"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 62 / Sommer 2007
 
 

Rückblick auf die Projektarbeit 2006

Das Jahr 2006 war vor allem von unserem EU-geförderten Projekt PISA bestimmt, jedoch konnten auch weitere kleinere, aber deshalb nicht weniger wichtige Projekte realisiert werden. Dazu hier ein kleiner Überblick. In diesem Zusammenhang soll jedoch zuvor betont werden, dass ohne die entsprechende finanzielle Unterstützung viele Projekte gar nicht durchzuführen wären. Daher ein dickes Dankeschön an alle SpenderInnen, die uns im letzten Jahr mit insgesamt 39.094,91 € unterstützt haben!

Das Projekt zur integrierten Nahrungsmittelsicherheit - P.I.S.A.

Ende des Jahres 2005 erhielten wir von der Europäischen Union die Nachricht, dass unser Großprojekt P.I.S.A. (Projecto Integral de la Seguridad Alimentaria San Rafael del Sur) mit einem Gesamtvolumen von 531.420.- Euro und einer Projektlaufzeit von 30 Monaten gefördert werden würde.

Das Projekt begann planmäßig im März 2006, und bisher wurden alle für die ersten 12 Monate geplanten Maßnahmen erfolgreich durchgeführt. Von den insgesamt geplanten 1520 Familien im Bereich der einkommensschaffenden Maßnahmen des Projekts nahmen 784 kleinbäuerliche Familien daran teil, davon 44% Frauen.

Es wurden verbessertes Saatgut und Fruchtbäumchen zum Auspflanzen verteilt. Dabei wurde insbesondere auf die Diversifizierung des Anbaues geachtet, so dass auch nicht-traditionelle Produkte, wie zum Beispiel Zwiebeln, Gurken oder Radieschen angebaut werden, die zu einer ausgewogeneren Ernährung beitragen sollen. Auch wurden an10 Orten Modellanlagen eingerichtet, die über eine nachhaltige, biologische und diversifizierte Bewirtschaftung informieren. Parallel dazu fanden dezentrale Workshops (so z.B. auch an Schulen) zu diesem Thema statt, sowie zu den Themen "richtige Ernährung", "Familienplanung" und "Menschenrechte".

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt des Projektes besteht, in Zusammenarbeit mit den Gesundheitszentren, in der Verbesserung der Ernährungssicherung von Schwangeren, Müttern mit Neugeborenen und Kindern unter fünf Jahren. Dazu wurde in den Zentren unter anderem ein neues Monitoringprogramm installiert, das zur Erfassung aller relevanten Daten dieser Zielgruppe dienen soll. Parallel dazu wurde das zuständige Gesundheitspersonal beider Zentren in mehreren Workshops aus- und weitergebildet. Ebenfalls in Zusammenarbeit den Gesundheitszentren wurden insgesamt 5 Gesundheitskampagnen durchgeführt, bei denen speziell die Malaria- und Denguebekämpfung im Vordergrund stand.

Neben all diesen Teilprojekten fanden zudem viele begleitende Maßnahmen statt, wie Schulungen von Fachpersonal, das Erstellen von Informationsbroschüren oder verschiedene notwendige Anschaffungen (wie z.B. Büromaterialien oder Transportfahrzeuge).

Insgesamt konnten wir mit PISA also bis jetzt schon viel erreichen und starten nun in das zweite Jahr des Projekts in der Hoffnung, dass es ebenso erfolgreich verlaufen wird wie das erste!

Schulbauprojekte LEZ

2006 wurden wir seitens des Erziehungsministeriums von San Rafael del Sur dringend gebeten, insgesamt 4 neue Klassenräume zu erstellen. Und so wurde zunächst eine Grundschule mit einem Klassenraum am Rande der Zuckerrohrfelder des "Ingenios Montelimar" in dem kleinen Ort El Bongo gebaut. Das erforderliche Gelände wurde von der Zuckerfabrik an das Erziehungsministerium (MECD) übertragen. In der Gemeinde Barba de Tigre wurden 3 neue Klassenräume erstellt, da die alten als einsturzgefährdet deklariert worden waren. Beide Schulen wurden zudem mit Möbeln (Tischen, Regalen und Stühlen) ausgestattet und erhielten außerdem Spiel- und Sportmaterialien. Seit der Gründung der Städtepartnerschaft wurden damit vom Verein finanziert insgesamt schon 31 Klassenräume in 16 verschiedenen Kleindörfern gebaut.

