"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 62 / Sommer 2007
 
 

Aktionen zum G8-Gipfel in Heiligendamm

Mehr als zwei Jahrzehnte engagiert sich unser Verein im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und San Rafael del Sur in Nicaragua. Schwerpunkt unserer Arbeit war und ist einerseits die Projektarbeit in San Rafael del Sur zur konkreten Armutsminderung der Bevölkerung in der Partnergemeinde. Ebenso wichtig ist eine beständige Öffentlichkeitsarbeit in Berlin zu entwicklungspolitischen Themen und den Ursachen, die Nicaragua nicht aus seiner marginalisierten Rolle als eines der ärmsten Entwicklungsländer entkommen lassen. In diesem Zusammenhang ist es nur selbstverständlich, dass wir uns wie viele andere Organisationen und Einzelpersonen an den Protestaktionen zum G8-Gipfel beteiligen wollten. Sicherlich konnten wir das aufgrund unser begrenzten personellen Kapazitäten nicht in dem erwünschten oder auch erforderlichen Maße tun. Andere, größere Organisationen haben die verschiedenen Kampagnen und die Organisation eines Alternativgipfels über viele Monate vorbereitet. Zusätzlich schufen sie auf den verschiedensten Ebenen Möglichkeiten für einzelne SympatisantInnen oder kleinere Gruppen, einen eigenen Beitrag zur kritischen Diskussion von G8 zu leisten und sich an den Protesten in Heiligendamm und Rostock zu beteiligen. Diese Möglichkeit haben wir im Zusammenhang mit der Kampagne "Gerechtigkeit jetzt!" wahrgenommen. Deren zentrale Aktion lautete: WTO: Weltweit Taube Ohren!

In den großen Verhandlungsrunden der Welthandelsorganisation (WTO) setzen Industrienationen und große Konzerne im Namen einer ungebremsten Globalisierung meist ihre Eigeninteressen durch. Auf der Strecke bleiben diejenigen Länder und Menschen, die von der Globalisierung bereits ins Abseits gestellt wurden. Gleiches gilt für Freihandelsabkommen wie CAFTA oder die Politik der Industrienationen, ihre Produkte so erheblich zu subventionieren, dass sie weltweit konkurrenzlos billig angeboten werden können und die einheimischen Märkte der Entwicklungsländer zerstören. Eine zentrale Forderung an die G8 – die ja auch bei den WTO-Verhandlungen und den Freihandelsabkommen eine beherrschende Rolle einnehmen - war daher, Bedingungen für einen gerechten Welthandel zu schaffen. Hinter dieser Losung sind wir in Rostock am 2. Juni auf die Straße gegangen.

Ein besonders spektakuläres Element öffentlichen Protestes bildeten (erstmals in Deutschland?) politische Großpuppen, achtzig an der Zahl, die in Rostock einen der beiden Züge der großen Samstagsdemonstration anführten. Da waren die VertreterInnen der G8 zu sehen, ein Verschuldungs-Drachen, oder ausbeuterische Großgrundbesitzer, vor allem aber die schwitzende Erde, der hungernde Campesino, der vom Aussterben bedrohte Eisbär oder das würdige Antlitz der Menschenrechte. Die StäPa beteiligte sich mit einem gefräßigen WTO-Haifisch, der seinen Namen deutlich auf der Brust trug. Aber dies war nicht der erste Einsatz der Puppe. Eine Woche zuvor hatten der Hai und einige Großpuppen weiterer Berliner Organisationen wie Inkota, FIAN und Attac bereits am Umzug des Karnevals der Kulturen teilgenommen und hoffentlich viele der 600.000 ZuschauerInnen mit ihrer Botschaft erreicht. Mindestens der eifrigen Polizei war nicht entgangen, dass der Attac-Drachen die gefährliche Aufschrift G8 trug, was sie unverzüglich zu einer Feststellung der entsprechenden Personalien veranlasste. Es wird immer noch gerätselt, ob das Kürzel WTO von den BeamtInnen ganz einfach übersehen wurde oder aber nicht gedeutet werden konnte? Vielleicht sah dieser Hai einfach ein wenig zu freundlich aus, auch bei dem Pressetermin vor dem Bundeskanzleramt am Vortag der Demonstration wurde er nicht gleich den "bösen" Großpuppen zugeordnet.

Es war gut, mit einem guten Dutzend Leuten der StäPa in Rostock dabei zu sein, mal wieder über den Tellerrand der Projektarbeit zu blicken, viele andere AktivistInnen wieder zu sehen oder kennen zu lernen und unsere Arbeit einfach mal wieder in dem größeren Zusammenhang zu sehen, in dem sie steht. Viel zu oft frisst der bürokratische Alltag von Projektentwicklung und –abrechnung alle Kräfte. Rostock hat neue Power gegeben.

Erich Köpp