"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 64 / Winter 2007

„Actuando Vamos Cambiando”
"Handelnd verändern wir uns" - Ein entwicklungspolitisches Theaterprojekt

Seit Anfang September halten sich mit Silvia von Canstein und Izabela Zarebska wieder zwei ASA-Stipendiatinnen in San Rafael del Sur auf. Mit ihrem Projekt betreten sie Neuland in der Projektarbeit des Vereins, denn sie machen - Theater. Und zwar Forumtheater, genauer gesagt. Sie spielen also nicht etwa vor Publikum, sondern gemeinsam mit dem Publikum und greifen Themen des Alltags auf, die wir in anderen Projekten auf eher konventionelle Art zur Diskussion stellen: Prävention von HIV/AIDS, die hohe Quote von Kindern, die keine Schule besuchen, Gewalt in den Familien... Und offensichtlich treffen sie in San Rafael del Sur auf offene Ohren, Augen und Arme für ihre unerschöpflichen Ideen, wie ihr nachfolgender erster Bericht zeigt.

Im April kam die lang erhoffte Zusage vom ASA-Programm: Mit einem Teilstipendium ausgestattet dürfen wir nach Nicaragua reisen, um dort mit der Methode des Theaters der Unterdrückten mit Jugendlichen aus San Rafael del Sur ihr Selbstverständnis in der Gesellschaft zu reflektieren! Die Freude war groß und die Erwartungen stiegen ins Unermessliche. Die letzten Tage in Berlin waren gekennzeichnet von chaotischen Euphorieausbrüchen bis zu Kompetenz anzweifelnden Angstattacken. Sind wir fachlich in der Lage, mit jungen Menschen einer anderen Kultur ihre Grenzen zu berühren? Werden sie sich darauf einlassen können? Was wird von uns erwartet? Diese und andere Gedankenstrudel nahmen uns voll und ganz ein, während die Zeit ihren Lauf nahm und die Fragen sich von allein zu lösen begannen. Nun sind wir schon einige Wochen hier. Zeit für einen Zwischenbericht.

Die Theaterarbeit mit den beiden Jugendgruppen

Annieth sagt, sie möchte Ärztin werden, wenn sie groß ist. Dabei zupft sie ihren alten Rock zurecht. Juanita wird Anwältin. Ihre Welt beschreibt sie mit einem flotten Hüftschwung. Mit glänzenden Augen, das Haar mal wieder nass von zu viel tropischem Regen auf San Rafaels Straßen, kommen die Jugendlichen nach der Schule, nach der Arbeit, nach ihren Aufgaben in die neu geschaffenen Raum des Theaters. Manche haben noch ihre Schuluniform an, manche haben nichts gegessen und manche kommen gar nicht, weil die Wege zu Flüssen wurden. Da hat man nicht immer ein Boot parat.

Nach einer kurzen Orientierungszeit und intensiver Zusammenarbeit mit CEDRU, dem Gesundheitszentrum und dem regionalen Bildungsministerium (MINED) haben wir beschlossen, direkt in San Rafael del Sur mit einer schon existierenden Jugendgruppe, dem "Club junger Erwachsener", die Theaterarbeit aufzunehmen. Außerdem fuhren wir in die Nachbargemeinde Masachapa, um dort in dem "Colegio de la República de Ecuador" den Jugendlichen unser Angebot einer Theatergruppe zu unterbreiten. Schließlich hielten wir einen Zettel mit 30 Namen in der Hand, der uns sehr freute, doch auch gleich ein Stück weit überforderte.

Denn wie soll intensive Theaterarbeit, die einen bewusstseinsweckenden Prozess in sich birgt, mit 30 quirligen Geistern möglich sein? Ziemlich schnell wurden wir allerdings daran erinnert, dass wir im wunderbar vulkangefalteten Nicaragua sind, wo alle Uhren anders laufen. Am ersten Tag kamen schlichtweg nur vier Jugendliche. Diese mussten dann sogar draußen bleiben, denn für den vereinbarten Raum gab es plötzlich keinen Schlüssel. Einen Schluck Wasser, was nicht nur in den Nachmittagsstunden ein kostbares Gut ist, konnten wir ihnen dementsprechend auch nicht bieten.

Doch beim nächsten Mal kamen sie endlich alle hereingeschwirrt, interessiert und scheu zugleich. Sie ließen sich auf unsere herumscheuchenden Spiele und unser geistreich deutsches Spanisch ein, wir uns auf ihre unkoordinierten Energielawinen. Wir teilten die Gruppe in zwei kleinere und treffen uns mit jeder von ihnen zweimal wöchentlich zur Arbeit an ihren Themen: Gewalt im Elternhaus, Drogenmissbrauch, und sexuell übertragbare Krankheiten. In den Improvisationsszenen spiegeln sich ihre Widersprüche wider, ihre Ängste und ihre Ausweglosigkeit. Gleichzeitig aber auch ihre Stärke, ihr Mut und ihre Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft. Durch die partizipative Methode des Forumtheaters entstehen nur allzu bekannte Bilder, die von ihnen selbst hinterfragt werden. Hier dürfen sie sich freispielen, doch fehlt einigen noch das nötige Vertrauen, um den Raum für sich nutzen zu können.

