"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 65 / Sommer 2008
 
 

Karneval der Kulturen

Wieder einmal ist sie zu Pfingsten durch Kreuzberg gezogen, die bunte Karawane von 100 Gruppen aus 80 Nationen. Rund 4.500 Akteure präsentierten sich den 850.000 ZuschauerInnen, die bei strahlendem Sonnenschein (!) die engen Straßen säumten. Musik und Lebensfreude allerorten, Folklore der unterschiedlichsten Kulturen, wandernde Riesenmasken, StelzenläuferInnen, aber traditionell auch politische Botschaften, wenn auch ganz anderer Art als etwa in Köln. Und mittendrin zum 9. Mal die StäPa mit dem kleinen Traktor und der nicaraguanischen Tanzgruppe COCIBOLCA, die mit dem palo de mayo regelmäßig die ZuschauerInnen um den Verstand bringt (einfach mal bei youtube anschauen). Eigentlich nur kurze drei Kilometer, die aber kaum unter sechs Stunden bewältigt werden mit Tanzen, Lachen, Atemlosigkeit und wunden Füßen.

Dies sind die Stunden, in denen sich die ganze Anspannung der Vorbereitung auflöst, wo die Probleme langsam verblassen, die auch dieses Jahr zu gewohnt letzter Stunde noch auftraten. Wieder mussten wir einen Tag zuvor mit dem Grünflächenamt des Bezirks um die Überlassung des Traktors ringen, eigentlich wollten die Tänzerinnen sich dieses Jahr den Umzug mal in aller Ruhe anschauen, und auch die strengen Jungs von der technischen Abnahme hatten kurz vor dem Start noch Ideen, was man an unserem Umzugswagen noch verbessern könnte. Aber das haut uns längst nicht mehr um, das gehört irgendwie mit dazu, es wäre ja auch sonst zu einfach. Trotzdem, in den Tagen danach, wenn die Erschöpfung noch in allen Knochen steckt, träumt so mancheR von uns davon, nächstes Jahr Pfingsten vielleicht doch einfach mal ein paar Tage nach Mallorca oder…

Aber was würden wir dann nicht alles verpassen. Auch die Tänzerinnen konnten sich letztendlich nicht vorstellen, still am Straßenrand zu stehen und einfach nur anderen Gruppen zuzuschauen. Wo sonst kann man sich vor einem Millionenpublikum auf den Straßen und vor den Fernsehschirmen zeigen? Denn das bietet der Karneval der Kulturen auch, eine Chance zur Öffentlichkeitsarbeit, wie man sie nur selten bekommt. Der Sender RBB, der den Umzug jedes Jahr live überträgt, hat die StäPa mit zwei weiteren Gruppen später am Abend in den "Highlights" etwas ausführlicher vorgestellt, so dass neben dem palo de mayo auch Zeit war, etwas über die Arbeit der StäPa und ihren historischen Hintergrund zu sagen. Und die Nicas konnten sich als exzellente Botschafterinnen ihres Landes und ihrer Kultur beweisen. Wer außerhalb der entwicklungspolitischen Szene weiß denn schon in Berlin etwas über Nicaragua? Und wie wunderbar, dass die Nachricht sich einmal nicht auf die Zerstörungen eines Hurrikans bezieht, sondern um den schwindelig machenden Wirbelwind einer Tanzgruppe!

Traditionell haben wir auch einen Stand auf dem viertägigen Straßenfest des Karnevals der Kulturen. Damit alle wissen, wo sie ihren Soli-Caipirinha trinken oder die Berliner Bohne kosten können, den biologischen Berliner Hauptstadtkaffe, der auch nach Nicaragua schmeckt. Doch ganz so selbstlos ist die Sache nicht, denn wenn die Sonne scheint, dann verdienen wir dort in diesen Tagen einige tausend Euro, die wir in unsere Projekte stecken können. Aus Caipirinha, Rum und Kaffee wird auf diese Weise zum Beispiel Obst und Gemüse in den Schulgärten von San Rafael del Sur. Den SchülerInnen ist es sicherlich herzlich gleichgültig, wie die notwendige Finanzierung beschafft wurde.

So viel Spaß der Karneval der Kulturen auch immer bringen mag, er verlangt auch Jahr für Jahr einen enormen Einsatz. Dutzende von Mitgliedern, SympathisantInnen, TänzerInnen tragen zu seinem Erfolg bei, Sponsoren helfen uns bei der Finanzierung der Kosten. Wir bedanken uns bei jeder und jedem Einzelnen.

Erich Köpp

Wir bedanken uns

bei Dr. Andreas Gerl, Honorarkonsul Nicaraguas in Berlin, für das Sponsoring des Umzugswagens und der Tanzgruppe.