"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 61 / Winter 2006
 
 

Das Schulpartnerschaftsprojekt

Wie im letzten Atabal bereits ausführlich dargestellt, baut der Verein seit Juni diesen Jahres Schulpartnerschaften zwischen berliner und nicaraguanischen Schulen auf. Das Vorhaben wird noch bis Ende des Jahres durch die berliner Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit und die InWEnt gGmbH gefördert.

Ziel der Schulpartnerschaften ist es, Schülern eine Möglichkeit zu bieten, mit Gleichaltrigen anderer Kulturräume in Austausch zu treten und damit das Verständnis über globale Zusammenhänge und das Leben in der "Einen Welt" zu fördern. Damit leisten wir letztlich auch einen, wenn auch nur kleinen Beitrag zur Umsetzung der 2005 durch die Vereinten Nationen ausgerufenen "Weltdekade zur Nachhaltigen Bildung" (www.dekade.org).

Was hat sich getan?

In Berlin kooperiert der Verein zurzeit mit zwei Schulen, der Hausburg Grundschule sowie der SESB Friedensburg Gesamtschule. Beide Europaschulen zeichnen sich durch ihren bilingualen Unterricht in Deutsch und Spanisch aus. Die Klassen sind aus Schülern deutscher und lateinamerikanischer, bzw. spanischer Herkunft zusammengesetzt. In Absprache mit den beteiligten Lehrern und Verantwortlichen an den Schulen wurden jeweils die 5. und die 9. Klassen ausgewählt, um die Partnerschaft konkret an einen Klassenzug anzubinden.

Beide Partnerschulen, sowohl das "Centro Escolar Autónomo Ricardo Morales Avilés, CEARMA", eine Grundschule mit über 1000 Schülern, als auch das "Instituto Nacional Autónomo San Rafael", befinden sich direkt in San Rafael Stadt. Auch diese Schule hat weit über 1000 Schüler, die jeweils in Vor- und Nachmittagsschichten unterrichtet werden. Eine dritte Gesamtschule in Berlin Kreuzberg wägt zurzeit die Voraussetzungen ab, eine Partnerschaft mit einer weiteren Oberschule in der Gemeinde San Rafael, in Masachapa, einzugehen.

Damit die jeweiligen Partnerschulen einen ersten Zugang zu ihren neuen Partnern finden können, steht ihnen in Berlin der Verein sowie in San Rafael unsere Partnerorganisation CEDRU zur Seite. Konkret bedeutete dies in den vergangenen Monaten vor allem, dass Koordinator Franz und CEDRU Mitarbeiter Rafael Silva dankenswerterweise die ersten Briefkontakte an die Beauftragte der regionalen Erziehungsbehörde MEDC in San Rafael übermittelten sowie in persönlichen Treffen mit Schulleitern, Lehrern und Schülern die Idee der Partnerschaft in beiden Schulen diskutierten. Ohne diese Unterstützung wäre es wohl ziemlich aussichtslos gewesen, einen direkten Kontakt zu den Schulen herzustellen.

Parallel dazu kann sich der Verein über die zusätzliche Unterstützung von Jana Heinicke freuen, einer jungen Praktikantin, die sich im Rahmen der Schulpartnerschaften von Oktober bis November in San Rafael aufhält (siehe Artikel).

Erste Schritte

Um den Schulpartnerschaften "Leben einzuhauchen" und die Schüler aktiv in den Aufbau der Partnerschaft einzubeziehen, wurden den beteiligten Schülern und Lehrern aller vier Schulen eine Reihe kleinerer Aufgaben als Basis für ein erstes Kennen lernen gestellt. Die Themen umfassen die Bereiche Freundschaft und Familie, den Schulalltag oder auch verschiedene Lebensträume. Die einzelnen Bereiche werden gruppenweise in Form von Fotos, Zeichnungen, gegenseitigen Interviews und Texten bearbeitet. Die Idee dahinter ist, dass sich die Schüler zunächst Gedanken über ihr eigenes Lebensumfeld machen, um diese daraufhin mit den Arbeitsergebnissen der jeweiligen Partnergruppe zu vergleichen. Vor allem das Interesse der berliner Kinder und Jugendlichen soll über die Reflektion der eigenen Person ein Interesse für das Leben anderer wecken. Gleichzeitig werden die Schüler angeregt, ihre Gedanken und Meinungen zum Ausdruck zu bringen. Bis Ende Dezember sollen auf beiden Seiten erste Ergebnisse in Form von Collagen und Plakaten vorliegen, die zwischen Deutschland und Nicaragua ausgetauscht werden.