Drei Aufführungen von und mit ihnen sind für Ende November und Anfang Dezember geplant. Höhepunkt wird sicherlich der 1. Dezember, Welt-AIDS-Tag. Bis dahin ist noch viel zu tun, denn der Prozess des gegenseitigen Empowerments benötigt Zeit und Energie, um wachsen zu können.

Fortbildung mit LehrerInnen

!Qué divertido! LehrerInnen, die als Hühner - " pok, pok, pok" - umherlaufen, sich blind durch den Raum führen lassen, wie Kinder losrennen, um noch einen Stuhl zu erwischen oder in schicken Kostümen auf dem Boden in einer Statue einfrieren… - Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an unsere zwei Fortbildungen für das Lehrpersonal denke, die wir im Rahmen des Projektes "Aktion Bildung für alle" von MINED und mit der Hilfe von CEDRU im Oktober durchführten. Insgesamt nahmen 60 LehrerInnen der ganzen Gemeinde teil.

Ziel dieser Fortbildungen war auf der einen Seite die Vermittlung bzw. Auffrischung aktiver Methoden für den Schulunterricht, der hier hauptsächlich frontal gehalten wird, und auf der anderen Seite die Auseinandersetzung mit der Problematik der Schulflucht (Deserción Escolar). Zu Beginn unserer Seminare bedienten wir uns einiger Aufwärmspiele, mit denen wir die LehrerInnen zum Klatschen, Rennen, Massieren, Verknoten und zum Schreien brachten.

Im ersten Seminar erarbeiteten wir gemeinsam die Methode des Statuentheaters (eine Methode des Theaters der Unterdrückten). Es entstanden Statuen zum Begriff Ungerechtigkeit und dem Thema Schule. Wir sahen Statuen von geschlagenen SchülerInnen, knieend am Boden oder mit erhobenen Armen vor der Wand, mit dem Unterschied, dass diesmal die LehrerInnen diese Positionen einnahmen. In einer zweiten Phase erarbeiteten die LehrerInnen Szenen zum Thema der Schulflucht. Sie reflektierten sehr stark ihren eigenen, oft desinteressierten und gar nicht pädagogischen Lehrstil (z.B. werden die SchülerInnen dazu verdonnert, 50 Seiten aus einem Buch abzuschreiben). Auch die Problematik der Kinderarbeit und der fehlenden Mitarbeit der Eltern wurde sehr kreativ szenisch umgesetzt.

In unserem zweiten Seminar beschäftigten wir uns mit der Methode des Forumtheaters. Zur Einführung erarbeiteten wir die verschiedenen Rollen von Unterdrücker und Unterdrücktem/r (opresor - oprimido/a) in Situationen des Alltags. Auch diskutierten wir über die Positionen der LehrerInnen in ihrer Arbeit. In den anschließend erarbeiteten Forumtheaterszenen suchten wir nach Handlungsalternativen. In einer Szene sahen wir zum Beispiel die schwierige Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern, und es wurden verschiedene Varianten vorgestellt, wie gegenseitige Beschuldigungen vermieden werden können. In einer anderen Szene wurde die Problematik des armen Schülers gezeigt, der nur deshalb schlechte Noten bekommt, weil er nicht wie die anderen SchülerInnen der Lehrerin Geschenke machen kann. Eindrucksvoll wurde eine Szene vom Publikum durchgespielt, in der ein Junge angesichts von Strafe selbstbewusster handelte, wissend, welches seine Rechte sind.

In der anschließenden Phase der gemeinsamen Evaluation bekamen wir ein sehr positives Feedback, und die meisten LehrerInnen wollen die erlebten Methoden in ihrem Unterricht ausprobieren. Denn wie sagte eine Lehrerin so schön: "Es gibt keine bessere Methode als eine, die mir selber Spaß macht."

San Rafael del Sur, Oktober 2007
Silvia von Canstein und Izabela Zarebska

Das Theater der Unterdrückten wurde in den 70er Jahren von dem Brasilianer Augusto Boal als Antwort auf die damalige staatliche Repression entwickelt. Es wurde in vielen diktaturgeplagten lateinamerikanischen Ländern praktiziert und ist heute weltweit in der politischen Bildungsarbeit verbreitet.