"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 63 / Herbst 2007
 
 

Tortillakrise in Mexiko

(Wir setzen hier den Bericht der letzten Ausgabe des Atabal über den Themenkomplex Biotreibstoffe und Ernährungssicherheit fort)

NAFTA

Der Preisanstieg der mexikanischen Tortilla ist kein neues Phänomen. Seit Inkrafttreten des NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen zwischen USA, Kanada und Mexiko) am 1. Januar 1994 sind die Kosten für Tortilla um rund 740 Prozent angestiegen. Der Grund dafür ist, dass der mexikanische Agrarmarkt zunehmend von US-Billigimporten überschwemmt wird. Deren Dumpingpreise führten dazu, dass viele mexikanische Betriebe in Konkurs gingen. Schuld daran war und ist aber nicht nur die Aufhebung der Handelsbarrieren, sondern auch die extrem hohe Subventionierung der eigenen landwirtschaftlichen Produkte seitens der US-Regierung. Das kritisiert selbst die WTO (World Trade Organization) scharf. So erhält ein US-Produzent durchschnittlich 20.000 US-Dollar pro Jahr von der Regierung, während sein mexikanischer Konterpart mit einem Zwanzigstel davon auskommen muss.

Die Konsequenzen dieser Vorteile der US-amerikanischen ProduzentInnen und des daraus resultierenden Handelsungleichgewichts zeichneten sich in den letzten Jahren immer deutlicher ab. Die Subsistenzwirtschaft der ländlichen Bevölkerung Mexikos ist zusammengebrochen. Für die Hälfte dieser Menschen reicht der verbliebene Verdienst nun nicht mehr aus, um sich selbst zu ernähren..

Gegen diese Entwicklung machten die mexikanischen Bauern und Bäuerinnen frühzeitig mobil. Im November 2002 formierte sich eine breite Front von Bauern- und Landarbeiterorganisationen gegen die sozialen und wirtschaftlichen Missstände auf dem Land, gegen NAFTA und die Agrarpolitik der Regierung. Seitdem machten sie immer wieder mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam. Am 31. Januar 2003 demonstrierten in Mexiko-Stadt rund 100 000 campesinos aus allen Landesteilen gegen die NAFTA. Auch zahlreiche Gewerkschafter schlossen sich der Bauerndemonstration an, die am Zocalo, dem zentralen Platz der Hauptstadt, endete. Dort machten sie auf einer Massenkundgebung ihre Forderungen öffentlich: Substanzielle Strukturreformen der Regierungspolitik, Abkehr von neoliberaler Agrarpolitik und Neuverhandlung des NAFTA.

Und Präsident Fox reagierte: Er berief für Mitte Februar 2003 einen runden Tisch der Bauernorganisationen und der Regierung zum "nationalen Dialog" ein. Das Abschlusspapier der Verhandlungen vom 28.April 2003 trägt allerdings die deutliche Handschrift der Regierung. Es zeichnet sich vor allem durch eins aus: Gute Willensbekundungen, unverbindliche Zugeständnisse, unzureichende Gelder und unklare Verteilungspolicen. Schlicht übergangen hat die Regierung dabei die wichtigste Forderung der Bauernorganisationen – nämlich die nach einer substanziellen Änderung des Vertrages

Dass die mexikanische Regierung und das Parlament mittel- und langfristige Programme zur Förderung der traditionellen Landwirtschaft und der Kleinbauern erarbeiten wird, ist auch in Zukunft kaum zu erwarten. Die Staatspolitik in Mexiko setzt entschieden auf Wachstum durch Liberalisierung des Marktes. Das Überleben der indigenen Kulturen, die Unterstützung der traditionellen Lokal- und Regionalmärkte und die Einbeziehung der Bauern in ein neues Konzept der Agrarpolitik entsprechen nicht dem mexikanischen Regierungsstil.

"Racismo alimentario"

Der mexikanische Analytiker Armando Bartra hat den wissenschaftlichen Begriff "Racismo alimentario" (Rassismus in Bezug auf die Ernährung) erzeugt, um auf die neoliberale Ideologie hinzuweisen, die sich hinter dieser Erkenntnisse versteckt: "Warum die Mais-Branche, trotz der großen Bedeutung für Mexiko, völlig vernachlässigt ist und war? Der wichtigste Grund ist, dass der Mais das Grundnahrungsmittel der Mehrheit, der Armen, der Erben der ursprünglichen mesoamerikanischen Kulturen ist. Mais ist das, was die Indios essen, was die »peladaje« (arme Schlucker) essen. Und die »criollos« (Kreolen) und ihre Erben, die die »indiada« (Indigena) verachten, verachten auch das Korn, das den Indio ernährt. Infolge dessen ist der Mais wegen rassistischer Erwägungen vernachlässigt worden. Dieser rassistische Verachtung bezieht auch die Unterschätzung der indigenen Sprachen und Kulturen ein".