Alphabetisierung von Erwachsenen – Hans-Böckler-Stiftung

Das über 2 Jahre laufende und im Jahr 2005 begonnene Alphabetisierungsprojekt Erwachsener wurde am 30.11.2006 abgeschlossen. So konnten mit der finanziellen Unterstützung der Böckler-Stiftung Maßnahmen in diesem Bereich fortgeführt werden, die die Städtepartnerschaft seit Jahren fördert. Die Fördersumme der Stiftung belief sich insgesamt auf 5.000 Euro. Es wurden in sechs Gemeinden Kurse angeboten, die es den TeilnehmerInnen ermöglichten, in zwei Jahren den Grundschulabschluss nachzuholen. Zusätzlich wurde ein Supervisor bezahlt, der mit den LehrerInnen und SchülerInnen die besonderen Aspekte einer Didaktik diskutierte, die sich, anders als an den Grundschulen, an Erwachsene richtet. In Anlehnung an Paolo Freire, den brasilianischen Bildungspädagogen, wurden auch die Inhalte der verschiedenen Projekt-Workshops der integrierten Armutsbekämpfung oder der Menschenrechte in den Unterricht einbezogen. Insgesamt konnten durch diese Maßnahme letztendlich 70 Erwachsene Lesen und Schreiben lernen, bei einem Einsatz von ca. 90.- Dollar pro Teilnehmer/in.

Aufbau von Schulpartnerschaften

Mit finanzieller Förderung durch InWent und LEZ, aber auch der Einnahmen einer Soli-Party der Ex-ASAten wurde 2006 ein Projekt zum Aufbau langfristiger Schulpartnerschaften zwischen Berlin und San Rafael del Sur durchgeführt.

Im Mittelpunkt steht dabei der Begriff des "Globalen Lernens" in einer zunehmend zusammenwachsenden Welt. Aufgrund moderner Kommunikationsmedien wie E-Mail und gemeinsamer Homepage ist es den SchülerInnen verschiedener Kontinente heute grundsätzlich möglich, direkt zu kommunizieren und sich so gegenseitig ihre Lebenswelten und Erfahrungen näher zu bringen. Erleichtert wird dies natürlich dadurch, dass in Berlin spanischsprachige Schulen für die Partnerschaften gewonnen werden konnten.

Ein erster Kontakt und Austausch der beteiligten Schulen wurde vom Verein unterstützt, wobei sowohl in Berlin als auch in San Rafael del Sur kleine Ausstellungen angefertigt wurden, die den jeweiligen PartnerInnen erste Informationen liefern sollen. So konnten bis jetzt zwei Schulpartnerschaften ins Leben gerufen werden: Einmal zwischen der Hausburg-Grundschule im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und dem Centro Escolar Autónomo Ricardo Morales Avilés, einer Grundschule in San Rafael del Sur, und zudem zwischen der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg und dem Instituto Nacional Autónomo, einer Oberschule in San Rafael del Sur.

Aktuell liegt die weitere Pflege der Schulpartnerschaften in Händen der jeweiligen Schulen. Der Verein wird die gegenseitigen Beziehungen jedoch mit Interesse weiter verfolgen und in Zukunft gegebenenfalls durch Hilfestellung bei der Durchführung von Projekttagen oder eines Jugendaustausches fördern.

Aktivitäten in Berlin

Neben der üblichen Vorstands- und Büroarbeit, wie z.B. dem Schreiben und Abrechnen von Projektanträgen, der Herausgabe der Vereinszeitung, der notwendigen Lobbyarbeit und der Präsenz bei verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen, war der Verein in Berlin auch mit vielen anderen Dingen beschäftigt, von denen hier lediglich einige aufgezählt werden sollen.

