"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 65 / Sommer 2008
 
 

FOMEDUSA oder: Was kommt nach PISA?

Im August endet nach 30 Monaten Laufzeit das von der EU geförderte Projekt PISA zur Ernährungssicherung von Frauen und Kindern. Ein ausführlicher Zwischenbericht aus Nicaragua findet sich an anderer Stelle in dieser Ausgabe des ATABAL. Der Vorstand hat daher bereits vor Monaten mit Franz Thoma und dem CEDRU-Team in San Rafael del Sur darüber diskutiert, welches Folgeprojekt Sinn macht, um die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in der Partnergemeinde weiter mit Förderung der EU zu verbessern. Um einen Antrag mit Aussicht auf Erfolg einreichen zu können, kommt es darauf an, eine qualifizierte Bedarfsanalyse zu erstellen und diese dann mit den Leitlinien der EU abzustimmen. Entsprechen unsere Projektvorstellungen den gewünschten Schwerpunkten der EU für Nicaragua? Diese Leitlinien werden immer wieder aktualisiert, so dass sich bei jeder Antragsstellung ein neues Bild ergibt. So mussten wir uns auch dieses Mal erst mit neuen Richtlinien vertraut machen. Wesentliches hat sich allein dadurch verändert, dass der Kreis der potenziellen Antragsteller enorm erweitert wurde. Zukünftig sind nicht nur entwicklungspolitische NRO antragsberechtigt, sondern generell "Nichtstaatliche Akteure und Lokale Autoritäten". Dahinter verbergen sich beispielsweise Vertretungen indigener Gruppen, Gewerkschaften, Kooperativen, Frauen- und Jugendverbände, Menschenrechtsgruppen, Institutionen der Kultur und Wissenschaften, die Kirchen, Stiftungen, ja sogar Kommunen. Und während in der Vergangenheit allein NRO aus einem der europäischen Länder antragsberechtigt waren, so gelten die neuen Leitlinien jetzt auch für alle potenziellen Antragsteller in allen 60 Ländern, für die das Budget zur Verfügung steht. Da braucht es einigen Mut, sich überhaupt für die aufwendige Ausarbeitung eines Projekts und die entsprechende Antragstellung zu entscheiden. Nur ca. 15% der Anträge werden positiv beschieden. Für Nicaragua stehen dieses Jahr 2.000.000 € zur Verfügung, bei einer maximalen Fördersumme von 300.000 € pro Antrag reicht diese Summe für lediglich sieben Projekte. Wir haben es trotz allem gewagt und Ende März die vorgeschriebene Kurzfassung des Antrags eingereicht. Bei einer positiven Vorauswahl müssen wir mit dreizehn weiteren Organisationen aus ganz Europa und Nicaragua einen Vollantrag einreichen, der noch einmal sehr viel Arbeit machen wird, ehe dann Ende des Sommers eine endgültige Entscheidung getroffen wird

FOMEDUSA soll das neue Projekt heißen: Fomento de la educación primaria, la salud preventiva y las estructuras comunitarias en San Rafael del Sur, also die Förderung der Grundschulbildung, präventiver Gesundheitsmaßnahmen und der kommunalen Strukturen in San Rafael del Sur. Die beiden ersten Schwerpunkte sollen dem Erreichen wichtiger Millenniumsentwicklungsziele dienen. Mit dem Projekt "Bildung für alle" hatten wir bereits 2007 die Grundlage für ein verstärktes Engagement im Bildungssektor geschaffen. Diese Erfahrungen sollen aufgegriffen und der Projektansatz ausgebaut werden. Ziel ist es, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen, die möglichst allen schulpflichtigen Kindern in San Rafael del Sur den Grundschulbesuch ermöglichen. Die Zahl von jährlich ca. 1.300 Kindern, die keine Schule besuchen, soll drastisch verringert werden. Die Projektkomponente beinhaltet eine aufwändige Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Schulbesuch, die didaktische Fortbildung der LehrerInnen, um den Unterricht attraktiver und effektiver zu gestalten, die Einrichtung von Bibliotheken oder den Neubau von Schulen.

Mit der Durchführung präventiver Gesundheitsmaßnahmen wird ein Schwerpunkt des Projekts PISA fortgeführt, um weiterhin gegen die Unter- und Mangelernährung in der Region anzukämpfen: Vermittlung ernährungsrelevanter Kenntnisse, Familienplanung, Prävention vermeidbarer Krankheiten. Auch das Thema Missbrauch von Frauen und Kindern soll offensiv aufgegriffen werden. Im produktiven Bereich beinhaltet diese Komponente auch die anhaltende Diversifizierung mit Gemüse und Obst. Die Vergabe von Saatgut für Bohnen, Mais und Sorghum wird ebenfalls fortgeführt, allerdings in eigenständiger Kooperation von CEDRU mit MagFor (Ministerium für Land- und Forstwirtschaft).

Sehr wichtig ist der EU in Zukunft eine deutlich intensivere Stärkung der Selbsthilfekräfte der nicaraguanischen Zivilgesellschaft. Dieses Ziel wird im geplanten Projekt durch umfangreiche Einbindung und Fortbildung der verschiedensten Institutionen und Interessensvertretungen in San Rafael del Sur gefördert. Im Ergebnis soll das Potenzial der Beteiligten gesteigert werden, eigene Initiativen zu entwickeln, konkrete Vorschläge auszuarbeiten und ihre sozialen Forderungen in die Lokale Agenda einzubringen. Auf Ebene der kommunalen Teilgemeinden werden die verschiedenen Komitees an Runden Tischen zum Thema kommunaler Entwicklung vernetzt. Damit werden auch organisatorische Voraussetzungen für einen kontinuierlichen und strukturierten Dialog zur Erarbeitung eines kommunalen Entwicklungsplans geschaffen. Hier sind wir auf die Unterstützung der alcaldía von San Rafael del Sur angewiesen, die nach den Wahlen im November hoffentlich wieder von Noel Cerda und der örtlichen FSLN geleitet werden wird.

Noch heißt es, auf eine Antwort der EU zu warten. Sollte unser Projektvorschlag nicht gebilligt werden, werden wir kurzfristig einen Plan B entwickeln und das Projekt in leicht veränderter Form beim BMZ einreichen.

Erich Köpp

Letzte Meldung:

Obiger Artikel wurde am 28. Mai geschrieben. Einen Tag später kam aus Managua die Nachricht, dass wir aufgrund der Empfehlung der Auswahlkommission bis zum 24 Juli, 15:00 Uhr Ortszeit, einen Vollantrag über das Projekt FOMEDUSA einreichen sollen. Diese Zeilen werden mit zitternden Händen geschrieben. Jetzt ein paar Tage Ruhe, dann machen wir uns an die Arbeit.