"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 63 / Herbst 2007

Hurrikan "Felix" verwüstet den Nordosten Nicaraguas

Der Morgen des 4. September 2007 ließ nichts Böses ahnen: Der Himmel präsentierte sich strahlend blau, es war fast windstill an der nördlichen Karibikküste Nicaraguas. Der Grund dafür war eine stabile Hochdruckfront im Grenzgebiet zu Honduras.
Dieses schöne Wetter mit seinem hohen Druck war allerdings gleichzeitig Ursache dafür, dass der Hurrikan "Felix" seinen "normalen" Weg in der Karibik von Süden nach Norden nicht fortsetzen konnte, sondern nach Westen abgelenkt wurde und dadurch mit voller Kraft auf die Küste Nicaraguas prallte. Der regenreiche Sturm erreichte Spitzengeschwindigkeiten von 260 Kilometern pro Stunde, ein Hurrikan der höchsten Kategorie.

Gut vier Wochen danach lautet die immer noch vorläufige Bilanz: 102 tote und 133 noch vermisste Personen, insgesamt 198 069 Geschädigte. Darüber hinaus verursachte der Hurrikan folgende materielle Schäden: die Zerstörung von 20 394 Häusern, 57 Kirchen, 102 Schulen und 43 Gesundheitszentren, 300 Meilen unpassierbar gewordene Straßen, einschließlich Brücken und Abflussrinnen, 216 000 Morgen vernichteter Feldfrüchte, den Verlust von 40 011 Stück Vieh sowie die Zerstörung von 1 366 kleinen Booten und 48 355 Sets an Fischereigeräten. Die Regierung schätzt, dass Felix materielle Schäden von über 850 Millionen US-Dollar verursacht hat. Hinzu kommt, dass 1,2 Millionen Morgen Wald zerstört wurden. Die Regierung bezeichnete die "ökologische Tragödie" als "gewaltig".

Präsident Daniel Ortega rief den Notstand für das Gebiet aus und verhängte eine dreitägige Staatstrauer. Dass die Bilanz in Bezug auf den Verlust an Menschenleben nicht noch schlimmer ausfällt, wurde sowohl in Nicaragua selbst als auch von einigen ausländischen BeobachterInnen den in der Folge des Hurrikans "Mitch" (Oktober 1998) ausgearbeiteten und gesetzlich verankerten Notfallplänen zu Gute gehalten. Danach arbeiteten die nationalen und regionalen Institutionen gut koordiniert zusammen, die Evakuierungen der Bevölkerung funktionierten in den allermeisten Fällen "exzellent". Allerdings hätten sich viele der hier lebenden Mískitos vom herrlichen Wetter täuschen lassen und sich einer rechtzeitigen Evakuierung verweigert.

Im Verlauf der vergangenen Woche gab es jedoch auch mehrere Beschwerden von Mitgliedern der Gemeinden, die von "Felix" betroffen waren, dass die Behörden nicht genug getan hätten, um Todesfälle zu vermeiden. Die Behörden wurden außerdem beschuldigt, sie würden Nahrungsmittel und sonstige materielle Hilfe nicht wirksam verteilen. Am 19. September schickte der Ältesten-Rat der Moskitia einen öffentlichen Brief an Präsident Ortega und an den Oberkommandierenden des nicaraguanischen Heeres, in dem sie verlangten, dass eine Untersuchung durchgeführt wird, durch die man feststellt, warum vor dem Eintreffen des Hurrikans nicht weite Gebiete evakuiert worden sind. Laut Ältesten-Rat trägt der nicaraguanische Staat die unmittelbare Schuld daran, dass auf den Cayos-Mískitos-Inseln viele Fischer, die niemand vor der drohenden Gefahr gewarnt hatte, umkamen.

Am schwersten betroffen wurden neben den Cayos Mískitos die Gebiete von Puerto Cabezas, Sandy Bay, Bilwi und Waspam bis ins Hochland von Bonanza. Hier stehen kaum noch Bäume, viele Häuser sind zumindest vorerst nicht mehr bewohnbar. Die Reisernte, die kurz bevorstand, ist vollständig vernichtet. Der Regen, den "Felix" mit sich brachte, ließ die Flüsse gewaltig anschwellen. Sie führten unzählige Baumstämme mit sich, waren lehmig braun und voller Tierkadaver, so dass sie, ebenso wie die überfluteten Brunnen, kein Trinkwasser liefern konnten.
Hunger und Durst bestimmten in den ersten Tagen nach dem Hurrikan die Situation in den betroffenen Gebieten und vielfach auch in den überbelegten, regionalen Evakuierungszentren, weil Hilfsgüter wegen der zerstörten Infrastruktur nur per Hubschrauber geliefert werden konnten. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Trinkwasseraufbereitungsanlagen, treffen Hilfsgüter wie Lebensmittel, Trinkwasser, Kleidung usw. ein. Daran sind auch private SpenderInnen und Organisationen beteiligt.