Der Verlust der ejidos

Die mexikanische Revolution 1917 hatte den ejido unter den Schutz der Verfassung gestellt. Der ejido bezeichnet Staats-Land, das landlosen Bauern zur kollektiven, unbefristeten Nutzung übergeben wird. Das Land blieb stets Eigentum des Staates und war unverkäuflich. Festgeschrieben war dies seit der Revolution 1917 im Artikel 27 der mexikanischen Verfassung.

Mit Beginn der Verhandlungen über den NAFTA-Vertrag wurde dieser Artikel über kollektiven Landbesitz abgeändert. Die neoliberale Regierung Salinas hatte die Ursache für die geringe Produktivität und "Rückständigkeit" der mexikanischen Landwirtschaft in dem ejido ausgemacht. Die Regierung erklärte die Landverteilung für beendet und eröffnete gleichzeitig die Möglichkeit, Gemeindeland zu verkaufen und es so dem Zugriff des Kapitals auszusetzen. Das bedeutete zum einen die faktische Zerstörung des ejido-Systems und damit die Vernichtung der Lebensgrundlagen zahlloser Bauern- und Indígenafamilien. Zum anderen kündigte es das Selbstverständnis der nachrevolutionären mexikanischen Gesellschaft auf, das den Schutz der Bauern als wichtiger Säule der Gesellschaft und des Bodens als Nationaleigentum zum zentralen Bestandteil hatte.

Man schätzt, dass zwischen 500.000 und 700.000 Subsistenzbauern inzwischen die Landwirtschaft aufgeben mussten. Der kleinen Zahl mächtiger und finanzkräftiger Unternehmen, die ihre Erzeugnisse hauptsächlich in die USA exportieren, steht also eine immer größer werdende, verarmte und marginalisierte Mehrheit gegenüber.

Mit den ejidos verschwindet auch die Milpa. Typisch für die Milpa sind die drei Pflanzen Mais, Bohnen und Kürbisse, die gemeinsam angebaut werden und eine Symbiose bilden, auch "die drei Schwestern" genannt. Abhängig von den lokalen Gegebenheiten werden mehrere Arten und Sorten dieser Nutzpflanzen angebaut und auch weitere Pflanzenkombinationen angepflanzt, so dass die Milpa eine wichtige Rolle für die Erhaltung der Artenvielfalt sowie der genetischen Vielfalt der Nutzpflanzen spielt. Häufig findet die Bewirtschaftung der Milpas im Wechsel von etwa zweijährigem Anbau, mehrjähriger kontrollierter Sukzession und anschließender Brandrodung als Vorbereitung für einen erneuten Anbau statt.

Das Monopol der Maiskartelle

Ein großer Teil der Exporte in die USA wird von im Land operierenden US-Konzernen oder anderen Multis mit mehrheitlich ausländischer Beteiligung abgewickelt. Der mexikanische Maismarkt liegt in den Händen von drei großen transnationalen Konzernen: Maseca, Minsa und Cargill. Diese drei Unternehmen sind die größten Käufer von mexikanischem Mais, sie sind gleichzeitig aber auch die größten Importeure von US-Mais. Sie bilden ein Kartell, diktieren die Preise und bestimmen, wieviel Mais sie den mexikanischen Bauern abnehmen. Ein »freier Wettbewerb«, wie er von den neoliberalen Regimen in dem lateinamerikanischen Land verteidigt wurde, wird auch dadurch ausgeschlossen.

Ihre Zwischenhändler suchen gezielt einen ganz bestimmten Maistyp und verschmähen den Mais criollo, der von den BäuerInnen selbst aus den Körnern der letztjährigen Ernte gezogen wurde. Viele ProduzentInnen sind gezwungen, sich dem Diktat des Marktes zu beugen und hybriden Mais anzupflanzen, dessen Körner 'steril' sind und aus denen keine weitere Ernte gezogen werden kann. Die BäuerInnen sehen sich gezwungen, entweder auf dieses 'Geschäft' einzusteigen oder ihr Land zu verkaufen und sich andere Einnahmequellen zu suchen

Als größte Maisimporteure sind die drei Agrarriesen überdies auch mitverantwortlich für die Verbreitung von gentechnisch verändertem Mais, dessen kommerzielle Aussaat in den USA bereits seit 1996 erlaubt ist.

Jorge Peláez