"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 63 / Herbst 2007
 
 

Aktuelles aus den Projekten

PISA, Ernährungssicherung insbesondere für Frauen und Kinder

El tiempo está volando, die Zeit vergeht wie im Flug. Nahezu zwei Drittel des Projektzeitraums sind bereits vergangen, im August nächsten Jahres soll das von der EU geförderte Projekt regulär abgeschlossen werden. Dies war Anlass für die EU, Ende August von einem unabhängigen Gutachter ein externes Monitoring über den aktuellen Stand des Projekts anfertigen zu lassen. Basis des Monitorings waren das Logframe mit allen angestrebten Maßnahmen und erwarteten Resultaten und die detaillierte Jahresplanung, deren Daten mit dem aktuell Erreichten verglichen wurden. Darüber hinaus hat sich der Gutachter bei seinem einwöchigen Aufenthalt in San Rafael del Sur durch verschiedene Feldbesuche und Gespräche mit Begünstigten und unseren KooperationspartnerInnen in den Gesundheitszentren auch unmittelbar ein konkretes Bild von den Projektfortschritten machen können. Sein endgültiger Bericht liegt noch nicht vor, aber im Gespräch mit unserem Koordinator hat er der Arbeit von CEDRU bereits ein "Gut bis Sehr Gut" attestiert.

Samen von 10 Gemüsesorten für die campesinos und für Frauen mit Hausgärten, 24.000 weitere Bananenstauden, 12.000 Obstbäume zur Versorgung der Bevölkerung, Saatgut für die Aussat von Mais, Bohnen und Sorghum, Werkzeuge für die Anlage und Pflege von Schulgärten, Anmietung von LKWs und Personal für die Durchführung von Hygienekampagnen im Kampf gegen Malaria und Denguefieber, Entwurf und Drucklegung von diversen Flyern und anderem Informationsmaterial: Schon die Liste der im laufenden Jahr eingesetzten Materialien ist eindrucksvoll und lässt erahnen, wie vielfältig und umfangreich die tägliche Arbeit der MitarbeiterInnen von CEDRU ist. Dazu kommt die Organisation und Durchführung von Workshops für alle an einer Maßnahme des Projekts Beteiligten, die Fortbildung für MitarbeiterInnen, PromotorInnen und LehrerInnen, die Aktionstage an 10 weiteren Schulen. In achtzig (!) regulären Veranstaltungen wurde in diesem Jahr bereits an viele Hundert Menschen das notwendige Fachwissen vermittelt, das dazu beitragen soll, die Ernährungssituation in San Rafael del Sur nachhaltig zu verbessern. Dabei werden nicht einmal die vielen Beratungsgespräche erfasst, die auf der Ebene der PromotorInnen, der Hebammen, der Frauen im Menschenrechtsbüro oder vom Personal der Gesundheitszentren zum gleichen Thema geführt werden. Gleichzeitig wird das statistische Erfassungssystem im Gesundheitszentrum weiter ausgebaut, um Grundlagen für eine umfassende Prophylaxe und bessere Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu erarbeiten. Durch die Zusammenarbeit mit MagFor, dem Landwirtschaftsministerium, werden Synergien genutzt und finanzielle Mittel eingespart, die zusätzlich in das Projekt gesteckt werden können und den Kreis von Begünstigten erweitern. Neben all diesen Aktivitäten läuft die Planung für die Installation von 600 Latrinen, die in den verbleibenden Monaten ausgeliefert und installiert werden sollen….All das ohne wesentliche Abweichungen vom Zeitplan oder Maßnahmenkatalog, wie sollte da der Gutachter nicht beeindruckt sein! In einem weiteren Besuch einer Delegation von Bundestagsabgeordneten, die dem Ausschuss für entwicklungspolitische Zusammenarbeit angehören, kommt das Interesse und die Wertschätzung unserer Arbeit ebenso zum Ausdruck wie in der Einladung der FAO (Food and Agriculture Organization, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), das Projekt PISA am Internationalen Tag der Ernährungssicherung am 20. Oktober in Managua öffentlich vorzustellen. Wir selbst sind es, die über die alltägliche Arbeit und die regelmäßigen Erfolgsmeldungen manchmal aus den Augen verlieren, welch effiziente Arbeit von unserem Koordinator Franz Thoma und dem Team von CEDRU in San Rafael geleistet wird.
(Weitere Informationen zum Projekt auch in Atabal 62)

