"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 64 / Winter 2007
 
 

Zwei Monate nach dem Hurrikan Felix

Wir haben bereits in der letzten Ausgabe des Atabal über die Spur der Zerstörung berichtet, die der Hurrikan Felix im Nordosten des Landes am 4. September hinterlassen hat. Dabei waren wir auf die Berichte nicaraguanischer Medien angewiesen. Die folgenden Schilderungen stammen von unserem Vereinsmitglied Tom Lippert, der für den DED in Puerto Cabezas, mitten im betroffenen Gebiet, arbeitet. Sie sind natürlich viel persönlicher, vermitteln aber auch einen tieferen Einblick in das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Der Hurrikan hat fünf der acht Municipios der RAAN (Autonome Region Nördlicher Atlantik) stark in Mitleidenschaft gezogen. Über 25.000 Quadratkilometer, das entspricht etwas weniger als der Fläche Brandenburgs, sind von massiven Schäden betroffen. Etwa 300 Menschen fanden dabei nach offizieller Version den Tod. Nach Aussage der Menschen vor Ort müssen es allerdings Tausende gewesen sein. Allein auf den vorgelagerten Inseln hielten sich etwa 1000 Menschen auf, als der Sturm über sie hereinbrach. Zweihundert von ihnen seien von der Defensa Civil (Zivilverteidigung) evakuiert worden, und einhundert hätten sich über das Nachbarland Honduras gerettet, heißt es. Was mit den restlichen Menschen passiert ist, wissen nicht einmal die Familienmitglieder der vielen Verschwundenen zu beantworten. Die ganze Wahrheit liegt auch nach zwei Monaten noch im Dunkeln. In den Wochen nach dem Hurrikan wurde ständig von angeschwemmten Leichen vor den Küsten Jamaikas, den vorgelagerten Inseln, die zu Kolumbien gehören, und an der eigenen Küste berichtet. In der offiziellen Darstellung beharrt man jedoch auf der Zahl von dreihundert Toten.

Die Menschen der RAAN erklären sich diesen Widerspruch damit, dass sowohl Regional- als auch Nationalregierung und die Defensa Civil die deutlich höhere Anzahl von Toten leugnen, um nicht aufgrund eigenen Versagens zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Mehrheit der verstreut lebenden Bevölkerung wurde nicht oder nicht rechtzeitig auf das Heranrücken des Hurrikans der höchsten Stufe hingewiesen. Fünf Tage lang konnte man im Internet verfolgen, wie der Hurrikan direkt auf die Region Puerto Cabezas zustrebte, jedoch vertraute man von offizieller Seite bis zur letzten Stunde darauf, dass er, wie so oft zuvor, vor Erreichen der Küste nördlich nach Honduras abdrehen werde.

Innerhalb weniger Stunden wurde weit mehr als eine Million Hektar Wald komplett vernichtet. Dort existiert einfach nichts mehr. Die Spur des Hurrikans quer durch die RAAN dehnt sich auf einer Breite von etwa 150 Kilometern und einer Länge von etwa 300 Kilometern aus. Danach verlor der Sturm rasch an Kraft, insbesondere durch die vielen Gebirgsketten des Schutzgebietes Bosawas. Neben der großflächigen Waldzerstörung wurden auch alle Ackerflächen mit Reis, Bohnen, Bananen, Yuca und anderen Grundnahrungsmitteln nachhaltig zerstört. Rund 200.000 Menschen hatten in einem Augenblick nicht nur ihr ganzes Hab und Gut verloren, sondern auch ihre gerade eben reifen Ernten der Grundnahrungsmittel, so dass sie für Monate auf hundertprozentige Hilfe von außen angewiesen sein werden.

Die Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen sind in den ersten Tagen sehr unterschiedlich angelaufen. Während in den Gemeinden um die Stadt Bilwi herum sehr schnell Lebensmittel und Material eintrafen, hungerten die Menschen in anderen Gemeinden bis zu 4 Wochen und konnten sich nur mühselig mit Nahrungsresten und der Hilfe ihrer weit verstreuten Familien am Leben halten. Es kann auch nicht bestritten werden, dass die Regionalregierung, die von der Miskitopartei Yatama beherrscht wird, sehr rassistisch und nach politischem Kalkül in der Auswahl der Gemeinden vorgegangen ist. Reine Miskitogemeinden wurden in der Versorgung eindeutig bevorzugt. Von Mestizen bewohnte Gemeinden wurden erst nachrangig mit starken zeitlichen Verzögerungen mit Lebensmitteln versorgt. Aber auch andere Parteien hatten keine Scham, jede Hilfsaktion in politische Münze zu konvertieren. In einem Dorf nahe Bilwi konnte ich beobachten, wie Mitglieder der ALN (Alianza Liberal de Nicaragua, Liberale Allianz) Nahrungsmittel, Decken und andere Materialien in das Dorf brachten und eine Frau des Dorfes für eine Fernsehaufnahme präparierten. Sie sollte erzählen, dass die Funktionäre der ALN die ersten wären, die in das Dorf gelangten und Lebensmittel und Decken brächten. Dabei konnte man auf dem Bildschirm im Hintergrund mit weißen Plastikplanen abgedeckte Hausdächer sehen, auf denen groß USAID geschrieben stand. Ausnahmslos jede Partei machte sich diese Praktiken zu Eigen. Den Betroffenen aber scheint das sehr egal zu sein, solange nur ein Nutzen für sie entsteht.