Präsident Ortega, der mit seinem Kabinett die Notstandsmaßnahmen leitete, erbat in einer ersten Stellungnahme von der internationalen Gemeinschaft Soforthilfe in Höhe von 40 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig wies er die Armee an, darauf zu achten, dass sich niemand am massenhaft angefallenen Holz bereichere: Es gehöre dem Staat und der Bevölkerung des Nordostens Nicaraguas. An eine schnelle Rückkehr der Evakuierten in ihre Heimatorte ist, trotz derer Bitten, vorerst nicht zu denken. Broocklin Rivera, der höchste Vertreter der Mískitos und deren Abgeordneter im Nationalen Parlament, sagte, zunächst habe die akute Nothilfe Vorrang, später müssten neue Pflanzungen angelegt, neue Häuser und Straßen gebaut werden.

Plan für Wiederherstellung der RAAN

Am 23. September legte Ortega der nicaraguanischen Presse einen umfassenden "Plan zur Wiederherstellung und Rehabilitierung" des Gebietes vor, das vom Hurrikan "Felix" betroffen war. Damit hofft er, internationale Finanzhilfe für die in dem Plan genannten ehrgeizigen Projekte zu erhalten. Das Dokument war von den örtlichen Behörden der Autonomen Nordatlantikregion (RAAN) erstellt worden, denen militärische Stellen und mehrere Regierungseinrichtungen beratend zur Seite standen; es sieht für die kommenden sechs Monate Investitionen von 292,3 Millionen US-Dollar vor.

Als Teil des Plans weisen die Behörden insbesondere auf die Notwendigkeit hin, im kommenden halben Jahr, solange die wichtigsten Maßnahmen zur Rekonstruktion von Infrastruktur und Wohnhäusern sowie die Wiederherstellung der Landwirtschaft und der Fischerei-Industrie durchgeführt werden, 18 500 Tonnen Grundnahrungsmittel als Sofortmaßnahme zu beschaffen. Bisher haben das Welt-Ernährungs-Programm und andere internationale Organisationen als Katastrophenhilfe die Lieferung von 4 500 Tonnen Nahrungsmittel zugesagt; damit verbleibt ein Defizit von 14 000 Tonnen.

Der Plan sieht im Einzelnen folgendes vor: 16,5 Millionen US-Dollar für Nahrungsmittelhilfe, 148 Millionen US-Dollar für den Wiederaufbau von Häusern, 40 Millionen US-Dollar für den Wiederaufbau von Schulen, Gesundheitszentren, des regionalen Krankenhauses und von Kirchen (die Regierung schlägt vor, dass in jeder Gemeinde drei "sichere Unterkünfte" in Form eines Gesundheitszentrums, einer Kirche und einer Schule gebaut werden, die künftig bei Katastrophenalarm zur Verfügung stehen), 46 Millionen US-Dollar für die Wiederherstellung des landwirtschaftlichen Sektors (die BewohnerInnen der RAAN arbeiten mehrheitlich in der Landwirtschaft), 21 Millionen US-Dollar zur Wiederherstellung der Fisch-Industrie (dem zweitwichtigsten Beschäftigungssektor in der Region), 18,3 Millionen US-Dollar für den Schutz der Wälder, die vom Hurrikan betroffen waren (die von Felix verursachte Waldzerstörung hat die Gefahr von Waldbränden enorm vergrößert), 2,5 Millionen US-Dollar für Gefahrenabwendung (dazu gehört die Schaffung eines Frühwarnsystems und die Unterrichtung der Bevölkerung, wie sie sich im Katastrophenfall schützen kann). Gesamtsumme: 292,3 Millionen US-Dollar.

Die Pressekonferenz, auf der der Plan vorgestellt wurde, wurde vom Präsidenten des Indigenen Rats in der RAAN, Carlos Sanders, zu einem dramatischen SOS-Aufruf genutzt. Laut Sanders hatten Mitglieder der indigenen Gemeinden in der RAAN bereits vor der Katastrophe begonnen, aus der Region auszuwandern: "Jetzt bitten wir dringend um Soforthilfe, um das Verschwinden unserer indigenen Stämme in naher Zukunft zu verhindern."
(Quellen:El Nuevo Diario, La Prensa, NicaNet)

Tilo Ballien, Erich Köpp