So nahm das oben bereits erwähnte Schulpartnerschaftsprojekt auch hier viel Arbeit in Anspruch. Denn den Kontakt zu den Schulen aufzubauen und die richtigen AnsprechpartnerInnen dafür zu finden, erwies sich als schwieriger als zunächst erwartet. Schließlich gelang es aber dann doch, zwei Schulen für die Partnerschaft mit San Rafael del Sur zu gewinnen.

Im November 2006 nahm der Verein zudem zum wiederholten Mal am Bildungsprogramm der Importshop-Messe teil. Zum Oberthema "Total global – total egal?" wurde ein pädagogisches Quiz mit dem Titel "1,2 oder 3 – letzte Chance vorbei?" entwickelt, das den SchülerInnen auf spielerische Weise wichtige globale Umweltfragen näher bringen und zur Diskussion anregen sollte. Dazu wurde begleitendes Lernmaterial in Form von Arbeitsmappen erstellt.

Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit wurde dieses Jahr wieder ein schöner Wandkalender mit Impressionen aus Nicaragua erstellt, der an Weihnachten versandt wurde. Auch präsentierte der Verein seine Ausstellung mehrere Wochen lang im Lateinamerika-Institut der Freien Universität sowie auch an der Humboldt-Universität.

Wie in den vorangehenden Jahren auch, zeigte der Verein zudem Präsenz auf verschiedenen Straßenfesten, unter anderem am 1. Mai auf dem Bethanienplatz, wo er über seine Projekte informierte und zudem durch den Verkauf von Kaffe und Kuchen insgesamt 969,23 € eingenommen werden konnten.

Traditionell wurde auch im Jahr 2006 wieder am Karneval der Kulturen teilgenommen, sowohl auf dem Straßenfest am Blücherplatz wie auch beim Straßenumzug. Der Stand auf dem Straßenfest wurde dabei erstmals mit der "Berliner Bohne" geteilt, einer zu diesem Zeitpunkt neu gegründeten Kampagne für fairgehandelten Stadtkaffee. Der Verkauf von Getränken lief wegen des recht kühlen und teilweise auch regnerischen Wetters dabei nicht ganz so erfolgreich wie in den letzten Jahren, dennoch konnten immerhin 1.500 € Gewinn gemacht werden, die unserem PISA-Projekt zugute kamen. Der Straßenumzug wurde, wie in den letzten Jahren auch, in Kooperation mit der Tanzgruppe "Palo de Mayo" (Maibaum) durchgeführt, die trotz des kühlen Wetters ihren gewohnt uneingeschränkten Einsatz zeigte.

Ausblick auf 2007

Den Kern der Projektarbeit bildet 2007 natürlich weiterhin das Projekt PISA. Darüber hinaus wird im Herbst eine weitere kleine Schule in El Salto gebaut werden, auch diesmal mit Förderung der LEZ. Ursprünglich war geplant worden, diesen Schulbau mit dem Arbeitsaufenthalt einer Brigade zu verbinden. Da allerdings derzeit niemand im Verein Zeit für Vorbereitung und Begleitung der Brigade hat, ist diese Idee auf das Frühjahr 2008 vertagt worden.

Auch ein weiteres ebenfalls von der LEZ gefördertes Projekt ist im Bildungsbereich von San Rafael del Sur angesiedelt. Das Projekt ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass allzu viele Kinder im schulpflichtigen Alter nicht in das Schulsystem integriert sind. Ein im vergangenen Jahr an 14 Schulen der Region erhobener repräsentativer Zensus der SchülerInnenzahlen des Schuljahres 2006 ergibt, dass durchschnittlich 16,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren gänzlich vom Schulsystem ausgeschlossen sind.

Zu diesen Zahlen muss die Anzahl der Kinder und Jugendlichen hinzugerechnet werden, die sich zu Jahresbeginn für ein Schuljahr einschreiben, dieses aber nicht beenden. Gemeinsam mit der Zahl der von vornherein ausgeschlossenen Kinder und Jugendlichen bedeutet dies für den Bildungssektor von San Rafael del Sur, dass insgesamt 26,5 Prozent, das sind 3.315 der 12.509 schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht in das Schulsystem integriert sind. Diese Situation trägt wesentlich zu der hohen Analphabetenquote der Region bei und beeinträchtigt natürlich in enormem Maße die zukünftigen Chancen der kommunalen Entwicklung.