Herausforderungen und Möglichkeiten

Als generelles Fazit kann schon jetzt festgehalten werden: Eine Kooperation zwischen Schule und einer gemeinnützigen Organisation wie der StäPa, die in der Regel über langjährige Erfahrung im Partnerland und/oder sehr gute Kontakte mit Ansprechpartnern  einer bestimmten Region verfügt, ist für den Aufbau einer Nord-Süd Schulpartnerschaft nahezu Voraussetzung. In den seltensten Fällen gibt es an einer Schule eine Gruppe entwicklungspolitisch aktiver Lehrer, welche eigenständig die Kapazität und Möglichkeit haben, einen internationalen Kontakt zu einer Schule aufzubauen. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass sich Schwierigkeiten von anderen im Bereich Schule und Schulpartnerschaften tätigen Organisationen, zum Teil  auch in unserem Vorhaben wiederholen.

Eine große Herausforderung bei der Initiierung von Schulpartnerschaften ist es, die Motivation und das grundsätzliche Interesse der Schulverantwortlichen zu wecken. An vielen angefragten berliner Schulen musste leider festgestellt werden, dass die Schulleitung an einer Nord-Süd Schulpartnerschaft herzlich wenig Interesse zeigt. Die Gründe dafür mögen vielfältiger Art sein. Eines der Hauptargumente scheint, wie öfters betont wurde, die fehlende Kapazität zu sein für solch eine "zusätzliche Arbeit" und das "Überangebot von Anfragen" verschiedenster Organisationen, die quasi in Konkurrenz zum eigenen Anliegen stehen.

Sind aber erst einmal motivierte und interessierte Personen gefunden, stellt sich sofort das nächste Problem - in welchen schulischen Strukturen kann eine Schulpartnerschaft inhaltlich ausgefüllt werden? Was an den nicaraguanischen Schulen kaum ein Problem darstellt, ist für die berliner Schulen oft einer der maßgeblichsten Gründe, warum eine internationale Partnerschaft auf Dauer nur sehr schwer aufrecht zu erhalten ist: Der Schulalltag von Kindern und Jugendlichen ist in der Regel voll ausgefüllt, die LehrerInnen müssen zusehen, den Lehrplan einzuhalten. Eine Anbindung von Aktivitäten kann zur Zeit entweder nur in der Freizeit stattfinden oder in den wenigen Unterrichtslücken, in denen die LehrerInnen Zeit haben, außerhalb des Lehrplans für die Schulpartnerschaft aktiv zu werden. Eine weitere Herausforderung, gerade von Nord-Süd Schulpartnerschaften, ist das Klären und Festlegen verschiedener Ansprüche und Vorstellungen aller Beteiligten. Es braucht Zeit und ein gewisses Vertrauen, damit sich beide Seiten offen über ihre Ziele austauschen können.

Neben all diesen Herausforderungen haben sich aber durchaus auch Möglichkeiten eröffnet, die es zu nutzen und auszubauen gilt. Gerade die Nutzung von Internet, Chats und Email stellt sowohl in Nicaragua als auch in Berlin vor allem bei den Jugendlichen ein gutes Instrument im Rahmen einer Schulpartnerschaft dar, unter Voraussetzung einer effizienten institutionellen Einbindung an den Schulen. Diese Form der Kommunikation steigert sicherlich die Motivation seitens der Schüler, da Internet und Co. zumindest hier in Berlin teil ihres Alltags bilden. Dieses Potential der Schüler sollte man unbedingt nutzen, um es in kreativer Weise für eine Schulpartnerschaft einzusetzen.

Eine äußerst positive Erfahrung ist, dass wir bei den nicaraguanischen Schülern auf ein sehr hohes Engagement, Begeisterung und Partizipation treffen. Auch dieses Potential sollte unbedingt weiterhin im Rahmen einer Schulpartnerschaft durch verschiedene Schulaktivitäten und -projekte mit den Schülern genutzt und gefördert werden.

