"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 65 / Sommer 2008

P.I.S.A.
Projekt zur Armutsbekämpfung kurz vor dem erfolgreichen Abschluss

Das Nationale Institut für Information zur Entwicklung (Instituto Nacional de Información de Desarrollo, INIDE) hat im März 2008 seinen aktuellen Bericht für Nicaragua vorgelegt. Ergebnis: Die extreme Armut hat sich seit 2001 landesweit verdoppelt. Dieses - von anderen Untersuchungen etwas abweichende - Resultat basiert auf Daten, die im Jahr 2005 in einem nationalen Zensus erhoben und 2007 aktualisiert wurden.

Mit einem Anteil an extremer Armut von 38,1% liegt unsere Partnergemeinde San Rafael del Sur nach dem INIDE-Bericht nur wenig über dem Landesdurchschnitt von 35,7%. Insgesamt wird das Municipio als Gebiet "Mittlerer Armut" definiert. Vor diesem Hintergrund geht unser PISA-Projekt zur Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung nun in seine letzte Phase. Hier eine Zusammenfassung des letzten Zwischenberichts von Rafael Silva, dem leitenden Mitarbeiter von CEDRU, über die Entwicklung des Projekts nach 22 von insgesamt 30 Monaten Laufzeit:

Zunächst ist festzustellen, dass durch das PISA-Projekt schon jetzt, nachhaltig und in hohem Maße eine Stärkung der Zivilgesellschaft des Municipios erreicht wurde. Dies betrifft CEDRU selbst, insbesondere aber auch die Gesundheitszentren von San Rafael und Masachapa, die mit Gärten ausgestatteten Schulen, die Kommission für Menschenrechte sowie die kommunalen Komitees und die freiwilligen PromotorInnen. Hinzu kommt eine intensive Vernetzung und Kooperation mit anderen nationalen Programmen und Projekten. So sind die Voraussetzungen zum Erreichen aller Projektziele geschaffen.

Nach der Regierungsübernahme durch die FSLN Anfang 2007 wurde CEDRU auf munizipaler Ebene einstimmig im Rahmen des Programms "Null Hunger" als Koordinator des "Programa del Bono Productivo Alimentario" (Programm des produktiven Nahrungsmittelgutscheins, PBPA) gewählt. Diese vollständige Übereinstimmung von PISA-Projekt und Regierungsprogramm wurde jedoch bereits Mitte 2007 seitens der Regierung beendet: Das PBPA darf landesweit nicht mehr von Nichtregierungsorganisationen umgesetzt werden.

In der Praxis und insbesondere auf lokaler Ebene beschränkt sich das Programm "Null Hunger" jedoch nicht auf das PBPA. Es ist eine umfassende Strategie zur Armutsbekämpfung mittels der Verminderung der Unterernährung von Kindern (Förderung des Stillens), der Erweiterung der Schulspeisung einschließlich der vermehrten Anlage von Schulgärten und der Nahrungsmittelproduktion über das PBPA und das "Programa Agroalimentario - Semilla Certificada" (Programm zur Ausgabe von zertifiziertem Saatgut für Nahrungspflanzen). Auf diese Weise besteht weiterhin eine große Übereinstimmung zwischen dem Programm "Null Hunger" und dem PISA-Projekt und tatsächlich eine enge Koordination innerhalb des Municipios San Rafael del Sur.

Mit den Maßnahmen in der Landwirtschaft zur Armutsverminderung begünstigt PISA 1.594 Familien im ländlichen Raum. Diesen Familien stand weniger als ein halber Dollar pro Tag und Person zur Verfügung, so dass sie unter der Grenze extremer Armut in Nicaragua liegen. Die durch das Projekt generierte landwirtschaftliche Produktion in den 22 Monaten der bisherigen Laufzeit entspricht für diese Familien einem Wert von 27 Dollar-Cents (19 Euro-Cents) pro Tag und Kopf, was eine enorme qualitative und quantitative Verbesserung des Nahrungsangebots und der Armutsbekämpfung darstellt, denn in der Summe entspricht dies einer Wertschöpfung von mehr als 200.000 Euro. 45% der direkt Begünstigten sind Frauen, so dass das Projekt auch zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Stärkung der Frauen in der Zivilgesellschaft beiträgt.

Die qualitative und quantitative Verbesserung des Nahrungsangebots, die mit der Durchführung der Maßnahmen im Bereich der Landwirtschaft unter der Verantwortung von CEDRU einherging, hat einen Anstieg um 219% in der Produktion und die Verbesserung von 13 nicht-traditionellen Kulturen bewirkt - trotz der Auswirkungen der Phänomene El Niño und La Niña.