Generell besteht also für die Kommunalverwaltung und die regionale Abteilung des Bildungsministeriums die größte Herausforderung im Rahmen des Bildungswesens von San Rafael del Sur darin, überhaupt alle schulpflichtigen Kinder und Jugendliche der Region in das Schulsystem einzubeziehen.

Hier setzt das Projekt "Aktion Bildung Für Alle" an. Das Konzept beinhaltet, in einem ersten Schritt die regionalen Abteilungen des Bildungsministeriums und des Familienministeriums, VertreterInnen der Kommunalverwaltung, Organisationen der Zivilgesellschaft wie CEDRU oder die Kirchen und Institutionen und Betriebe der Kommune an einem Runden Tisch Bildung zu versammeln, um eine nachhaltige Lösung zu finden. Dies erfordert in der Anfangsphase in regelmäßigen Treffen aller Beteiligten eine Analyse der Möglichkeiten, die die einzelnen Parteien zur Problemlösung beitragen können.

Auf Basis der Analyse erfolgt die Entwicklung eines gemeinsamen Aktionsplans, der es allen schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen der Region ermöglicht, sich in das Schulsystem zu integrieren und bis zum Abschluss zu verbleiben. Dazu gehören eine werbewirksame Öffentlichkeitskampagne zum Schulbesuch, Fortbildung des Lehrpersonals, intensive Elternarbeit unter Beachtung von Gender-Aspekten, um insbesondere den Schulbesuch der besonders benachteiligten Mädchen zu fördern, Angebote finanzieller Unterstützung für absolut mittellose Familien, Aufklärung in Fragen der Gesundheit und der Ernährung bis hin zur Ausstattung der Schulen mit einem vermehrten Bedarf an ausreichenden Schulstühlen.

Aus dem Kreis der VerteterInnen des Runden Tisches wird im Laufe des Projekts eine Kommission zur Förderung der Bildung von Kindern und Jugendlichen gewählt, deren Aufgabe auch nach Abschluss des Projektes die Förderung der Integration aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen in das Schulsystem ist. Die Kommission wird in die kommunale Verwaltungsstruktur integriert. Sie tagt mindestens zweimal jährlich und überprüft die Entwicklung der SchülerInnenzahlen. Diese Überprüfung erfolgt auf Basis der jährlich erhobenen Daten zu Schuljahresbeginn und –ende.

Die entsprechenden Daten werden von den einzelnen Schulen erhoben und in der regionalen Abteilung des Bildungsministeriums zu differenzierten Statistiken verarbeitet, die der Kommission Erkenntnisse über regionale Schwerpunkte oder die unterschiedlichen Gründe für den ausbleibenden Schulbesuch liefern. Eine erste alle 59 Gemeinden und 48 Schulen der Region umfassende Erhebung wird im Projektverlauf von den LehrerInnen der Schulen durchgeführt und mit dem Einwohnermelderegister der Verwaltung abgeglichen. Auf Basis der jeweils neuesten Statistik initiiert die Kommission zeitnah entsprechende Maßnahmen zur fortlaufenden Senkung der Quote von Kindern und Jugendlichen, die nicht in das Schulsystem integriert sind. Sie verstärkt beispielsweise die Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit in besonders betroffenen Gemeinden oder bietet partiell einzelnen Schulen finanzielle Hilfe für die kostenlose Bereitstellung von Heften und Bleistiften an.

Ein erheblicher Anteil von SchülerInnen weist Lernschwächen auf, die aus unzureichender Ernährung oder unregelmäßigem Schulbesuch resultieren. Um die Qualität des Unterrichts zu steigern, erhalten die LehrerInnen der Region didaktische Fortbildung zu diesem speziellen Thema.

Wir werden in der nächsten Ausgabe über den Projektverlauf berichten.

Mareike Kühnel