Inzwischen geben sich alle bekannten Spenderorganisationen hier die Klinke in die Hand. Von FAO (Welternährungsorganisation) über WFP (World Food Program) bis CARE, CARITAS, Rotes Kreuz, etc.. Alle Organisationen wollen am liebsten in die Gemeinden investieren, die gut erreichbar sind. So sind Dopplungseffekte vorprogrammiert, während abgelegene Gemeinden das Nachsehen haben. Zudem erzählen die BewohnerInnen dieser Gemeinden, dass die verbliebenen Wildtiere der zerstörten Wälder quasi direkt zu ihren Kochtöpfen liefen, da sie in den zerstörten Wäldern nichts mehr zu fressen fanden. Für viele Spezies bedeutet der Nahrungsmangel in Folge des Hurrikans das Aussterben zumindest in dieser Region. Noch immer kann man geschwächte Tiere an den Wegen beobachten, die man sonst nie zu Gesicht bekam: Verschiedene Affenarten, Ameisenbären, Gürteltiere, Tukane.

Seit dem Hurrikan hat sich das Mikroklima in den betroffenen Gebieten merklich verändert. Die Temperaturen sind extremer geworden, die Nächte kälter, die Tage heißer. Die Winde sind stärker, das Klima ist insgesamt etwas rauer und trockener geworden. In vielen Gemeinden fehlt Wasser, obwohl es sich hier um eines der regenreichsten Gebiete Zentralamerikas handelt. Man kann hier gerade sehr gut beobachten, welch vielfältigen Nutzen Wälder haben. Sie federn alle Wettereinflüsse extrem ab. Dieser Effekt wird hier ausbleiben, bis die Wälder in 50 bis 100 Jahren eine ähnlich hohe Biomasse wie vor dem Hurrikan aufweisen und als Klimapuffer dienen können.

Die nächste möglicherweise noch größere Katastrophe steht der Region erst noch bevor. Ab Ende Januar, Anfang Februar besteht mit Beginn der Trockenzeit die Gefahr riesiger Brände überall dort, wo die zerstörten Wälder am Boden liegen. Ein funktionierendes Sicherheitssystem mit Waldschneisen und Beobachtungstürmen würde mindestens 12 Millionen Dollar kosten. Wo aber soll sich dieses ständig durch Naturkatastrophen zurückgeworfene Land 12 Millionen Dollar besorgen, da doch die Finanzen nicht einmal für Lebensmittel, Baumaterialien und Saatgut reichen? Im Moment weiß noch niemand zu sagen, wie dieser Gefahr ernsthaft begegnet werden kann.

Andere Schäden resultieren aus der Veränderung des Meeresbodens. Da das karibische Meer im Küstenbereich außerordentlich flach ist, hat der Hurrikan die Oberfläche des Meeresbodens dort massiv verändert. Wo die Fischer früher Sandbänke angesteuert haben, ist nun nur noch nacktes Gestein vorzufinden. Mit dem Verschwinden der Sandbänke verschwinden auch die Meeresbewohner: Fische, Langusten, Garnelen, Seegurken. So sind die Fischer doppelt betroffen. Auf der einen Seite haben sie oft ihr komplettes Hab und Gut verloren, und auf der anderen Seite müssen sie nun weit hinausfahren, wo das Meer deutlich tiefer und das Tauchen entsprechend gefährlicher ist.

Zwei Monate nach dem Hurrikan ist neben dem Alimentationsprogramm auch mit dem Wiederaufbau der zerstörten Häuser begonnen worden. Erklärtes Ziel der Regionalregierung ist es, dass alle Familien die Weihnachtstage unter einem festen Dach verbringen können. Ein ehrgeiziges Ziel, wenn man sich vergegenwärtigt, dass innerhalb der nächsten 6 Wochen etwa 25.000 Häuser aufgebaut werden müssten. Ein gutes Dutzend internationaler Hilfsorganisationen hat sich bereit erklärt, jeweils Hunderte von Häusern zu finanzieren. Dennoch ist bereits absehbar, dass tausende Familien die Weihnachtstage noch immer in viel zu engen Notunterkünften verbringen müssen.

Die kontinuierliche Lebensmittelversorgung der Bevölkerung der RAAN ist mittlerweile einigermaßen abgesichert. Viele Felder konnten mit internationaler Hilfe inzwischen neu bestellt werden, so dass im Februar/März nächsten Jahres mit der ersten Bohnenernte auf den eigenen Feldern gerechnet werden kann, falls diese nicht durch Waldbrände zerstört werden.

Das Prinzip Hoffnung ist in der Planung hier in der RAAN zu einer sehr wichtigen Komponente geworden, und Hoffnung und Lebensfreude sind in die Herzen der meisten Menschen zurückgekehrt. Das ist auch der großen internationalen Hilfe zu verdanken. Viele unterschiedliche Projekte sind angelaufen, weitere sind in Planung. Ein Anfang ist gemacht und die Menschen sind wieder hoch motiviert, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Dennoch wird es sehr lange dauern, bis die RAAN wieder ihr altes Gesicht hat.

Puerto Cabezas, November 2007
Tom Lippert