Die Projektkomponenten im Gesundheitsbereich, mit der Förderung der grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen, der Erhöhung der Kenntnisse in Bezug auf Ernährung und Gesundheit sowie der Verbesserung der Infrastruktur der grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen haben die institutionelle Betreuung von 1.616 Schwangeren und Müttern von Kleinkindern ermöglicht. Die Zahl der Konsultationen insgesamt ist im Vergleich zum Beginn des Projekts um 28,4% gestiegen. Die akuten Diarrhöe-Erkrankungen gingen um 47,4% zurück. Die Fälle von Dengue und Malaria sind im Bereich San Rafael del Sur trotz des Notstands wegen des hohen Auftretens dieser beiden Erkrankungen auf nationaler Ebene stabil geblieben.

In zehn Schulen wurden Schulgärten eingerichtet. Davon profitieren über 700 SchülerInnen. Weitere Gärten sind in Planung. Ein wichtiger Synergieeffekt ergibt sich daraus, dass CEDRU Mitglied im Netzwerk der "Verbündeten für Schulgärten" ist. Die Schulgärten sind auch ein Beitrag zum nationalen Ziel der Einrichtung von landesweit 800 Schulgärten im Jahr 2008 als Teil des Programms "Null Hunger". Die ständige Einrichtung der Gärten in den Schulen trägt auch zur Verbesserung der Lehr-Lern-Qualität über die Themen der Ernährungssicherheit bei.

Die Fortbildung von bisher 2.530 PromotorInnen für Gesundheit, Menschenrechte und Landwirtschaft, von Kleinbauern, Hebammen, Angestellten der Gesundheitszentren, Multiplikatoren und SchülerInnen (vorgesehen waren 2.400) in den Themen Gesundheit, häusliche Hygiene, gesunde Ernährung und anderen Themen trägt auch zur Stärkung der Gemeindestrukturen bei. Die Erhöhung des Kenntnisstandes über Ernährung und Gesundheit hat bewirkt, dass ein besseres und umfangreicheres Informationsangebot über Familienplanung, Gesundheit, Kleinkindernährung und Hygiene vorhanden ist.

Die Verbesserung der Infrastruktur der grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen hat eine Erhöhung der betreuten Personen und Geburten bewirkt, parallel zur Schaffung eines "E-Siem" genannten Computerprogramms, das die detaillierte statistische Erhebung ermöglicht. Die Gesundheitszentren können nun eine zweckmäßigere Behandlung durchführen und verfügen jetzt über sehr wichtige Daten für eine bessere Planung und Betriebsführung.

Die Organisation der Gemeinde und die Förderung der Geschlechtergleichstellung sind wichtige Eckpunkte des PISA-Projekts, die von großem Einfluss auf die Entwicklung der Gemeinden sind. Männer und Frauen haben gelernt, sich besser zu organisieren und selbst Gestalter ihrer eigenen Entwicklung zu sein. Durch die verschiedenen Aktivitäten des Projekts hat sich die aktive Beteiligung der Frauen verbessert. Jetzt haben die Frauen mehr Einfluss auf die Entscheidungen, nicht nur im häuslichen Bereich, sondern auch auf Gemeindeebene. Sie haben durch Praktiken der Chancengleichheit mehr Zugang zu den Ressourcen, denn die Frauen bilden eine der wesentlichen direkt begünstigten Gruppen des PISA-Projekts, wodurch es zum dritten Millenniumsentwicklungsziel beiträgt (die Geschlechtergleichheit und die Autonomie der Frau zu fördern).

Durch Konzentration auf die Menschenrechte, durch nachhaltige ökonomische und soziale Entwicklung, durch die Förderung der Ernährungssicherheit unter der besonderen Berücksichtigung von schwangeren Frauen, stillenden Müttern und Kindern unter 5 Jahren hilft das PISA-Projekt, die ländliche Armut in San Rafael del Sur zu vermindern.

Dies bestätigen auch die Ergebnisse der externen Prüfung durch die EU, die uns im August 2007 ein "Gut" bescheinigte. Auch eine Delegation deutscher Parlamentarier, die gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Nicaragua CEDRU im September des vergangenen Jahres besuchte, zeigte sich sehr beeindruckt vom PISA-Projekt.

Wir sind also an einem guten Punkt mit der Durchführung der Maßnahmen, was die zeitliche und inhaltliche Erfüllung der Projektziele betrifft, so dass wir, wenn im August 2008 die Förderung durch die EU beendet wird, das allgemeine Ziel befriedigend erfüllt haben werden. Da CEDRU die Verantwortung für den revolvierenden Saatgut-Fonds trägt, der durch das Projekt geschaffen wurde, ist zudem die Nachhaltigkeit der Maßnahmen im Landwirtschaftsbereich garantiert.

Rafael Silva, CEDRU (Übersetzung: Tilo Ballien)