Bildung für Alle

Neben dem Projekt PISA realisieren wir aktuell auch zwei Projekte im Bildungsbereich. Dazu gehört der schon gewohnte jährliche Bau einer weiteren Schule, dieses Jahr in der Gemeinde El Salto, vor allem aber das Projekt deserción escolar, Aktion Bildung für alle. Es reagiert auf die Tatsache, dass über 25 % der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen von San Rafael del Sur vom Schulunterricht "desertiert" sind. Auch dieses von der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Berliner Senats geförderte Projekt haben wir in der letzten Ausgabe des Atabal bereits ausführlich beschrieben. Inzwischen haben die ersten zwei von vier Runden Tische zu dem Thema stattgefunden, an denen alle relevanten Institutionen von San Rafael del Sur teilnehmen, um die unbefriedigende Situation im Bildungssektor durch gemeinsame Anstrengungen deutlich zu verbessern. Während des ersten Runden Tisches stellte Rafael Silva von CEDRU die geplanten Einzelmaßnahmen des Projekts vor, und Carlos Céspedes, der neue Delegierte der regionalen Abteilung von MINED (Bildungsministerium), legte den Anwesenden aktuelle Statistiken über die Einschreibungen der verschiedenen Jahrgänge der letzten Jahre vor. Er betonte, dass insbesondere die Zahl der Anmeldungen für die Grundschule in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gesunken ist und bis zu 35 % eines Jahrgangs nicht wieder zum neuen Schuljahr erscheinen.

Das Thema des zweiten Runden Tisches ist ein gutes Beispiel dafür, dass in diesen Veranstaltungen ein lebhafter Diskussionsprozess läuft, der sehr flexibel auf die jeweiligen Interessen und Erkenntnisse reagiert. Ursprünglich sollte zu diesem Termin über die organisatorische Vorbereitung eines Festivals gesprochen werden, um in der gesamten Gemeinde auf das Thema der deserción escolar aufmerksam zu machen. Stattdessen entschlossen sich die TeilnehmerInnen aber für die Fragestellung, welche Rolle die aktuell in Nicaragua von Regierungsseite diskutierte Neufassung der Curricula im Rahmen des Projekts spielen kann. Es bestand Einvernehmen darüber, dass ein zeitgemäßer Unterricht, der die SchülerInnen auf das individuelle und gesellschaftliche Leben in einer zunehmend globalisierten Arbeitswelt vorbereitet, unverzichtbar ist, um den Schulbesuch attraktiv erscheinen zu lassen. Das setzt neben veränderten Unterrichtsinhalten auch eine bessere Qualifikation der LehrerInnen voraus, von denen viele noch so genannte empiricos sind, die ihren Beruf also nicht regulär studiert haben. Häufig besitzen sie nur den regulären Schulabschluss und werden dann punktuell in Fortbildungsseminaren weiter geschult. Offensichtlich ist auch der Mangel an Fachkräften in den Fächern Mathematik, Englisch, Physik, Chemie. Um die SchülerInnenzahlen in der Secundaria zu erhöhen, betrachten die TeilnehmerInnen der Rund3en Tische es als notwendig, allen InteressentInnen auch den Zugang zu ermöglichen, also weitere Standorte in der ländlichen Region einzurichten, die einen ortsnahen Besuch ermöglichen. Hier erweisen sich die Runden Tische also als ein sehr geeigneter Ort, die neuen Bildungskonzepte der Regierung mit SpezialistInnen und der Zivilbevölkerung zu diskutieren. Dies sind, neben anderen, genau die Impulse, die mit diesem Projekt auf institutioneller Ebene in den Bildungssektor von San Rafael del Sur getragen werden sollten.

Doch auch das Festival der Bildung hat inzwischen in San Rafael del Sur stattgefunden. Am 27. September versammelten sich viele hundert SchülerInnen , LehrerInnen und PromotorInnen eines obligatorischen Schulbesuchs auf dem zentralen Platz von San Rafael del Sur, um mit dieser großen öffentlichen Aktion zum Schulbesuch zu animieren. Eine wichtige Zielgruppe sind in diesem Zusammenhang die Eltern schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher, die im Rahmen des Projekts direkt angesprochen werden. Wichtige Faktoren für die hohe Rate an Schulverweigerern und Abbrechern sind das Desinteresse und die mangelhafte Unterstützung vieler Eltern. An sie wendet sich daher ein Flyer, der in hoher Auflage über die Schulen, aber auch an vielen anderen öffentlichen Orten verteilt wurde, wie auch die großen Transparente, die überall in der Region zum Schulbesuch aufrufen.

ASA

Seit Anfang September halten sich auch wieder zwei ASA-Stipendiatinnen für drei Monate in San Rafael del Sur auf, Silvia und Izabela. Sie sind unmittelbar in die Vorbereitungen für ihr "Mach mit!"-Theaterprojekt eingestiegen, das sie in Kooperation mit den Schulen zu Themen wie HIV/AIDS, Familienplanung und Ernährungssicherung aufbauen wollen. Auch im Rahmen des Festivals der Bildung sind sie bereits an die Öffentlichkeit gegangen, um ihr Projekt bekannt zu machen. Ab Anfang Oktober wird regelmäßig mit zwei Gruppen von Jugendlichen zweimal in der Woche geprobt, und auch LehrerInnen werden über Workshops in die Theaterarbeit nach der Methode des partizipativen Forumtheaters eingewiesen. Für Anfang Dezember ist zum Welt-Aids-Tag bereits ein öffentlicher Auftritt geplant. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse!

Erich Köpp