schlechte Regierungsführung, zunehmende soziale Ungleichheit, die Einschränkung der Rechte ... und gemessen 8 ATABAL DE NICARAGUA • 61
von Frauen, eine zunehmende Verbreitung von Aids haben äußerst negative Auswirkungen auf den Index-Wert. Besonders in armen Ländern kann die Landwirtschaft eine Schüsselrolle dabei spielen, eine wirtschaftliche Entwicklung auf breiter Basis zu begünstigen und die Nahrungsmittelversorgung zu verbessern. Deshalb sollten landwirtschaftliche Beratungsdienste viel stärker ausgebaut und gefördert werden, um die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Während bessere Gesundheitsdienste und Bildungseinrichtungen zur Produktivitätssteigerung der Bäuerinnen und Bauern beitragen, haben sie darüber hinaus weitere positive Auswirkungen: Werden sie tatsächlich auch von der Bevölkerung akzeptiert, gehen Unterernährung bei Kindern und Kindersterblichkeit zurück. Diese Strategie beinhaltet meist Aufklärungskampagnen über Sinn und Zweck medizinischer Versorgung wie auch Anreize zur Nutzung der angebotenen Dienste. Ein damit verbundenes Ziel ist die Erhöhung der Einschulungsrate und Schaffung von Bildungsangeboten, vor allem für Mädchen:

In vielen Ländern ist die niedrige soziale Stellung von Frauen mitverantwortlich dafür, dass diesen das Wissen über angemessene Fürsorge und Ernährung fehlt und die Zahl unterernährter Kinder sehr hoch ist. Soll die Bekämpfung der HIV/Aids -Pandemie und ihrer negativen Auswirkungen auf Hunger und Unterernährung erfolgreich sein, sind hierfür das entsprechende Wissen, gesundheitliche Maßnahmen und weitere Formen konkreter Unterstützung von betroffenen Familien erforderlich. (Quelle: www.welthungerhilfe.de)

P.I.S.A.

Seit März diesen Jahres führt der Verein in San Rafael del Sur ein auf dreißig Monate ausgelegtes Projekt zur Ernährungssicherung insbesondere von Frauen und Kindern (Projecto Integral del Fomento de la Seguridad Alimentaria en San Rafael del Sur) durch. Anlass für das von der Europäischen Union geförderte Projekt war die Tatsache, dass auch in unserer Partneremeinde mehr als 30 % der Bevölkerung von Unter- und Mangelernährung betroffen sind. Vergleicht man die oben genannten Voraussetzungen für einen effektiven Kampf gegen den Hunger mit den vielfältigen Teilkomponenten des Projekts, wird deutlich, dass wir alles richtig machen. Schon seit dem Jahr 2000 investieren wir verstärkt in eine Förderung der regionalen Landwirtschaft, um die kleinbäuerliche Produktion zu erhöhen und Einkommenszuwächse für die Familien zu schaffen.

Aber die traditionellen Grundnahrungsmittel Mais und Bohnen machen vielleicht satt, gewährleisten jedoch noch keine gesunde Ernährung.
Deshalb ermöglichen wir auch die Produktion von Fleisch, Obst und Gemüse, damit auch die notwendigen Mineralien und Vitamine zur Verfügung stehen, die für ein stabiles Immunsystem unverzichtbar sind. Die entsprechenden ernährungsphysiologischen Grundkenntnisse sind den Frauen der Region in der Regel nicht in aller Konsequenz bekannt, so dass umfangreiche Maßnahmen darauf abzielen, ihnen diese Kenntnisse zu vermitteln. Dies geschieht in zahlreichen Workshops unseres Partners CEDRU, aber auch in Kooperation mit den Gesundheitszentren und den Schulen der gesamten Region, um möglichst viele Betroffene zu erreichen und den Trend der letzten Jahre umzukehren.

Um die Arbeit der Gesundheitszentren zu unterstützen, finanzieren wir die Aus- und Fortbildung von Hebammen, damit in möglichst jeder Gemeinde professionelle Hilfe bei Geburten verfügbar ist. Parallel dazu werden intensive Kampagnen zur Familienplanung durchgeführt und ausreichend Impfstoffe zur Verfügung gestellt, damit auch wirklich alle Kinder unter 5 Jahren die erforderlichen Impfungen erhalten, was keine Selbstverständlichkeit in einem armen Land wie Nicaragua ist. Die allgemeinen hygienischen Bedingungen werden verbessert, 600 Haushalte mit Latrinen ausgestattet und jedes Jahr in der gesamten Region umfangreiche Maßnahmen gegen Malaria, Dengue und Colera durchgeführt.

Da Bildung generell der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist, realisieren wir regelmäßig den Neubau und die Erweiterung von Schulen, bezahlen LehrerInnen und organisieren Kurse zur Alphabetisierung von Erwachsenen.

Dieses umfangreiche Projekt wird Tag für Tag von Franz Thoma, unserem deutschen Koordinator, und den MitarbeiterInnen von CEDRU koordiniert und durchgeführt. CEDRU führt darüber hinaus noch eigene Projekte zur Ernährungssicherung aus und vergibt im Auftrag der nicaraguanischen Regierung verbilligtes Saatgut an die campesinos.

Aber so groß die Anstrengungen auch sind, so kann man gelegentliche Misserfolge nicht ausschließen. Der landwirtschaftliche Anbau wird an der Pazifikküste Nicaraguas von der halbjährlichen Regenzeit bestimmt, und sie entscheidet letztlich über eine gute oder eine schlechte Ernte. Zwei Aussaaten erfolgen im Zeitraum Mai bis November, und die erste Aussaat dieses Jahres ist fast völlig zerstört worden, da der Regen zu lange ausblieb. Aktuell ist die zweite Aussaat erfolgt, und auch sie schien schon verloren, aber inzwischen hat endlich der Regen eingesetzt. Für den Verein bedeutet dies einen zusätzlichen Einsatz von finanziellen Mitteln, denn nach den Ernteverlusten kämpfen die Betroffenen um ihren Lebensunterhalt und haben nicht einen Cent für neues Saatgut übrig, ein Kreislauf, der sie weiter ins Elend treiben würde. Im kleinflächigen Gemüseanbau konnten sich zahlreiche ProduzentInnen mit Hilfe des Vereins jedoch einfache, aber effektive Bewässerungssysteme installieren und so von diesen Launen der Natur unabhängig machen. Es gibt immer einen Ausweg, und die NicaraguanerInnen wie auch wir sind entschlossen, mittelfristig den Hunger aus San Rafael del Sur zu vertreiben.

Dass wir diesen Kampf führen können, verdanken wir nicht zuletzt Ihrer kontinuierlichen Unterstützung. Ohne Ihr Spendenaufkommen könnte der Verein seine vielfältigen Projekte zugunsten der Bevölkerung von San Rafael del Sur nicht in dem beschriebenen Ausmaß durchführen. Dafür bedanken wir uns bei Ihnen.

Erich Köpp