Für eine Weiterentwicklung der Schulpartnerschaften sollten nicht zuletzt auch bestehende Möglichkeiten, vor allem auch finanzieller Art, erwogen werden, die eine tatsächliche Begegnung zwischen Lehrern und Schülern möglich machen. Trotz aller Vorteile, die Internet und Email bieten, ist es oft der persönliche Kontakt zwischen den Partnern, der hilft, eine Schulpartnerschaft erst wirklich an einer Schule zu etablieren.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die ersten institutionellen Schritte sind getan, die Schüler auf beiden Seiten konnten über erste konkrete Aktionen erreicht werden. Neben einer fortlaufenden Unterstützung der Schulen bei der Koordination zukünftiger Tätigkeiten durch die StäPa, kommt es nun vor allem auf die anhaltende Motivation und den Willen der schulischen Beteiligten an, diese Schulpartnerschaften erfolgreich weiter zu entwickeln. Eine Dokumentation der bisherigen Aktivitäten ist gegen Ende des Jahres unter www.staepa-berlin.de zu finden.

Isabel Aust


Den folgenden Bericht hat uns Jana, die das Vorhaben der Schulpartnerschaften in San Rafael del Sur im Rahmen ihres Praktikums seit Anfang Oktober unterstützt, zugeschickt.

San Rafael, den 23.10.06:

Es ist erstaunlich, mit wie viel Motivation die Schüler und Lehrer aus San Rafael del Sur der Herausforderung dieses Projektes ins Auge sehen, und wie viel Hoffung sie in eventuelle Möglichkeiten stecken, die aus einer Schulpartnerschaft entstehen könnten. Es war für mich ein unglaublich aufregender Moment den 100 Schülern und rund 15 Lehrern des "Institutos" gegenüber zu stehen, die mich mit großen Augen anschauten, so als würde meine Anwesenheit ihr Leben von Grund auf verändern.

Das war der Moment, in dem ich diesem Projekt mein Herz schenkte und mir schwor, alle mir möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um einen ehrlich gemeinten Erfolg zu erzielen. Wir arbeiteten an den Aufgaben, konnten erste Erfolge erzielen, die die Begeisterung nur noch mehr schürten.

Aber mit der Zeit tauchten Hindernisse auf, die nicht nur meinen anfänglich grenzenlosen Optimismus, sondern leider auch die märchenhaften Illusionen der Schüler langsam aber sicher auf den harten Boden der Realität holten.

Fragen wie: Wie wird man 100 Schülern und all ihren Vorstellungen gerecht? Kann man das überhaupt? Oder besser gesagt in einer verdammt kurzen Zeit? Welche Erwartungen muss ich einfach enttäuschen, und welche sind zu fördern? In wie weit muss man den Schülern die Zügel selbst in die Hand geben, und wo genau sind sie auf meine Hilfe angewiesen? Und: Wie erreicht man, dass das Projekt Früchte trägt, über eine anfängliche Begeisterung hinausgeht, die Seifenblase der momentanen Arbeitswut an den Aufgaben nicht platzen lässt?

Doch die Frage, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet ist: Mit welchen Mitteln das alles? Denn die Mittel, und allen voran die finanziellen, sind die, an denen es absolut mangelt. Zwar haben die Schüler und Lehrer z.B. die Möglichkeit, in der Schule ins Internet zu gehen, doch muss dafür gezahlt werden – und das für Nica-Verhältnisse nicht zu wenig.

Die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern aus zwei völlig verschiedenen Ländern ist es jedoch, die eine andauernde Partnerschaft erst ermöglicht, ich sehe sie sogar als Basis eines solchen Vorhabens.

Die unermüdliche Motivation mit der die Schüler ihr weniges Geld ausgeben um sich E-mail-Adressen einzurichten, Fotos von sich schießen, und auf kreative Art und Weise ihrer Arbeit nachgehen, beeindruckt mich und macht mich gleichzeitig rasend vor Wut – es muss doch gehen, sage ich mir immer wieder, irgendwie muss es doch gehen. Unser gemeinsamer Traum ist ein Forum im Internet, mit Fotos, Texten, der Möglichkeit intern zu chatten, und die Seite einer ständigen Veränderung unterstellen zu können, um einen aktiv bleibenden Prozess zu bewahren, die Motivation andauernd halten zu können – und das ganze natürlich gratis.

Die Schüler sind bereit dazu, das Forum in meinem Kopf schon lange fertig, Material genügend vorhanden, zumindest in San Rafael. Fehlen nur noch die Mittel, weitere Arbeitskräfte, die Ahnung vom Internet haben, die Finanzierung und natürlich die deutsche Seite der Medaille. Und hier hören meine Möglichkeiten auf; ich kann nur hoffen, dass die Begeisterung ansteckend ist, und vielleicht Stück für Stück die entscheidenden Mittel mit sich bringt.

Jana Heinicke