"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 62 / Sommer 2007
 
 

Virna Palacios Díaz, CEDRU-Mitarbeiterin, berichtet ...

Seit Beginn des PISA-Projektes ist Virna feste Mitarbeiterin des CEDRU-Teams. Sie ist zuständig für die ernährungswissenschaftlichen Aspekte des Projektes und stellt sich im Folgenden selbst vor.

Mein Name ist Virna Zayira Palacios Díaz. Ich stamme aus den Bergen Matagalpas, wo meine Eltern in der Viehzucht und der Landwirtschaft arbeiteten. Seit meiner Kindheit kenne ich die Probleme, welche die Campesinos hauptsächlich in den Bereichen Gesundheit und Bildung und in der Wahrnehmung ihrer Rechte haben. Auf der Finca meiner Eltern habe ich gelernt, typische Landarbeiten zu verrichten: Kühe zu melken, Pferde zu reiten, Käse zuzubereiten etc.

Als ich fünf Jahre alt war, sind meine Eltern nach Granada umgezogen, um mir den Schulbesuch an einer religiösen Schule zu ermöglichen. Sehnsüchtig habe ich dort auf die Ferien gewartet, die wir immer auf der Finca verbrachten, denn dort gab es, was mir am meisten gefällt: Natur. Für mich war unwichtig, dass es weder Strom noch Trinkwasser gab. Das war einfach zu lösen, mit dem Licht der Öllampen und dem Wasser der kristallklaren Flüsschen.

Mit nur 12 Jahren und gerade mal dem Abschluss der 6. Klasse der Grundschule in der Tasche habe ich an dem "Nationalen Kreuzzug für die Bekämpfung des Analphabetentums" teilgenommen (trotz des Widerstands meiner Eltern, welche zum Schluss allerdings akzeptierten, weil ich der Region der Finca meiner Familie zugewiesen wurde). Dies war die schönste Erfahrung meines Lebens, etwas Unbeschreibbares. Die Art, wie eine Person schrittweise zu lesen lernt, ist ähnlich der, einem Baby zu zeigen, wie man läuft.

Unter diesen Umständen habe ich gelernt, dass die einzig wahre Form, den Menschen zu helfen, darin besteht, sie zu bestärken, damit sie sich selbst übertreffen können. Und ich habe mir ein Ziel für das Leben gesetzt: das Leben der Ärmsten meines Landes zu ändern. Als ich aus der Alphabetisierung zurück war, habe ich mich deshalb in der Schule am freiwilligen Sozialdienst beteiligt. In dieser Gruppe haben wir Evangelisierung betrieben und gleichzeitig Kampagnen zu Gesundheit und Hygiene durchgeführt, die vom Gesundheitsministerium gefördert wurden.

Nach Abschluss des Gymnasiums habe ich entschieden, Medizin zu studieren mit dem Ziel, an die entfernsten und ärmsten Orte meines Landes zu gehen, um dort den Kranken zu helfen. Ich habe das Medizinstudium allerdings an den Nagel gehängt, als ich heiratete und schwanger wurde, weil die Schwangerschaft ein bisschen schwierig war. Von der Ernährungswissenschaft habe ich erst später während eines Treffens von jungen StudentInnen erfahren. Dieses akademische Fach hat mich sofort fasziniert, weil es genau das beinhaltete, wonach ich in meinem ganzen Leben gesucht hatte: Die Möglichkeit, anderen helfen zu können.

Ich habe in der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der Mittelamerikanischen Uni meine Medizin-Noten anerkennen lassen und habe mit sehr guten Noten mein Graduiertenstudium abgeschlossen. Das hat mir erlaubt, als Dozentin an der Fakultät zu bleiben; aber weil die Uni diesen Studiengang geschlossen hat, konnte ich meine Lehrtätigkeit nicht fortsetzen. Darauf hin habe ich Arbeit in verschiedenen NROs (nationalen und internationalen) gesucht.

Ich habe dann hauptsachlich mit Kindern von verschiedenen ländlichen Volksküchen, mit Müttern in der Stillperiode, mit Hebammen und mit jungen Frauen in gebärfähigem Alter gearbeitet. Ich habe die Zubereitung verschiedenster Arten von nahrhaften Gerichten, die einer Unterernährung vorbeugen und ihre verschiedenen Mangelerscheinungen vermeiden, gelehrt. Diese speziellen Personengruppen habe ich an den verschiedensten Orten meines Landes organiziert und qualifiziert. Einer der ersten Orte, an dem ich während mehr als zwei Jahren gearbeitet habe (und wo ich gleichzeitig einige meiner wertvollsten Erfahrungen in meinem Berufsfeld gemacht habe), war der Vulkankomplex Chonco, in Casita (wo es wegen der starken Regenfälle einen Erdrutsch während des Hurikans Mitch gab), und San Cristóbal (der höchste Vulkan Nicaraguas).

Gegenwärtig arbeite ich als Ernährungswissenschaftlerin in dem vom Verein Kreuzberg-San Rafael del Sur und Cedru geförderten P.I.S.A.-Projekt. Dieses Projekt gibt mir die Gelegenheit, die in früheren Projekten erworbenen Kenntisse und Erfahrungen anzuwenden.

Ich bin sehr dankbar und zufrieden mit meinem Berufsleben, weil es mir erlaubt hat, in großem Maße die Ziele, die ich mir seit meiner Jugend gesetzt habe, zu erreichen. Ich fühle, dass ich mein Scherflein beigetragen habe, dass ich dazu beigetragen habe, dass viele Personen sich selbst überwinden und ihre Haltung ändern und ihre Kenntnisse über Ernährung, Hygiene, sexuelle und reproduktive Gesundheit erweitern.

Virna Palacios Díaz; Übersetzung: Jorge Peláez